Danke, Thomas Gottschalk: Der wahrscheinlich letzte Auftritt der TV-Legende
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Es ist ein historischer TV-Abend, den Barbara Schöneberger, Günther Jauch und Thomas Gottschalk am Samstag eröffnen: Zum letzten Mal bestreitet das Trio nach sieben Jahren die RTL-Show „Denn sie wissen nicht, was passiert“. Es ist „das große Finale“ für Thomas Gottschalk, der sich mit 75 Jahren aufgrund einer Krebserkrankung aus der Öffentlichkeit zurückzieht. Die Show ist Live on Tape, wurde also mit einer kleinen Zeitverzögerung aufgezeichnet. Das ist bei Sendungen üblich, in denen man auf Pannen reagieren muss.
Günther Jauch und Barbara Schöneberger tragen Schottenrock. In ihrer Mitte: Thomas Gottschalk, untypisch brav im eleganten Samtsmoking. Nur die Glitzerschuhe erinnern daran, dass der Moderator in seinen fast fünf TV-Jahrzehnten regelmäßig extravagante Outfits trug.

Es ist ein historischer TV-Abend, den Barbara Schöneberger, Günther Jauch und Thomas Gottschalk am Samstag eröffnen.
Denn sie wissen nicht, was passiert
Der Sendungstitel ist Programm, denn nach Gottschalks Bühnen-Aussetzern und seinem Krebs-Geständnis weiß niemand, ob es gelingt, dem Dino der deutschen Fernsehunterhaltung einen Ausstand in Würde zu ermöglichen. Gottschalk muss starke Schmerzmittel nehmen, über deren Nebenwirkungen er im BILD-Interview sagt: „Mit diesen Tabletten fühle ich mich, als würde ich mit meinem Kopf in einer Waschmaschine stecken“.
Selbst für erfahrene Live-Allzweckwaffen wie Schöneberger und Jauch ist dieser Abend eine Herausforderung: Sie müssen jemanden einfangen, der manchmal moderativ davongaloppiert – und ihn gleichzeitig schützen. Noch gestern beruhigte Gottschalk seine 164.000 Instagram-Follower per Video: „Macht Euch um mich keine Sorgen. Ihr wisst, dass ich die Dinge positiv angehe.“
Positiv ist die Grundstimmung der Show: Nach seinen Aussetzern bei Bambi und Romy, nach all der Häme von Presse und Kollegen, er möge bitte aufhören, sein wahrer Charakter zeige sich jetzt, schlägt dem Bald-Rentner im Studio eine Welle der Liebe entgegen: Die Band spielt Adios Amigo, es gibt minutenlange Standing Ovations, das Publikum hält Dankes-Schilder hoch. Auf einem steht: „Wetten, dass wir Thomas vermissen?“

Selbst für erfahrene Live-Allzweckwaffen wie Schöneberger und Jauch ist dieser Abend eine Herausforderung.
„Wir sind heute alle ein bisschen Gottschalk“
…sagt Barbara Schöneberger und liegt damit richtig: Eine Ära der Fernsehunterhaltung geht zu Ende, die bisweilen mehr als 20 Millionen Menschen vor den Fernseher lockte.
Während parallel im ZDF die „Herz für Kinder“-Gala läuft und Promis aus Sport und Politik sich spendabel zeigen, ist auch Gottschalks Abschied der Abend der großen Gefühle. Denn auch hier haben sich echte Schwergewichte der Unterhaltung versammelt: Giovanni Zarrella und Jörg Pilawa treten gegen das Trio an und spielen um 20 000 Euro. Moderiert werden die Spiele von Gottschalks Freund Mike Krüger.
Doch die ersten Minuten sind beklemmend. Gottschalk wirkt steif, wie ein Zuschauer in seiner eigenen Show. Im Sommer kündigte er seinen TV-Abschied mit den Worten an: „Wenn der Papst jünger ist als ich, ist für mich die Sache gelaufen“.
Gottschalk geht. Aber nicht, ohne ein paar typische Tommy-Zoten dazulassen: Als Mike Krüger die Moderation in die Länge zieht, da witzelt Gottschalk: „Ich bin nicht der einzige, der überzieht – der Krüger kann das auch.“ Es sind gut abgehangene Sprüche, mit denen sich nicht nur er sicher fühlt, sondern auch seine Zuschauer. Für einen kurzen Moment ist wieder 1992, und alle sitzen frisch gebadet, mit Schnittchen vorm Fernseher.
Gottschalk, der bisher nur wenig Redezeit hatte, lässt durchblicken, mit welcher Eselsbrücke er sich sein Geburtsdatum ausrechnet. Er lächelt viel und spricht wenig. Aber man passt auf ihn auf. Im Publikum sitzt seine Ehefrau Karina, die sichtlich angespannt ist. Läuft dieser letzte Auftritt rund – oder muss sie gleich wieder böse Schlagzeilen lesen?

