Der Oster-Ärger in Jerusalem war nur ein Sturm im Wasserglas: Warum die Aufregung um Kardinal Pizzaballa am Palmsonntag unredlich ist
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Die israelische Polizei hat eine christliche Zeremonie in der Grabeskirche aus Sicherheitsgründen untersagt, weil der Zugang zu den Heiligen Stätten aller Religionen derzeit wegen der Raketenangriffe aus dem Iran eingeschränkt oder verboten ist. Der Kardinal wusste davon, dennoch ist die mediale und politische Aufregung groß.
Die allgemeine Empörung über die Weigerung, hochrangigen katholischen Würdenträgern das Beten in der Grabeskirche zur Feier des Palmsonntags zu erlauben, steht in umgekehrtem Verhältnis zum Ereignis als solchem. Italien bestellte den israelischen Botschafter ein, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron „verurteilte“ die Entscheidung der Polizei. Sogar der CDU-Politiker Armin Laschet, sonst Israel durchaus wohlgesonnen, sprach von „Schikane“.
Armin Laschet entrüstete sich auf der Plattform X.
Während die Entrüstung anhält, ist die Angelegenheit selbst geklärt. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat eine Sondererlaubnis erteilt: „Ich habe die zuständigen Behörden angewiesen, Kardinal Pierbattista Pizzaballa, dem lateinischen Patriarchen, uneingeschränkten und sofortigen Zugang zur Grabeskirche in Jerusalem zu gewähren.“ Zum Schutz der Gläubigen habe Israel „Angehörige aller Glaubensrichtungen gebeten, vorübergehend auf die Anbetung an den christlichen, muslimischen und jüdischen heiligen Stätten in der Altstadt von Jerusalem zu verzichten.“
Pizzaballa wusste Bescheid
Dennoch habe er die Behörden angewiesen, dem Patriarchen zu „ermöglichen, Gottesdienste nach seinen Wünschen abzuhalten“. Zur Empörung über den Vorfall sagte der Regierungschef: „Es gab keinerlei böse Absicht, sondern lediglich Sorge um seine Sicherheit und die seiner Begleiter.“
Staatspräsident Isaac Herzog sprach von einem „unglücklichen Vorfall“. Er habe „klargestellt, dass der Vorfall auf Sicherheitsbedenken zurückzuführen war, die sich aus der anhaltenden Bedrohung durch Raketenangriffe des iranischen Terrorregimes gegen die Zivilbevölkerung in Israel ergeben, nachdem in den vergangenen Tagen bereits iranische Raketen im Bereich der Altstadt von Jerusalem eingeschlagen sind“.
Kardinal Pierbattista Pizzaballa klärte auch seinerseits – zehn Stunden nach dem Vorfall – die Kontroverse auf: „Es stimmt, dass die Polizei erklärt hatte, die Anordnung des internen Kommandos untersage jegliche Versammlung an ungeschützten Orten. Wir hatten jedoch keine öffentliche Veranstaltung gefordert, sondern lediglich eine kurze, kleine private Zeremonie, um den Gedanken der Feier am Heiligen Grab zu bewahren. Es gab keine Zwischenfälle; alles verlief in sehr respektvoller Weise. Ich möchte nichts erzwingen; wir wollen diese Situation nutzen, um in den kommenden Tagen genauer zu klären, wie wir vorgehen sollen – im Sinne der Sicherheit aller, aber auch im Sinne des Rechts auf Gebet.“
Angelegenheit längst geklärt
Laut israelischer Polizei haben sich der Jerusalemer Bezirkskommandeur, der stellvertretende Kommissar Avshalom Peled, und der Unterbezirkskommandeur David Dvir Tamim mit einem Vertreter des Lateinischen Patriarchats getroffen. Sie einigten sich auf einen Rahmen, der es allen christlichen Konfessionen ermöglichen soll, während des Krieges mit dem Iran in der Kirche zu beten.
In einer Presserklärung am Montag bestätigten das Lateinische Patriarchat von Jerusalem und die Kustodie des Heiligen Landes, „dass die Angelegenheiten im Zusammenhang mit den Feierlichkeiten der Karwoche und des Osterfestes in der Grabeskirche in Abstimmung mit den zuständigen Behörden behandelt und geklärt wurden. In Übereinstimmung mit der israelischen Polizei wurde der Zugang für Vertreter der Kirchen sichergestellt, um die Liturgien und Zeremonien durchzuführen und die alten Ostertraditionen in der Grabeskirche zu bewahren.“

