Das reiche Hamburg kann seine jüdischen Bürger nicht mehr schützen
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Das „Grindelfest“ in Hamburg hat ein Motto, das wie ein ganzes Programm klingt: „Kultur. Jüdisch. Bunt.“ Das Fest gibt es seit 2004. Es sollte im früher jüdisch geprägten Hamburger Grindelviertel ein Zeichen setzen für die vielfältige Gemeinschaft – mit jüdischer Lebenskultur im Zentrum. Denn das Grindelviertel war das Hauptwohngebiet der Hamburger Juden – bis sie von den Nazis vertrieben und ermordet wurden.

Das bekannte Grindelfest fröhlich und bunt in 2023.
Für Holocaust-Überlebende war die Rückkehr in ihre alte Heimat ein Herzenswunsch. Nach dem Krieg haben sich viele Menschen jüdischen Glaubens wieder am Grindel angesiedelt. Auch für sie wurde das „Grindelfest“ geschaffen – um die Vielfalt jüdischen Lebens zu zeigen. Doch jetzt entschieden die Veranstalter: Das Fest wird nicht stattfinden. Jimmy Blum, Vorsitzender des Vereins Grindel, im „Hamburger Abendblatt“: „Wir sind leider zu dem Entschluss gekommen, dass wir trotz Security und Unterstützung der Polizei keine Sicherheit garantieren können. Genau wie in Solingen wollen wir die Vielfalt feiern – das erhöht das Risiko von Nachahmern sehr.“

Jimmy Blum, der Vorsitzende des Vereins Grindel.
„Ein Armutszeugnis für unsere Stadt“
Laut Beschluss der Bezirksversammlung Eimsbüttel (ein Stadtteil in Hamburg) sei der Verein Grindel ausgewählt worden, in Kooperation mit der jüdischen Gemeinde und weiteren kulturellen Institutionen so ein Fest zu veranstalten. Geplant waren Bühnen vor den Hamburger Kammerspielen. Verschiedene Kulturvereine und Organisationen wollten sich am Grindel präsentieren. Daraus wird nun nichts. Veranstalter Blum: „Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht – es sollte ein so schönes Fest werden, mit einem tollen Programm und tollen Ständen.“ Er habe in den vergangenen Monaten so viel Arbeit in die Veranstaltung gesteckt. Aber Solingen habe alles verändert. „Am Ende stehen wir als Veranstalter in der Verantwortung, wenn etwas passiert. Wir sind leider zu dem Entschluss gekommen, dass wir trotz Security und Unterstützung der Polizei keine Sicherheit garantieren können.“ Anke Frieling, Vizechefin der Hamburger CDU-Fraktion zu Bild: „Die Absage ist ein Armutszeugnis für unsere Stadt.“

Anke Frieling, Vizechefin der Hamburger CDU-Fraktion, ist entrüstet über den notwendigen Beschluss.
Mein gesunder Menschenverstand sagt: Man muss der Frau bedauerlicherweise recht geben. Es ist nicht zu begreifen, dass das reiche Hamburg seine jüdischen Bürger nicht beschützen kann. FDP-Landeschefin Sonja Jacobsen formuliert es so: „Wenn öffentliches jüdisches Leben in Hamburg nicht mehr stattfinden kann, ist das ein Alarmsignal. Der gewaltbereite Islamismus ist die stärkste Bedrohung unserer freien Gesellschaft.“
Das letzte Foto von lachenden Mädchen
Ich besitze ein Buch mit dem Titel: „Jüdisches Leben am Hamburger Grindel“. Es enthält mehr als hundert Lebensgeschichten jüdischer Bürger, die aus ihren Wohnungen vertrieben wurden, in Sammelstellen gepfercht und in die Züge nach Auschwitz und Treblinka geschickt wurden. Einige haben es geschafft, nach England, in die USA oder nach Fernost zu emigrieren. Von ihnen stammen die eindrucksvollen Zeugnisse jüdischen Lebens am Grindel, das sich voll entfaltet hatte, bis die Mörder kamen. Der Volksmund gab dem Grindel-Viertel den Namen „Klein-Jerusalem“. Und das war, so berichten Historiker, nicht unfreundlich gemeint. Um das Grindel-Viertel herum lebte der Großteil der jüdischen Bevölkerung, bis die Nazis kamen. Es gab koschere Lebensmittelläden und hebräische Buchhandlungen. Es gab die Bornplatz-Synagoge und die Talmud Tora Realschule.

Die Bornplatzsynagoge kurz nach der Einweihung 1906 im Hamburger Stadtviertel Grindel.
Es gab die berühmte Israelitische Höhere Töchterschule. In dem von mir erwähnten Buch gibt es Fotos von lachenden jüdischen Mädchen mit ihrer Lehrerin. Es waren die letzten Bilder einer untergegangenen Welt. Am 30. Juli 1942 wurden alle jüdischen Schulen in Deutschland geschlossen. Die meisten der letzten 76 Kinder und ihre Lehrer der Israelitischen Höheren Töchterschule wurden deportiert. Von vielen weiß man nicht einmal, wo und wann sie gestorben sind.
Das Wort „Schande“ wird häufig benutzt, vielleicht zu häufig. Ich möchte es in meiner Kolumne heute benutzen.
Es ist eine Schande, dass wir heute wieder vor Gewalt kapitulieren und jüdisches Leben nicht schützen können.
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