Die ersten Minuten sind beklemmend. Gottschalk wirkt steif, wie ein Zuschauer in seiner eigenen Show.
Ein Abend voller Menschlichkeit
Muss sie wohl nicht: Die Gottschalk-Gala ist eine gelungene Mischung aus Herzlichkeit, derben Späßen und echtem Mitgefühl: Schöneberger sorgt mit Kicher-Krachern („vaginal statt diagonal“) für Auflockerung, Jauch agiert cool. Aber nicht eine Minute lang verliert jemand die Hauptperson aus den Augen: Gottschalk, der sich die meiste Zeit am Pult abstützt.
Das Unterhaltungsbusiness ist gnadenlos. Heute aber geht es menschlich zu. Das Motto: Alle machen Fehler. Sogar RTL, das gerade einen großen Stellenabbau angekündigt hat und sich mit dem korrekten Titel von Prinzessin Kate vertut. Klar ist: Hier ist heute keine Zeit für Klugscheißereien.
Wer Gottschalk nach den letzten Auftritten Honig im Kopf andichten wollte, der hat die Studio-Rateteams nicht erlebt, die als Bundespräsidenten Olaf Scholz nennen, keine Nobelpreis-Kategorien kennen („nee sorry“) und schon gar keine Evangelisten aus dem Neuen Testament: („Bin aus der Kirche ausgetreten“). Da fasst sich Quiz-König Jauch dann doch an den Kopf. Die Rate-Statisten haben offenbar viel Geld in Muckibude und Nagelstudio investiert, dafür aber wenig in Bücher. Drei James Bond Darsteller, die Telefonvorwahl von München? Unbekannt. Drei europäische Monarchien? „Wow, das crazy – Rumänien?“ Die Aussetzer haben dieses Mal andere. Gottschalk lächelt und schweigt.
Das nächste Spiel heißt „Die lebende Lostrommel“, und nichts könnte die Lage besser beschreiben: In einem Auto-Überschlagssimulator müssen die Promi-Teams Fragen beantworten. Es sieht ein bisschen aus wie früher bei „Wetten, dass…?“, passt aber perfekt zum heutigen Abend: Alles steht Kopf.
Es folgt ein Thomas Gottschalk-Quiz, das hier noch ergänzt wird: Der Bamberger studierte Germanistik und Geschichte auf Lehramt, war DJ und dann Radiomoderator: Sein Spitzname war Turbo-Tommy, er brach einen Rekord mit 73 Überziehungsminuten und hatte viele Gastrollen – doch nie in der Serie „Unter Uns“. Heute Abend hat er eine Gastrolle, obwohl sich alles um ihn dreht. Gottschalk schrieb zwei Bestseller-Biografien und prägte mit „Wetten, dass…?“ ein Fernsehkapitel, das es so nie mehr geben wird, wie das Redaktionsnetzwerk Deutschland schreibt: „Götz George zickte herum. Sarah Connor trug ein Nichts von einem Kleid. Ein Titanic-Redakteur lutschte an Bleistiften. Herrlich. Weltreiche vergingen, Mauern fielen. Solange alle paar Wochen ein Bagger im ZDF zehn Bierflaschen in zwei Minuten öffnete, war die Welt in Ordnung.“

Die Runde versammelt sich, um in Zeltlager-Stimmung ein Lied von Mike Krüger zu hören.
Das Gänsehaut-Highlight des Abends
Der sonst so sachliche Günther Jauch führt ein Interview mit Thomas Gottschalk: Endlich spricht jemand mit ihm, anstatt über ihn. Gottschalk sagt, er freue sich auf die Rente, er habe die beste Zeit erlebt, die es im Fernsehen gab. Er bedankt sich beim Publikum, sagt, seine Krebserkrankung, sei etwas sehr Privates. Dass er eine Diagnose bekam, hat er wohl seiner besorgten Karina zu verdanken. Das Epitheloide Angiosarkom gilt als selten und hochaggressiv. Gottschalk wirkt glasklar, als er die onkologischen Details schildert. Nach zwei Operationen und 33 Bestrahlungen heißt sein Job jetzt: überleben.
Auch zu seinen Aussetzern bezieht Gottschalk Stellung: Er leide unter Brain Fog, also Hirnnebel. Zu später Stunde stehe er neben sich und rede dummes Zeug. Das ist der ergreifendste Moment: Giovanni Zarella kauert am Boden und kämpft mit den Tränen, Barbara Schöneberger schaut gerührt.
Gottschalk geht hart mit sich ins Gericht: Jetzt sei „der Moment, wo man merkt, dass man doch nicht alles im Griff hat, das Gefühl, dass man's hinter sich hat in irgendeiner Form.“ Sein Fazit: „Ich hab alles aus dem Ärmel gemacht, und das ging bis zu einem gewissen Punkt, und dann gings nicht mehr.“
Gottschalk will nicht mehr moderieren, sein Instagram-Kanal wird gelöscht. Gleich hat er’s geschafft. Auf ihrem Sitz formt Karina ein Herz. Das Publikum steht, die Kollegen weinen.
Apropos: Schöneberger ist 51, Jauch 69, Pilawa 60. Können sie die Ära des Lagerfeuer-Fernsehens retten? Die Runde versammelt sich, um in Zeltlager-Stimmung ein Lied von Mike Krüger zu hören. Der wird nächste Woche 74 und vergisst prompt seinen Text. Daraufhin Gottschalk trocken: „Mike ist der Nächste, der sich verabschiedet.“ Aber erstmal geht’s weiter. The show must go on.
Und dann geht der 1 Meter 92 große Unterhaltungs-Gigant zum letzten Mal eine Showtreppe hoch: Seine Frau wartet und tanzt zu den Klängen des Status Quo-Songs „Rocking all over the World“. Die Erleichterung ist ihr anzusehen.
Es ist 22:13, als Thomas Gottschalk in Rente geht.
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Melanie Grün
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