Fünf Minuten vor der Zeit... ist Geschichte! Die Deutschen haben ihre Pünktlichkeit verloren
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- Ob Bahn, Flieger oder Auto: Die Deutschen sind beim Thema Mobilität Unpünktlichkeit gewohnt.
- Ist die deutsche Pünktlichkeit in Gefahr?
„Fünf Minuten vor der Zeit ist des Deutschen Pünktlichkeit“, lautet ein altbekanntes Sprichwort. Doch es scheint seine Bedeutung verloren zu haben.
Bei der Deutschen Bahn (DB) rechnet Verkehrsminister Volker Wissing (FDP) erst Ende 2024 (!) mit einer leichten Verbesserung der Pünktlichkeit. Grund dafür sind Bauprojekte an der maroden Infrastruktur. Im vergangenen Jahr waren nur knapp 60 Prozent der Züge im Fernverkehr pünktlich.

Bahnreisende warten auf ihren verspäteten Zug am Bahnsteig.
In diesem Jahr sind es zwar 69 Prozent. Die Bahn hatte aber eigentlich eine Pünktlichkeitsquote von 70 Prozent angestrebt – doch das scheint nur die Spitze des Verspätungs-Eisbergs zu sein.
Auch auf den Straßen und in der Luft sind wir unpünktlich
Denn wenn ein ICE oder IC der Deutschen Bahn eine Verspätung von fünf Minuten hat oder komplett ausfällt, wird das nicht in der Statistik gar nicht erst erwähnt. Erst ab 10 Minuten gilt ein Zug als unpünktlich.

Erscheint man eine Minute zu spät zu einer Verabredung, gilt das schon als unpünktlich. Die Toleranzgrenze ist bei 15 Minuten überschritten.
Das Autoland Deutschland ist schon lange nicht mehr mit Toleranzgrenze unterwegs. Laut Statistik des ADAC hat sich die Kilometeranzahl der Staus zwischen 2009 und 2022 verdoppelt. 2009 kam es deutschlandweit zu 350.000 Kilometern Stillstand auf den Autobahnen. 2022 waren es 733.000 Kilometer – ein Zeitverlust von insgesamt 330.000 Stunden.
Konkret bedeutet das: Im Schnitt standen die Deutschen jeden Tag 900 Stunden im Stau. Hauptgrund für die langen Wartezeiten seien laut ADAC die Baustellen. Wo Fahrspuren wegfallen oder enger werden, staut es sich besonders häufig. Zwischen 600 und 1000 Baustellen, die zeitgleich bestanden, wurden im vergangenen Jahr gemeldet, so der ADAC.

Laut Statistik des ADAC hat sich die Kilometeranzahl der Staus zwischen 2009 und 2022 verdoppelt.
In der Luft sieht es kaum besser aus. Die Deutsche Lufthansa, Europas größte Airline, ist in der Statistik der zehn pünktlichsten Fluggesellschaften weltweit nicht mehr gelistet. Platz eins wird von der brasilianischen Airline „Azul“ belegt. Auf den Plätzen zwei und drei landen „Japan Airlines“ und „All Mippon Airways“ – beide aus Japan. 2010 belegte die Lufthansa noch Platz neun. Der Rückfall hat mehrere Gründe. Die Luftfahrt hat in den vergangenen zehn Jahren ein durchgängiges Wachstum an Passagieren verzeichnet, so das Statistische Bundesamt.
2009 waren 90,8 Millionen Fluggäste von einem deutschen Hauptverkehrsflughafen gestartet. Zehn Jahre später traten bereits 124,4 Millionen Fluggäste eine Reise von den 24 größten Verkehrsflughäfen in Deutschland an. Dann der Einbruch durch die Pandemie. Inzwischen ist die Reiselust der Menschen aber fast auf Vor-Corona-Niveau, die Flughäfen sowie der Luftraum ist teilweise überlastet.

Auch in der Luft sind die Deutschen nicht unbedingt pünktlich. In der Liste der zehn pünktlichsten Airlines weltweit ist keine deutsche Airline vertreten.
Laut dem Flugrechtportal „AirHelp“ waren im Sommer des vergangenen Jahres 8,3 Millionen Passagiere, die in den Sommermonaten Juni, Juli und August von Deutschland aus geflogen sind, von Verspätungen und Ausfällen betroffen.
Was macht Unpünktlichkeit mit einer Gesellschaft?
Linda Kaiser von der Deutschen Knigge-Gesellschaft rät zu Kommunikation, um Hindernisse aus dem Weg zu räumen. „Wer eine unverschuldete Unpünktlichkeit ankündigt, der erfährt Verständnis und ihm wird verziehen.“ Denn nicht die Unpünktlichkeit sei das Problem, vielmehr der Umgang damit. Für private Treffen empfiehlt sie, die wartende Person eine Viertelstunde vor dem vereinbarten Termin über die neue Uhrzeit zu informieren.

Knigge-Expertin sagt: „In einer wertschätzenden, höflichen Gesellschaft ist es oberstes Gebot, miteinander zu kommunizieren, um Hindernisse aus dem Weg zu räumen.“
Das scheint auch die Bahn verstanden zu haben. Denn in der App „DB-Navigator“ werden Kunden punktgenau über Verspätungen informiert. Zudem hören Fahrgäste bei den Lautsprecher-Durchsagen am Bahnsteig des öfteren den Grund für die Verspätung. Etwa eine verspätete Bereitstellung des Zuges, fehlendes Personal oder eine Signalstörung.
Es gibt auch unhöfliche Pünktlichkeit
Übrigens: Im Privaten ist ein wenig Verspätung sogar angebracht, sagt die Knigge-Expertin. Kaiser erklärte NIUS, dass ein Zeitfenster von fünf bis zehn Minuten vor der verabredeten Uhrzeit als pünktlich gilt. Ab einer Minute später ist man unpünktlich.
Aber: „Die Toleranzgrenze für das Zu-früh- oder Zu-spät-Kommen endet in beiden Fällen bei 15 Minuten vor oder nach der verabredeten Zeit.“ Allzu pünktlich zu einer Verabredung zu erscheinen, ist also auch nicht gut.
Ist den Deutschen nun in Zeiten von Stau, Bahn- und Flugverspätungen tatsächlich ihre berüchtigte Pünktlichkeit abhanden gekommen? Knigge-Expertin Kaiser hat darauf eine Antwort: Es ist noch nichts verloren. Denn: „Wäre die Pünktlichkeit an sich uns nicht mehr wichtig, würden wir uns nicht über Zugverspätungen und Flugausfälle aufregen", sagt Kaiser.
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