Die FDP muss von Dostojewski und Goethe lernen oder untergehen
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„Eine Ampel wäre für die FDP politischer Selbstmord.“ Das schrieb ich im Sommer 2020 bei The Pioneer, damals noch als Parteimitglied. Die Partei wollte nicht hören, ich habe, angesichts von Umfragewerten zwischen drei und vier Prozent, offensichtlich recht behalten. Es wäre einfach, sich jetzt mit „Ich hab es euch doch gesagt“ zu begnügen und schadenfroh beim selbstverschuldeten Untergang zuzusehen. Da ich aber ein gutmütiger Mensch bin, möchte ich ein letztes Mal versuchen, der FDP auf die Sprünge zu helfen.
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Hat sie das überhaupt verdient? Naja, freilich wäre ein Scheitern an der Fünf-Prozent-Hürde eine leistungsgerechte Quittung für die Ampelermöglichung, nur fehlt mit jeder Glaube, dass es kurz- oder mittelfristig ohne die Partei besser in Deutschland liefe. Langfristig schon, weil dann durchaus Platz für eine konsequent liberale Partei wäre, aber unsere gigantischen Probleme verlangen nach zeitnahen Lösungen. Es fehlt also schlicht die Zeit, um sich auf den potenziellen Tod der FDP freuen zu können. Vielmehr sollten die Gegner der Ampel-FDP darauf hoffen, dass die Partei den einzigen richtigen Pfad raus aus der Misere findet. Sie sollten ihr eine allerletzte Chance geben.
Damit die Freidemokraten selbst nach drei Ampeljahren wieder so etwas wie eine Existenzberechtigung erlangen können, müssten sie allerdings schnell die richtigen Schlüsse ziehen. Sie sollten von dem berühmten russischen Autor Fjodor Dostojewski lernen. Genauer: Von der Hauptfigur Rodion Romanowitsch Raskolnikow in Dostojewskis Roman „Verbrechen und Strafe“.

Raskolnikow ist ein mittelloser, ehemaliger Student, der die Idee eines „erlaubten Mordes“ entwickelt. Er betrachtet sich selbst als außergewöhnlichen, großen Menschen so wie Napoleon es war und meint deshalb, über das Leben niederer Leute hinweggehen zu können. In diesem ideologischen Wahn, in dieser Selbsterhöhung und auch aus einer Verzweiflung ob seiner Situation heraus erschlägt er die Pfandleiherin Aljona Iwanowna und ihre Schwester Lisaweta mit einem Beil. Schon während der Tat ist er nervlich extrem angespannt und fühlt sich unwohl. Nach der Tat versinkt er in schwersten Schuldgefühlen, wird paranoid und leidet entsetzlich.
Schnell erkennt der Ermittlungsrichter Porfirij, dass Raskolnikow schuldig ist, kann das aber noch nicht beweisen. Der Mörder wird immer mehr in die Enge getrieben. Rettung findet er in seiner Liebe zu der gläubigen Prostituierten Sofja Semjonowna, der er die Tat gesteht und die ihm rät, sich öffentlich zu stellen, was dann auch geschieht. Seine achtjährige Haftstrafe verbüßt er in Sibirien, während der er sich psychisch von der Zeit in Sankt Petersburg befreit.

Bereits im April war der Ampel-Kurs auf Kollision klar. Doch Lindner lächelte weiter – hier mit EU-Spitzenkandidatin Strack-Zimmermann
Was hat diese Geschichte jetzt mit der FDP zu tun? Sehr viel. Wie Raskolnikow hat auch Christian Lindner einen Doppelmord begangen, zugegebenermaßen nur politischer Natur. Einen Mord an der FDP und einen Mord an seiner eigenen achtjährigen Arbeit, an einer gesamten Glaubwürdigkeit. Wie Raskolnikow zerfrisst ihn die Schuld. Wie für Raskolnikow ist sein einziger Ausweg das Geständnis.
Wie bei Raskolnikows Doppelmord waren die Ampel-Koalitionsverhandlungen der FDP eine Mischung aus einem Verzweiflungsakt und fortschrittsgläubiger Verblendung. In einer verzeifelten Situation waren Lindner und die führenden Parteipolitiker wirklich. Schon 2017 hatten sie Koalitionssondierungen aus inhaltlichen Gründen abgebrochen. Das Gefühl herrschte vor, dass man nicht noch einmal vom Tisch aufstehen könne.
Wozu soll der Bürger die Partei wählen, wenn sie nie mitregiert? Wozu soll die Partei zweistellige Wahlergebnisse holen, wenn daraus keine Macht folgt?
Aus dieser Verzweiflung heraus entstand die ideologische Verblendung. Man redete sich selbst ein, dass man mit der Ampel „moderne“ Politik und eine neue politische Kultur des Miteinanders ermöglichen könnte. Das Märchen einer „Fortschrittskoalition“ war geboren. In diesem Wahn wurde der Koalitionsvertrag unterschrieben und damit der Doppelmord vollzogen. Alle Kernversprechen der FDP - solide Finanzen, Entlastungen, eine Kehrtwende in der Migrationspolitik, liberale Wirtschaftspolitik, keine Diskriminierung von Ungeimpften - waren hinüber, mausetot.