Aus der Erklärung der Kirchenvertreter zu dem Vorfall.
Erfreulich ist, dass eine Lösung gefunden wurde, das zugrunde liegende Problem bleibt allerdings aktuell: Seit Beginn des US-israelischen Krieges gegen den Iran am 28. Februar haben die israelischen Behörden aus Sicherheitsgründen den Zugang zur Altstadt für alle außer Bewohnern oder Ladenbesitzern gesperrt. Die Einschränkungen gelten für alle heiligen Stätten, einschließlich der Westmauer („Klagemauer“), der Al-Aqsa-Moschee und der Grabeskirche, die seit dem 6. März geschlossen sind.
„Ein Gehirn, so groß wie ein Pfau“
Das betrifft insbesondere die Orte ohne standardisierte Schutzräume, um die öffentliche Sicherheit zu gewährleisten. Versammlungen in Jerusalem und vielen anderen Orten im ganzen Land sind weiterhin auf 50 Personen begrenzt, sofern binnen 90 Sekunden ein Schutzraum erreicht werden kann. Kritiker wenden ein, dass es sich im Fall Pizzaballa nur um eine vierköpfige Gruppe gehandelt habe, aber für die heiligen Stätten und den größten Teil der Altstadt gilt es uneingeschränkt und für alle. Es kann allerdings durch Kontaktaufnahme mit den zuständigen Stellen aufgehoben werden.
Pizzaballas Ersuchen wurde abgelehnt – nicht unbedingt, weil der Polizeichef, wie der Vorsitzende der Europäischen Rabbinerkonferenz Pinchas Goldschmidt meinte, „ein Gehirn so groß wie ein Pfau“ hat. Möglicherweise bedachte er nicht die politischen Folgen seiner Entscheidung, vielleicht hatte er keine Lust, Pizzaballa entgegenzukommen, weil der Kardinal aus seiner Sympathie für die Palästinenser keinen Hehl macht und sich des Öfteren mit der Kufiya, dem Palästinensertuch, zeigt. Man weiß es nicht.

Kardinal Pierbattista Pizzaballa pflegt sich betont pro-palästinensisch zu geben.
Was man aber weiß: Vor wenigen Wochen gingen Trümmerteile abgefangener iranischer Raketen in unmittelbarer Nähe der Grabeskirche nieder und trafen das Dach eines benachbarten Gebäudes. Wo blieb da der Aufschrei besorgter Christen? Warum blieb er aus, als während der „Pandemie“ gar niemand Kirchen betreten durfte? Warum bleibt er aktuell aus, obwohl Christen in Syrien und Nigeria verfolgt und zu Hunderten ermordet werden?
Der Iran beschoss auch die Altstadt von Jerusalem
Anfang März schlug ein Fragment einer abgefangenen iranischen Rakete in der Altstadt von Jerusalem ein, etwa 400 Meter von der Westmauer und dem Gelände der Al-Aqsa-Moschee auf dem Tempelberg entfernt. International war keine Empörung zu vernehmen.
Gläubige aller großen Religionen in Jerusalem müssen mit Einschränkungen leben, weil das Regime in Teheran auch die Heilige Stadt beschießt. An muslimischen Zuckerfest fielen die sonst üblichen Versammlungen aus und jetzt, kurz vor Pessach, kann kein Jude an der Westmauer beten.
Wer schon mal in der Jerusalemer Altstadt war, weiß, dass es dort fast nur sehr enge Gassen gibt, die Ambulanzwagen und Feuerwehr im Fall eines Raketeneinschlags kaum passieren können, und in unmittelbarer Nähe zur Grabeskirche gibt es auch keine Schutzräume. Vor diesem Hintergrund erscheinen die israelischen Sicherheitsbestimmungen zwar streng, aber durchaus stringent.

Die Grabeskirche liegt mitten im Gassengewirr der dichtbesiedelten Altstadt.
Sicherheit vor Religionsfreiheit
Die israelische Polizei formuliert ihre Linie ziemlich eindeutig: Oberstes Ziel ist der Schutz von Menschenleben, daher ist der Zugang zu heiligen Stätten kein absolut garantiertes Recht, sondern kann unter Umständen eingeschränkt werden. Es handelt sich um ein sicherheitszentriertes, stark situationsabhängiges Management. Im Zweifel hat die Sicherheit Vorrang vor der Religionsfreiheit, wie bereits zahlreiche Vorfälle am bzw. auf dem Tempelberg, wo Felsendom und Al-Aqsa-Moschee stehen, gezeigt haben.
Je nach Sicherheitslage kann es vorkommen, dass heilige Stätten zeitweise komplett geschlossen oder nur kleine, kontrollierte Gebetsgruppen zugelassen werden. Das betrifft übrigens auch Juden an der Westmauer, wenn von oben Steine auf die Betenden herabgeworfen werden. Jerusalem-Reisende wissen, dass es immer wieder Checkpoints und Ausweiskontrollen, Absperrungen rund um die Altstadt sowie permanente Polizei- und Grenzschutzpräsenz gibt.

Kardinal Pizzaballa am Fuße des Ölbergs vor den Altstadtmauern.
Wieder einmal haben wir es mit der weitverbreiteten Neigung zu tun, aus jeder Mücke einen Elefanten zu machen, wenn der Vorfall irgendwie geeignet erscheint, Israel an den Pranger zu stellen.
Wer angesichts der Lage – es ist Krieg! – den Bagatellfall Pizzaballa zum Anlass nimmt, eine Einschränkung der freien Religionsausübung zu beklagen, ist einfach nicht ehrlich. Erst recht nicht, wenn er zur aktuellen Bedrohung von Christen woanders im Nahen Osten schweigt. Der Kardinal hat seine Zeremonie zur Eröffnung der Karwoche schließlich vor der Kirche aller Nationen am Fuße des Ölbergs abgehalten, einem im Notfall deutlich zugänglicheren Terrain. Und demnächst auch wieder in der Grabeskirche, dann allerdings auf eigenes Risiko. Also: Gehen Sie weiter, es gibt hier nichts zu sehen.
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