Die Selfiesierung der Politik: Das ist nicht nahbar – sondern höhnisch
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Wer sich für die Kraft des Selfies interessiert, muss dieser Tage nur die Olympischen Spiele in Paris beobachten.
Auf so gut wie jedem Podium zücken Athleten ihr Smartphone und machen Aufnahmen, die die Schönheit des Moments einfangen: die Medaillen, die Kulisse, die Sieger gemeinsam auf dem Treppchen. So machten es etwa Tischtennisspieler aus Nord- und Südkorea – angesichts der Geschichte des getrennten Landes eine besondere Momentaufnahme. Womöglich ein Foto für die Ewigkeit.

Ein gemeinsames Selfie von olympischen Tischtennisspielern aus Nordkorea und Südkorea.
Seht her!
Doch das Selfie hat inzwischen auch Einzug in die Bundespolitik gehalten: nicht nur zum Dokumentieren einer Momentaufnahme – wer erinnert sich an das übernächtigte Selfie aus den Koalitionsverhandlungen zwischen FDP und Grünen? –, sondern als Mittel der politischen Kommunikation. Plötzlich sind sie überall, diese Selfies: Karl Lauterbach auf dem Christopher Street Day, die Ampel bei der Fußball-Nationalmannschaft, Ricarda Lang bei Taylor Swift. Seht her, wir waren hier, und mittels Auslöser der Smartphone-Frontkamera fangen wir diesen Moment für die Wähler und Follower ein.

Das Selfie von Volker Wissing gemeinsam mit Christian Lindner, Annalena Baerbock und Robert Habeck.
Jahrelang hat man dabei Politiker für ihre Intransparenz kritisiert. Der Job, den sie machten, erfolge nicht selten bei Vieraugengesprächen und in Hinterzimmern. Ausgerechnet Bundeskanzler Angela Merkel (CDU), die das Land 16 Jahre lang regierte, war für ihre Reserviertheit bekannt, die auch darin Ausdruck fand, dass Merkel weitgehend auf Interviews, Q&As und Wähleransprache verzichtete.
Die Volksvertreter von heute aber sollten nahbar werden, die Politik wiederum erfahrbar. Ansprache auf Augenhöhe war das Credo. Und vielmehr Augenhöhe als Selfiekamera geht nicht. Oder?
Zurschaustellung unangebrachter Unbekümmertheit
Es mag vielleicht an mir liegen, aber ich empfinde die fortschreitende Selfiesierung als dem Amt von Bundesministern und Bundestagsabgeordneten unwürdig. Man mag das für ewig-gestrig und affektiv halten – wer nicht mit der Zeit geht, muss schließlich mit der Zeit gehen! –, aber mich befremden diese lächelnden Politikergesichter, die ihr Konterfei in die Selfiekamera recken. Sie vergegenwärtigen die Diskrepanz zwischen der Wichtigkeit und Dringlichkeit politischen Handelns – und einer Zurschaustellung von unangebrachter Unbekümmertheit von eben den Polit-Laien, die dieses Land gegen die Wand fahren.
Vielleicht macht es Sinn, das anders auszudrücken: Die Welt brennt. Außenpolitisch droht ein militärischer Konflikt im Nahen Osten, der Krieg mit Russland ist nach wie vor im Gange. Innenpolitisch haben wir eine veritable Krise der inneren Sicherheit, die sich mit einer katastrophalen Migrationspolitik verschränkt, die hunderttausende Menschen jährlich ins Land lässt. Die grüne Deindustrialisierung bedroht den Wirtschaftsstandort Deutschland. Selbstbestimmungsgesetz und Bundeswehr, Bundeshaushalt und Steuerlast. Die Probleme Deutschlands sind sichtbar und strukturell und: Sie werden nicht von heute auf morgen verschwinden.

Nancy Faeser und Karl Lauterbach (SPD) genießen den Fußball.
In solch einer Situation erwarte ich, um nur drei Beispiele zu nennen, Nancy Faeser an der Außengrenze der Bundesrepublik und in Dringlichkeitssitzungen mit der Bundespolizei; Karl Lauterbach bei der Aufarbeitung der Fehler der Corona-Krise; und Lisa Paus bei jeder Familie, die ihre Kinder an die Trans-Ideologie verlor. Natürlich Wunschdenken. Als Wähler erhält man stattdessen grinsende Konterfeie in Stadien und bei Konzerten, selbstzufrieden und saturiert, die Grimasse in düsteren Zeiten als Selfie.
Auf Selfiesierung folgt Infantilisierung
Zumal die Selfiesierung der Politik an eine zweite Entwicklung andockt, nämlich die Infantilisierung von Politik. Dieses Phänomen, das man als selbstverschuldete Unreife mit spielerischem Charakter umschreiben kann, wie der Autor Alexander Kissler in seinem Buch „Die infantile Gesellschaft“ ausführt, hält parallel zu den Selfies Einzug in die bundesrepublikanische Realität. Auch dieses wird dieser Tage überall deutlich: Annalena Baerbock springt Trampolin, Ricarda Lang singt auf Taylor Swift-Konzerten und die einst jüngste Bundestagsabgeordnete, Emilia Fester von den Grünen, nutzt die Europatour Swifts sogar für eine Art Vlog. Girlpower, Queerness und Feminismus habe Fester, die sich nur als Dreisterne-Swiftie sieht, ins Grübeln gebracht. Nun ja.

Annalena Baerbock beim Trampolinspringen: eine alte Leidenschaft wieder neu für sich entdeckt.
Am Ende des Tages liegt es in der Natur der Regierungsverantwortung, dass die Kritik zuvorderst die Vertreter der Ampelkoalition trifft. Das sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch Konservative inzwischen eine merkwürdige Unernsthaftigkeit an den Tag legen. Sieht man etwa den Södermarkus Dönerspieß-schneidend oder Bäume-umarmend, darf die Frage erlaubt sein, wer ihn noch als freistaatsmännischen Kümmerer ernst nehmen kann.

Markus Söder und der Döner Kebab: ziemlich beste Freunde.
Am Ende können Follower diese brüske Selbstinszenierung mit Nahbarkeit verwechseln und Narzissmus mit zeitgemäßer Ansprache. Für Menschen, die den Eindruck haben, Deutschlands Zukunft werde zunehmend zur Hypothek, wirkt all das aber wie Hohn. Niemand braucht Politiker zum Anfassen.
Geholfen wäre mit Politikern zum Problemelösen. Ganz ohne Selfiekamera, aber mit Kompetenz.
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