Minister Lindner in der vergangenen Woche auf der Regierungsbank mit Amtskollege Habeck
Und so wie der Mord an der Schwester Lisaweta nicht geplant war, war auch der Mord von Christian Lindner an Christian Lindner nicht geplant. Acht Jahre lang baute er die Glaubwürdigkeit der Partei mühsam wieder auf, zeigte 2017 bei den Jamaika-Sondierungen Rückgrat, verzichtete auf Macht, um nicht inhaltlich umfallen zu müssen. In dieser Zeit forderte er einen Untersuchungsausschuss Angela Merkel wegen ihrer Flüchtlingspolitik, versprach hoch und heilig, keine Diskriminierung Ungeimpfter mitzumachen und verkündete 2021, dass ihm für eine Ampel jede Fantasie fehle. Acht Jahre lang arbeitete er auch an der Glaubwürdigkeit seiner eigenen Person. Nur um all das mit einer Unterschrift zu vernichten. Er tat nichts weniger als den Vergangenheits-Lindner zu ermorden.
Doch genau wie Raskolnikow wird der politische Doppelmörder Lindner seitdem von Schuld zerfressen. Jeden Tag ein bisschen mehr. Das wurde beispielsweise Anfang September sichtbar, als er nach den Wahlen in Sachsen und Thüringen eine Wut-Rede hielt und davon sprach, dass die Leute „die Schnauze voll“ hätten. Unübersehbar war, dass er selbst auch die Schnauze voll hat. Drei Jahre lang musste er, der einstige Medien- und Wählerliebling, Wahlniederlage nach Wahlniederlage, immer schlechtere Umfragewerte, immer mehr Gegenwind, immer miserablere Stimmmungslagen in der Koalition und der Partei ertragen.
Wie der Ermittlungsrichter Profirij den Mörder Raskolnikow immer mehr in die Enge treibt, so setzt jede neue Umfrage, in der die FDP bei drei bis vier Prozent rumdümpelt, Christian Lindner mehr zu. So wie Raskolnikow nervlich immer angespannter und auch verwirrter wird, lesen sich die Tweets des Parteichefs, in denen er seit ein, zwei Jahren eigentlich nur noch gegen die eigene Regierungsbilanz anschreibt. Ich glaube nicht, dass er glücklich ist, auch wenn er die Macht sicherlich gerne hat. Er wirkt jede Woche mehr und mehr wie der in die Enge getriebener Straftäter in „Verbrechen und Strafe“: Unsicher, ängstlich, von innerem Leid und Reuegefühlen zerrissen.

Die Ampel wankt nicht. Christian Lindner zeigte sich vergangene Woche weiter als Staatsmann im Bundestag.
Wie für Raskolnikow gibt es für Lindner nur einen Ausweg. Das Geständnis. Er muss sich und der Öffentlichkeit eingestehen, dass die FDP einen schweren Fehler begangen hat, dass die Ampel keinen Tag länger regieren darf, dass die Freidemokraten nicht mit den Grünen koalieren können. Er braucht zur Motivation eigentlich gar keine Sofja, sondern müsste nur sein eigenes Ich von vor ein paar Jahren wiederentdecken, das von den letzten drei Jahren Ampelregierung entsetzt wäre.
Eine gute Nachricht für ihn habe ich: Seine Strafe wäre nicht zwingend acht Jahre lang politisches Sibirien, also die außerparlamentarische Opposition, sondern es würde ein Jahr Verzicht auf den gemütlichen Sessel im Finanzministerium völlig ausreichen. Das ist ja das Schöne an politischen Morden, sie können unter Umständen zurückgenommen werden, daher die geringere Strafe.
Aber wie würden Umstände aussehen, die eine Rehabilitation ermöglichen könnten? Die FDP muss dafür von einem anderen großen Dichter lernen, nämlich von Goethe, beziehungsweise dessen Figur Mephisto. So wie Mephisto mit Faust spricht, müsste die FDP auch zu den Wählern sprechen. Der Dialog ist leicht verändert, mitlesende Deutschlehrer und Goethe-Hooligans mögen mir bitte verzeihen.
Wähler: Nun gut, wer bist du denn?
FDP: Ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.
Wähler: Was ist mit diesem Rätselwort gemeint?
FDP: Ich bin die Partei, die stets verneint!
Und das mit Recht; denn alles rot-grüne, was entsteht,
ist wert, daß es zugrunde geht;
Drum besser wär’s, daß nichts entstünde.
So ist denn alles, was ihr Sünde,
Zerstörung, kurz, das Böse nennt,
Mein eigentliches Element
Nur so kann es erfolgreich ablaufen. Die letzte Chance der FDP ist es, den Mut zu haben, sich zu dem zu bekennen, was große Teile der Medien unter „Böse“ verstehen. Konsequent einen negativen Freiheitsbegriff verfolgen, also stets verneinen, alle Gesetze blockieren, die den ohnehin zu großen Staat auch nur etwas größer machen. Das Frevelhafteste zu tun, was man in Deutschland wagen kann, nämlich den Menschen, nicht dem Staat vertrauen. Die Sünde begehen, den Staat zu hinterfragen. Offenen Zerstörungswillen zeigen, der sich gegen staatliche Exzesse wendet. Zum Teufel für die linken Medien und Parteien werden. Damit am Ende das Gute, Wohlstand und Freiheit, geschafft wird.

Lindner vergangene Woche im Parlament. Genossin Faeser ist ihm ganz nah.
Für Thomas Mann war Dostojewskis Roman der „größte Kriminalroman aller Zeiten“. Christian Lindner hat die Wahl, ob sein Ampelausflug als größter Mord am Liberalismus zumindest aller bundesdeutschen Zeiten in die Geschichte eingeht und er persönlich die Rolle des Totengräbers der FDP spielt, oder ob er endlich die Reißleine zieht und die Scholz-Habeck-Baerbock-Faeser-Clownshow beendet. Am besten morgen noch.
Sehr wahrscheinlich wird er das nicht tun und erneut meinen wohlmeinenden Ratschlag ignorieren, dann wird er nächstes Jahr aber wirklich verdient untergehen. Sang- und klanglos. Und dann werde ich mir etwas Schadenfreude gestatten.
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Ben Brechtken
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