Deutschland entdeckt die Langsamkeit
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Das Jahr geht zu Ende, es ist gut, einmal innezuhalten. Allerdings sollten wir nicht zu viel und zu lange innehalten – aber diese Gefahr besteht. Die Olympischen Spiele, um die wir uns gerade bewerben, sind wie eine Parabel auf unser Land. Das Motto des größten Sportwettkampfs aller Zeiten hieß einst citius, altus, fortus (schneller, höher, stärker), ein Leitspruch aus der Römerzeit. Heute lautet das olympische Motto: „Dabei sein ist alles“.
Besser kann man den Wandel auch bei uns nicht beschreiben. In Deutschland hat sich eine neue Langsamkeit etabliert, eine allgemeine Trägheit hat das Land überzogen – und keinen scheint es, so richtig zu stören.
Es ist nicht lange her, da war Geschwindigkeit der Maßstab des Fortschritts. Züge, Autos, Flugzeuge machten es möglich, immer längere Distanzen in immer kürzerer Zeit zu bewältigen. Als die erste Zugstrecke eingeweiht wurde, berichtet die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS), warnten Fachleute, die Geschwindigkeit von 30 Kilometern in der Stunde könne sich schädlich auf die Gesundheit der Fahrgäste auswirken. Telegrafen, Telefone und schließlich Internet versprachen eine enorme Zeitersparnis. Die Beschleunigung der Welt schien unaufhaltsam zu sein.
Warten, warten, warten
Heute gibt es ein anderes Motto – warten, warten, warten. Wer nach Kaffee und Kuchen schnell die Spülmaschine anstellt, um abends genügend Geschirr zu haben, stellt fest, dass die neue Maschine selbst im Express-Programm zwei Stunden braucht. Die Waschmaschine ist nicht schneller. Optimiert sind die Geräte heute auf Energie- und Wassereffizienz, nicht auf Zeit.
So ist es auch bei der Mobilität. Lange Distanzen zu überbrücken, geht heute nicht schneller als vor 30 Jahren. Oft dauert es sogar länger. Der Überschall-Jet Concorde, der einmal eine Revolution des Flugverkehrs versprach, hat seinen Betrieb längst eingestellt. Der einzige Transrapid in der Welt fährt heute in Shanghai, nicht im Erfinderland Deutschland. Er sollte Geschwindigkeiten von mehr als 400 Kilometern in der Stunde möglich machen. Die neueste Generation des ICE fährt mit 250 Kilometern in der Stunde sogar langsamer als die Modelle aus den Nullerjahren, die noch mehr als 300 Stundenkilometer schaffen. Wer auf das Auto ausweicht, steht öfter im Stau als früher, braucht also länger. Containerschiffe, das Grundgerüst der Globalisierung, fahren seit Jahren mit gedrosselter Geschwindigkeit, um Treibstoff zu sparen.
Die allgemeine Verlangsamung zeigt einen enttäuschenden Mangel an Ehrgeiz. Sie passt zu dem Glauben, eine bessere Welt sei nur durch Verzicht möglich, obwohl die Innovationen der Vergangenheit uns das Gegenteil zeigen.
Die Welt wird nicht besser, wenn sie langsamer wird. Fortschritt ist immer auch Geschwindigkeit. Wir können jetzt zum Jahreswechsel also innehalten – nur nicht zu lange. Sonst überholen uns die anderen. Das tun viele jetzt schon.
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