Erlebnis Supermarkt: Die meisten können sich das Gefühl nicht mehr leisten
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Ist es Ihnen auch aufgefallen, liebe Leser? Es geht eine Art Schwermut um in unseren Supermärkten. Es war nie ein Ort der Kommunikation. Jetzt aber gehen die Leute schweigend aneinander vorbei.
Sie suchen die Orte, an denen Prozentzahlen an den Preisschildern stehen: Angebote, Rabatte, Lebensmittel, die günstiger sind, weil sie bald abgelaufen sind. „Kaufen Sie Sport-Schokolade heute“, flüstert mir eine ältere Dame vor der Süßwarenabteilung zu. „Eine Tafel kostet heute nur 79 Cent statt sonst 1,39 Euro. Ich habe zehn Tafeln gekauft.“ Wie die Frau machen es jetzt viele, sehr viele. Wer was findet, das günstiger ist als an anderen Tagen, kauft es.
Ich bin ganz sicher: Es ist nicht Sparlust, die uns in den Supermärkten umtreibt. Es ist für viele eine neues erschreckendes Gefühl: Was kann ich mir noch leisten. Vor allem – was nicht mehr. Wenn es einen gemeinsamen Satz in Supermärkten und Discountern gibt, der immer wieder zu hören ist, dann dieser: „Wie soll ich das alles bezahlen, es ist alles so teuer geworden?“ Immer mehr Menschen erleben eine neue Armut. Sie kommt oft schleichend daher, eben bei Lebensmitteln zum Beispiel. Die großen Brocken – Erhöhung der Miete, teures Benzin, steigende Versicherung – sind schon eine fast nicht zu stemmende Zumutung für viele.

Was kostet die Schokolade zum Fest?
Und die Regierung macht das Leben noch teurer
Aber der tägliche Bedarf, wie man das so nennt, der haut rein in nie erlebten Maß. Wieso ist der Käse denn schon wieder teurer geworden? Die Salami kostet jetzt über drei Euro; Milch, Butter, Brot – alles immer teurer. Gehen Sie in einen Supermarkt, und sie wissen, was die Deutschen fühlen. Die meisten können keine höhere Belastung verkraften. Dazu braucht man keine Umfragen. Man braucht nur den gesunden Menschenverstand.
Alle wissen das. Nur unsere Regierung offenbar nicht. Und sie belastet uns noch mehr im nächsten Jahr. Alles wird noch teurer werden.
Ich komme aus einer Generation, die erlebt hat, was es bedeutet, wenn man nicht so viel hat. Ich habe die letzte Zeit der 50er Jahre und die 60er Jahre bewusst erlebt. Da ging es fast allen gleich. Keiner hatte was, reich waren die wenigsten, die meisten entdeckten erstmals einen bescheidenen Wohlstand, den die Kriegs- und Nachkriegsgeneration nicht hatte erleben können bis dahin. Die Menschen lebten bescheiden.
Ein guter Bekannter von mir, der verstorbene Bundestagsabgeordnete Michael Fuchs aus Koblenz, erzählte mir eine typische Geschichte aus den Fünfziger Jahren: „Ich habe eine Milchkanne in die Hand gedrückt bekommen und bin damit in der Frühe zum Tante-Emma-Laden gegangen. Milch vom Morgen, 1 Liter für 40 Pfennige.“ Die Milch kam aus der Kanne, keiner fragte nach Hygiene, Hauptsache, man hatte überhaupt frische Milch. Man lebte bescheiden. Klamotten wurden nicht weggeschmissen, sondern genäht. Einkäufe trug man in Netzen oder Körben, Plastik gab es nicht. Kaffee (wenn man ihn sich denn leisten konnte), trank man zu Hause und nicht to go.
Zur Schule fuhr man mit dem Fahrrad, oder man ist gelaufen. Die meisten Familien hatten kein Auto. Alle Kinder waren draußen. Und zwar den ganzen Tag. Sie mussten nach Hause, wenn es dunkel wurde. Die einzige Energie, die sie verbrauchten, war ihre eigene und nicht die der Spielkonsole. Samstag war Waschtag. Bevor die ersten Maschinen aus Amerika kamen, stand man (die Mütter) am Waschbrett. Das war nicht schön, aber es verbrauchte auch keinen Strom. Schulbrot wurde in Pergamentpapier eingewickelt, es wurde die ganze Woche benutzt. Und die Mütter sagten: „Das schmeiße ich doch nicht weg. Das kann man noch gebrauchen.“

Frankfurt-Bockenheim, 50er-Jahre: Die Menschen hatten Hoffnung, dass alles besser wird
Die Angst, wie es weiter gehen soll
Warum ich das alles erzähle: Nicht, weil früher alles besser war, das wäre eine nostalgische Verzerrung der frühen Jahre Nachkriegsdeutschlands. Ob es wenig gab oder man sich mal was gönnen konnte: Die Menschen hatten Hoffnung, dass es besser wird mit der Zeit. Die Leute drückten sich an der KaDeWe-Schmuck-Vitrine in Berlin die Nase platt und träumten von einer goldenen Uhr.
Aber die Deutschen waren nicht grundsätzlich ohne Hoffnung. Im Gegenteil: Es herrschte eine Aufbruchstimmung, die durch alle Bevölkerungsschichten ging. Und das ist der traurige Unterschied zu heute, den Tagen um Weihnachten 2023. Die Menschen haben Angst vor der Zukunft. Sie haben Angst, wie es weiter gehen soll.
Wie konnte das nur passieren in einem so wohlhabenden, stolzen Land?
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