Der Fall Krah: Wer Wahlkampf mit der SS macht, kann nicht Teil des bürgerlichen Lagers sein
Ein Beitrag von
Es gibt ein paar Sätze über Deutschland, die jeder vernünftige Mensch, der in diesem Land aufgewachsen und sich mit unserer Historie verbunden fühlt, teilt. Zum Beispiel: Die DDR war ein Unrechtsstaat. Oder: Die deutsche Einheit ist ein schicksalhafter Glücksfall der Geschichte – denn wir sind das Volk. Dieses kollektive Bewusstsein über die eigene Nation ist wichtig, denn sie stiftet Identität. Wir wissen, wer wir sind, weil wir wissen, wo wir herkommen.
Eine weitere Überzeugung aus dieser Reihe des kollektiven Bewusstseins geht so: Die SS ist für die schlimmsten Gräueltaten in der deutschen Geschichte verantwortlich. Wer die SS-Uniform getragen hat, ist ein Verbrecher. Die SS, das sind die Männer, die Auschwitz nicht nur auf dem Reißbrett geplant, sondern jeden Tag mit sadistischer Freude exekutiert haben. Es gibt einen Grund, warum die SS-Männer mit den Todesmärschen ihre Spuren verwischen wollten: Sie wussten, für welche Verbrechen sie verantwortlich sind. Die SS war operativ für die Durchführung des Holocaust verantwortlich. Hitler hatte 400.000 Sensemänner – sie alle trugen die SS-Runen an der Uniform.
Dieser Satz wirbt für Verständnis, wo Sprachlosigkeit angebracht ist
Die AfD hat mit Maximilian Krah einen Spitzenkandidaten in den EU-Wahlkampf geschickt, der das anders sieht. „Ich werde nie sagen, dass jeder, der eine SS-Uniform trug, automatisch ein Verbrecher war.“ Dieser Satz mag auf jeder Historiker- oder Juristen-Fachtagung zu einer angeregten Debatte über das Prinzip der kollektiven Schuld führen, er ist im politischen und damit öffentlichen Raum nichts weiter als die Relativierung der größten Mörderbande in unserer Geschichte. Dieser Satz wirbt für Verständnis, wo Sprachlosigkeit angebracht ist. Und er ist im Wahlkampf ein offenes Bekenntnis, dass dem AfD-Spitzenkandidaten Krah die Hitler-Verherrlicher aus der Neonazi-Szene wichtiger sind als bürgerliche Wähler aus der Mitte.

Der Grauen von Auschwitz wurde von der SS organisiert und exekutiert
Krah führt diesen SS-Irrsinn in seinem Interview mit der italienischen Zeitung La Repubblica sogar noch aus: „Es gab sicherlich einen hohen Prozentsatz an Kriminellen, aber nicht alle waren kriminell.“ Man müsse sich das von Fall zu Fall anschauen, so Krah weiter. Gehen wir mal davon aus, dass Top-Jurist Krah genau weiß, dass es Kriegsverbrecher heißt und nicht Kriegskrimineller. Dann spielt er selbst den industriellen Massenmord in seiner Wortwahl runter: Niemand würde auf die Idee kommen, die SS im normalen Sprachgebrauch Kriegskriminelle zu nennen. Das klingt wie Gelegenheitsdiebe. Einen Apfel klauen, um den Krieg zu überleben. Die SS-Männer waren keine kleinen Kriminellen, sondern Kriegsverbrecher. Punkt.
In welchem Becken will man fischen?
Krah ist ein extrem gebildeter und belesener Mensch, das hat er in zahlreichen Debatten und Interviews bewiesen. Wenn Sie das nicht glauben: Hören Sie sich mal das Drei-Stunden-Gespräch mit dem Journalisten Thilo Jung an. Krah ist intelligenter als die meisten Bücher, die in meinem Regal stehen. Dieser Mann sagt Dinge in einem Wahlkampf-Interview nicht salopp, sondern mit Kalkül. Er WILL Menschen gefallen, die den SS-Zeiten hinterhertrauern. Er KÄMPFT um Stimmen, die nicht alles schlecht fanden unter Hitler.
Krah hat seinen Posten als AfD-Vorstand niedergelegt, nachdem die Partei ihn mit einem Auftrittsverbot belegt hatte. Die Partei, die Krah auf das Europa-Podest gestellt hat, will ihn jetzt verstecken. Aber so einfach ist das nicht.

EU-Spitzenkandidat Krah mit den AfD-Parteichefs Chrupalla und Weidel
Eine Partei, in der es möglich ist, dass ein Spitzenkandidat Wahlkampf mit der Relativierung von SS-Verbrechen betreibt, hat ein Problem. Dieses Problem wird auch nicht durch nachträgliche Sanktionierung geheilt. Denn es legt offen, dass das Spitzenpersonal der AfD sich nicht einig ist in der Frage, in welchem Becken man jetzt fischen möchte. Im bürgerlichen Lager? Oder im rechtsextremen Bereich?
Die AfD ist die Partei, in der Landtagsabgeordnete mit „Sieg Heil!“ in Gästebüchern unterschreiben (Bayern) und Stadträte Hakenkreuze auf ukrainische Autos schmieren (Baden-Baden). Egal, wie der Umgang mit diesen Personen im Nachgang der Geschehnisse ist: Offenkundig ist, dass diese Partei Menschen anzieht, die mit dem Nazi-Gedankengut sympathisieren. Das macht die AfD für jeden, der bürgerlich denkt, unwählbar.
Lesen Sie auch:
SS-Skandal um Spitzenkandidat Krah: Entgleitet Weidel die Kontrolle über die AfD?
Mehr NIUS:
Jan Josef Liefers als Versöhner: Macht diesen Mann zum Bundespräsidenten!
Die neue Esskultur der Deutschen Bahn: Currywurst ohne Pommes, kein Speiseeis
Die Linke beweist auf ihrem Parteitag: Die SED ist nie untergegangen
Gelddruck-Maschine für die FIFA: Hört auf, von Trinkpausen zu sprechen!
Peinliche Polit-Propaganda – für wie bescheuert halten die uns eigentlich?!
Berliner Kino gedenkt der „Deutschen Schuld” mit „Gratis: Pelmeni und Vodka”
Beim Freigang stand das Fluchtmotorrad schon bereit: Warum der Fall des Frauenmörders Benjamin Fricke so unfassbar ist!
Kaufen, kaufen, kaufen – es gibt nichts Schöneres
Mehr NIUS:
Gelddruck-Maschine für die FIFA: Hört auf, von Trinkpausen zu sprechen!
Peinliche Polit-Propaganda – für wie bescheuert halten die uns eigentlich?!
Berliner Kino gedenkt der „Deutschen Schuld” mit „Gratis: Pelmeni und Vodka”
Beim Freigang stand das Fluchtmotorrad schon bereit: Warum der Fall des Frauenmörders Benjamin Fricke so unfassbar ist!
Kaufen, kaufen, kaufen – es gibt nichts Schöneres
Wegducken gilt nicht mehr: Die CDU muss vor der Wahl sagen, ob sie mit den Linken regieren würde
Die letzten Helden tragen Trikots
Gedenken an den 17. Juni: Die Einheit wurde uns nicht geschenkt
Willi Haentjes
Artikel teilen
Kommentare