Die Sprengung von Gundremmingen als Fanal: In Deutschland hat der Wahnsinn Methode
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Die Sprengung von Gundremmingen: ein Hochfest des Irrsinns. Schaulustige und Aktivisten beklatschen den Niedergang einer Zukunftstechnologie. Deutschland steigt im Gegensatz zu fast allen anderen Industrienationen aus der Kernkraft aus. Die Kühltürme des ehemaligen Kraftwerks im bayrischen Gundremmingen fallen krachend in sich zusammen. Die Sprengmeister lassen nichts zurück.
Das Getöse ist ein Sinnbild für die deutsche Malaise, keineswegs nur auf dem Feld der Energiepolitik: Auf Sonderwegen und mit Scheuklappen taumelt die Bundesrepublik ins wirtschaftliche Abseits – Widerspruch zwecklos. Ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode.
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Renaissance der Kernkraft findet ohne Deutschland statt
Die Sprengung der Kühltürme geriet zum makabren Volksfest. Kein Stein soll mehr daran erinnern, dass hier einmal auf modernste, zuverlässigste Weise Strom gewonnen wurde. Die weltweite Renaissance der Kernkraft geht an Deutschland vorbei.
Mag auch Finnland ein neues Kernkraftwerk jüngst in Betrieb genommen haben, mag Polen gerade eins bauen und Frankreich an seinen 57 Reaktoren festhalten, von China ganz zu schweigen: Die Deutschen gehen jeden Irrweg zu Ende. Wenn Angst, Nibelungentreue und Lobbyinteressen sich gegenseitig verstärken, nimmt der Wohlstand Reißaus. Die Zukunft findet dann woanders statt.
Industrie wandert ab
Kanzler Merz, Vizekanzler Klingbeil und CSU-Chef Söder tun nicht, was sie hätten tun sollen – und was Merz sogar versprach: Angela Merkels falschen Ausstieg umzukehren. In wenigen Jahren hätte in Gundremmingen wieder sauberer Strom produziert werden können. Stattdessen verfeuert Deutschland Kohle, kauft Atomstrom zu und schaltet in vielen Städten die Gasnetze ab.
Keine Spitzenposition verteidigt die Politik mit größerer Leidenschaft als den ersten Rang auf der Liste der teuersten Strompreise Europas. Ist es ein Wunder, dass immer mehr Firmen pleite gehen oder abwandern oder sich gar nicht erst ansiedeln?
Und so hört es sich an, so sieht es aus, wenn Kühltürme implodieren müssen, damit in Gundremmingen nie wieder Atomstrom produziert werden kann.
Der Autor, NZZ-Journalist und energiepolitische Experte Morten Freidel schreibt: „Wie die Kühltürme des Atomkraftwerks von Gundremmingen in sich zusammenstürzen und spontaner Applaus aufbrandet, das wird einmal in Geschichtsbüchern stehen. Eine industrielle Gesellschaft beklatscht ihre eigene Ratlosigkeit und die mutwillige Demontage ihrer selbst.“ Die Lust an der Vernichtung ist in der Tat atemberaubend.
Angela Merkels falsche Saat
Die Erinnerung soll getilgt, eine zukünftige Nutzung verhindert werden. In Gundremmingen ging Merkels falsche Saat abermals auf. Es war nämlich eine CDU-Kanzlerin, die an der Seite eines FDP-Koalitionspartners und im Einklang mit einer breiten gesellschaftlichen Angst-Stimmung den Ausstieg aus der Zukunft ins Werk setzte. Man schrieb den 9. Juni 2011, 90 Tage nach dem Seebeben von Fukushima.
Die Stimmungskanzlerin beugte sich einer Stimmung. Und sie reaktivierte die Ängste vor einem zweiten Tschernobyl. Das ist das Eine. Das Andere aber ist: Seitdem, seit 14 Jahren halten die bestimmenden politischen Kräfte an dieser falschen, rein deutschen Entscheidung fest. Keine CDU, keine CSU, keine SPD, keine FDP und erst recht kein Bündnis 90/Die Grünen waren bereit, das zu tun, was jede verantwortliche Politik tun muss: alte Entscheidungen im Lichte neuer Erkenntnisse zu überprüfen.
Die Kernkraft wird weltweit längst nicht mehr als jenes Hochrisiko betrachtet, als das sie Merkel 2011 präsentierte. Die Zeit und die Forschung gingen über die Ängste der Deutschen hinweg. Man sieht: Wer im Bremserhäuschen der Vernunft sitzt, wird abgehängt.
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