Ich bin nicht rechts, ich bin nicht links, ich bin verdammt
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Ich bin verdammt. Verdammt, für immer allein zu bleiben. Wäre ich links, könnte ich mir einen „performative male“ anlachen. Hager, umgangssprachlich auch „Lauch“ genannt. Langzeit-Student im Kombi-Bachelor Soziologie/ Germanistik, Batch Brew-Liebhaber, Baggy-Jeans-Täger (mit obligatorischer Keychain), Kabelkopfhörer im Ohr und immer ein zerlesenes Reclam-Heft unterm Arm.

Prototyp eines linken Mannes. Ein „Ally“ der linken Frau. Gemeinsam gegen das Patriarchat.
Leider bin ich nicht links. Schon bald käme es zu Konflikten, weil ich keine Lust hätte, mit Steinen auf Polizisten zu werfen, in einer oll riechenden Fachschaft an Stuhlkreisen teilzunehmen oder 60-Cent-Bier zu trinken. Ich würde mich den immer gleichen Diskussionen über strukturelle Diskriminierung von XYZ, der Abschaffung des Kapitalismus, Foucault, Butler und Beauvoir entziehen und mich dadurch verdächtig machen. Mist.
Liegt das Glück auf der rechten Seite?
Wäre ich rechts, könnte ich mir einen „Carnivore“-Mann anlachen. Einen, der von morgens bis abends nichts als Fleisch und Fisch isst, sich mit Beef Tallow einreibt, Maskulinitäts-Retreats im costa-ricanischen Dschungel veranstaltet und von einer 10-köpfigen Familie träumt. Oder einen urbanen Rechten, Pomade im Haar, frequenter Sylt-Urlauber, Segelschuhe an den Füßen und eine Schwäche für teure Uhren.

Beim Schnee-Polo in St. Moritz erscheinen die Reichen, Rechten und Schönen.
Leider bin ich nicht rechts. Schon bald käme es zu Ungereimtheiten. Ich würde dem Fleisch-Enthusiasten erklären müssen, dass ich Vegetarierin bin, recht wenig von Mono-Diäten halte und mich in der Zukunft nicht nur in der Mutter-Rolle sehe. Der Sylter wäre früher oder später von meinem legeren Stil irritiert. Statt Ralf Lauren, Prada oder Hermès gibt’s bei mir nur Second Hand. Wenig präsentabel für illustre Abende auf deutschen Inseln oder in Schweizer Ski-Gebieten. Mist.
Ich bin nicht links, ich bin nicht rechts. Ich bin verdammt.
Die Rückkehr der Spießigkeit in Form von Identitätspolitik
Natürlich ist das verkürzt. Natürlich ist das überzogen dargestellt. Natürlich gibt es Nuancen und Zwischentöne. Doch im Kern beschreibt es das Dilemma, in dem ich mich als moderne, Anfang dreißig-jährige Frau gefangen fühle. Die totale Freiheit auf der einen Seite: Ich habe alles, ich darf alles, ich bin unabhängig. Und das Minenfeld Partnerwahl auf der anderen Seite: In einer Welt, die vorgibt, alles sein zu können, hängen wir stärker an identitätspolitischen Markern als je zuvor.
Nach einer langen Zeit der Aufbruchsstimmung und Freiheit haben wir uns in eine immer kleinkariertere Welt manövriert. Denn wer politische Haltung, Ideologien oder Hautfarbe über den Wert und die Liebenswürdigkeit eines Menschen stellt, ist nichts anderes als ein elender Spießer. Doch genau dort sind wir angekommen. Wir daten vielleicht nicht mehr nur in unserer sozialen Klasse, dem Himmel sei Dank. Dafür wählen wir unsere Partner nun danach aus, ob sie auf die gleichen Demos gehen wie wir, die gleiche Partei wählen, im Biomarkt oder bei Penny einkaufen, Flat White oder Filterkaffee trinken oder danach, ob zum Frühstück Porridge oder Steak gegessen wird. Und das ist plötzlich viel drastischer als nur nach sozialem Status zu schauen.

Sag mir, was du trinkst und ich sag dir, ob ich dich date.
Wir lassen keine Widersprüchlichkeit zu
Denn plötzlich sind Paare eine Einheit aus zwei fast identischen Wesen, gleiche Interessen, gleicher Lifestyle, null Reibung. Natürlich ist es wichtig, gerade bei der Wahl eines Menschen, mit dem man idealerweise den Reist seines Lebens verbringt, weise und im Einklang mit den eigenen Werten zu wählen. Aber bedeuten gleiche Werte zwingend, dass man sich in allem einig sein muss?
Ich plädiere für nein. Die Dating-Realität spricht andere Worte. Immer mehr Singles, immer mehr Depression, immer weniger Kinder. Obwohl wir so privilegiert sind wie kaum eine andere Generation, entscheiden wir uns fürs Unglücklichsein. Warum? Weil wir, Frauen wie Männer, keine Widersprüchlichkeit aushalten, dem Partner keinen eigenen Charakter zugestehen und Komplexität ablehnen. Weil wir alles wollen, aber nicht bereit sind, Kompromisse einzugehen. Wer die Partnerwahl auf so fragilen Äußerlichkeiten wie die politische Meinung, den Musikgeschmack oder den Kleidungsstil aufbaut, der kann langfristig nur scheitern. Und da schließe ich mich selbst mit ein.
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