Literatur ohne Cancel Culture und fast ohne Linke: So war es auf der ersten konservativen Buchmesse Deutschlands
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Es ist eine Stimmung, wie man sie selten erlebt. Die alternative Buchmesse „Seitenwechsel“ bringt die Koordinaten des deutschen Kulturbetriebs ins Wanken. Die Halle ist proppenvoll, Literaturmessen gibt es nun auch ohne Linke – ein Bericht.
Betritt man das Messegelände, empfangen den Besucher zuerst die markantesten und vielleicht ästhestischsten Stände der Messe – Antaios und Jungeuropa. Antaios hat als einziger Stand dunkle, schwere Holzmöbel. Bei Jungeuropa tummeln sich vor den bunten Buchcovern adrett gekleidete junge Frauen und Männer. Die Halle ist voll, die Stimmung ist gut.
Insgesamt 90 Verlage stellen auf der „Seitenwechsel“-Messe in Halle auf 3.000 Quadratmetern aus. Von Junge Freiheit, Tichys Einblick, Kontrafunk, Antaios, Jungeuropa, Compact, Deutschland Kurier bis Hydra Comics ist ein buntes Potpourri und großer Teil der rechten und konservativen Verlagsszene dabei – so wohl noch nie zusammengekommen. An zwei Tagen kommen 6.000 Besucher, bei Vorträgen sitzen die Jüngeren sogar auf dem Boden.

Philip Stein (Verleger von Jungeuropa, links) und Benedikt Kaiser (Autor, rechts) diskutieren auf der Buchmesse „Seitenwechsel“.
Wer hat eigentlich noch kein Foto mit Kissler?
Man kennt doch einige, ist ja aber auch nicht so groß. Ein erster Kontakt vermeldet: Sogar einen Linken hätte man schon gesichtet, gar nicht schlecht angezogen für einen ÖRR-Journalisten. „Du hast Kissler verpasst“, ruft irgendjemand. Überhaupt ist es so eine Frage, wer auf der Messe noch kein Foto mit dem NIUS-Reporter gemacht hat. Der geschäftige Philip Stein von Jungeuropa drückt einem ein Buch in die Hand.

Sehr gefragt in Halle: Alexander Kissler (links) im Gespräch mit Gloria von Thurn und Taxis (rechts).
Eine etwas biestig schreibende Feuilleton-Chefin der FAS hat das fast zur Weißglut getrieben – also Kisslers Auftritt –, weil er von Meinungsfreiheit spricht. Überhaupt treibt die ganze Messe die Linken zur Weißglut. „Organisierter Angriff auf den Rechtsstaat“, schreibt eben jene FAS, „Nietzsche, Nius und Neonazis“, titelt der Tagesspiegel. „Und abends singen sie ‚Kein schöner Land‘“, heißt es in der Zeit. „Richtig, richtig ernst“ sei das alles, erzählt man sich im Deutschlandfunk, „sehr, sehr ernst.“ Am wenigstens versteht man, dass keiner mehr Lust hat, sich voneinander abzugrenzen.
„Seitenwechsel“ oder Vietnam-Kongress?
Ein wenig schief hängt vom Kontrafunk-Tisch auf der Hauptbühne das Kontrafunk-Banner herab. Matthias Matussek gestikuliert energisch. Man denkt bei dem dezent zerknautschten Szenario unweigerlich an den Vietnam-Kongress, an Dutschke und den SDS. „Es geht beim Klimaschutz nicht ums Klima“, ruft jemand auf dem Podium. Selbstverständlich nicht, aber hier kann man es eben sagen.

Die „Kontrafunk“-Bühne auf dem „Seitenwechsel“ – Matthias Matussek (links) hebt den Arm.
Ein bisschen aufgeregt und gut ist die Stimmung ja immer, wenn Leute, die sonst viel schreiben und einander lesen, sich plötzlich treffen. Der Unterschied zu anderen Veranstaltungen dieser Art ist, dass die Messe in Halle im Koordinatensystem des deutschen Kulturbetriebs nicht vorgesehen ist. Dass Rechte und Konservative sich fast exklusiv treffen, um über Kultur, Bücher, das Verlegen und Politik zu reden, gab es in der Form nie.
Alle sprechen vom „vollen Erfolg“
Organisiert hat „Seitenwechsel“ übrigens Susanne Dagen vom Buchhaus Loschwitz in Dresden. Die Stimmung auf der Messe ist aber nicht nur deshalb so gut, weil sie – wie einem wirklich jeder gerne erzählt und man es deshalb irgendwann selbst vor sich hinmurmelt – ein „voller Erfolg“ ist. Sie ist auch deshalb so gut, weil jeder weiß, wie spießig und vom eigenen Demokratie-Geschwafel und Abgrenzungsbedürfnis verblendet die Messen in Leipzig und Frankfurt sind, und wie leichtfüßig und mit wie viel Liberalität man die in den Schatten stellt.

Besucher am Stand der „Jungen Freiheit“
Die Frankfurter Buchmesse unterstützt ironischerweise den linken Gegenprotest zum „Seitenwechsel“. Weil den auch steuerfinanzierte Stiftungen wie Heinrich Böll oder Amadeu Antonio tragen, bläst die Frankfurter Buchmesse so mit ihren fast 240.000 Besuchern steuerfinanziert zum Kampf gegen eine 6.000-Besucher-Konkurrenz. Das ist alles schon sehr peinlich.
Endlich keine Frankfurter Mumien mehr
Das Verstaubte, Mumifizierte, die Leichenreden Frankfurts sind in Halle Geschichte. Jeder Tweed-tragende alte Herr auf der „Seitenwechsel“-Messe ist fitter als der marode Torsten Casimir, Pressesprecher in Frankfurt, oder der zusehends verdaddelte Kulturstaatsminister Weimer, der dieses Jahr am Main den Kulturkampf gegen den Faschismus ausrief.

Auch Hydra Comics sind auf der Buchmesse in Halle vertreten.
Am meisten im Nazi-Klischee hängen geblieben sind auch in Halle die Linken. Jens Balzer von der Zeit ging, wie er schrieb, extra in Bomberjacke auf die Messe. Um nicht verprügelt zu werden oder aufzufallen, oder warum auch immer. Die Einzigen, die ihn für einen Nazi hielten, waren dann die Antifas vor der Halle.
In der Halle unterhielt sich derweil Götz Kubitschek vom Verlag Antaios mit Weltwoche-Verleger Roger Köppel, Gloria von Thurn und Taxis mit Compact, NIUS-Reporter mit Ellen Kositza und Benedikt Kaiser. Und was man auf dem nächstjährigen „Seitenwechsel“ auf keinen Fall auslassen sollte, ist natürlich ein Besuch am Stand von Hydra Comics. Und – falls es noch irgendjemanden gibt, der es nicht hat – ein Foto mit Kissler.
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