Es riecht NICHT nach Weimar, Herr Kretschmann!
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Eine Stadt kommt in Mode: Weimar. Nicht als Stadt Goethes und Schillers, auch nicht als Nachbar des Konzentrationslagers Buchenwald. Viele sprechen über Weimar, weil in dieser Stadt 1919 die Weimarer Verfassung entstanden ist – und diese bekanntlich hielt, bis die Nazis 1933 die Macht übernahmen.

Der Vorsitzende des Rats der Volksbeauftragten, Friedrich Ebert, bei der Eröffnungsrede zur Verfassunggebenden Deutschen Nationalversammlung (Weimarer Nationalversammlung) im Nationaltheater in Weimar am 6. Februar 1919.
Und heute, so wittern die neuen Nazi-Jäger, stehe Weimar wieder vor der Tür. Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) verstieg sich zu dem Satz: „Es riecht nach Weimar.“

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann beim Bildungsgipfel in Kloster Bebenhausen.
Wie zur Bestätigung titelte Deutschlands einstmals größte Illustrierte Stern in dieser Woche: „Die Champagner-Nazis“, dazu ein Hakenkreuz im Schampus-Glas. Das 14-Sekunden-Video von ausländer-feindlichen Parolen grölenden Jugendlichen auf Sylt hatte die Medien zwei Tage beschäftigt. Wenn auch nicht direkt ausgesprochen, so sollte die Botschaft sein: Die Nazis stehen unmittelbar vor der Tür. Wehret den Anfängen.

Mein gesunder Menschenverstand krümmt sich vor Schmerzen – auch wenn ein Verstand das nicht kann, ich weiß! Als ich zur Grundschule ging, gab es noch richtige Nazis, zu viele. Manche Lehrer waren welche (mein Geschichtslehrer in Hamburg: „Bei der Schlacht im Teutoburger Wald wurde kostbares deutsches Blut vergossen“ – wehe, es hätte ihn einer gefragt, warum deutsches Blut kostbar sei), es gab Nazis unter den Richtern, bei der Polizei, unter den Nachbarn, viele fühlten sich noch immer als eine Art „Blockwart“ wie zu Nazi-Zeiten. Es gab richtige Nazi-Parteien wie die rechtsradikale Deutsche Volksunion von Gerhard Frey. Es gab die rechtsextreme „Deutsche National- und Soldatenzeitung“, es gab den Bestseller „Ich war dabei“ von dem Mitbegründer der „Republikaner“ Franz Schönhuber, der seine Zeit bei der Waffen-SS beschrieb.

Gerhard Frey, Vorsitzender der Deutschen Volksunion (DVU), spricht am 7 September 1999 auf einer Pressekonferenz in München.
Kurz gesagt: Bis in die 90er Jahre war die Nazi-Zeit in Deutschland ziemlich lebendig – weil viele Nazis noch ziemlich lebendig waren.
Und „Weimar“ war vielen Deutschen noch ein realer Begriff, weil viele das Ende dieser Epoche noch erlebt hatten oder vom Hörensagen ihrer Eltern sehr plastisch kannten: Hungersnöte, Resignation, Verzweiflung, Arbeitslosigkeit. Anfang 1933 waren sechs Millionen Deutsche ohne Job. Das soziale System war den Folgen der Wirtschaftskrise nicht gewachsen. Die Folge war Massenverelendung eines ganzen Landes. Die Zahl der Selbstmorde stieg ständig. Dieses Szenario des Schreckens machte erst Hitler möglich – fast keines dieser Momente trifft auf die heutige Zeit zu.

Frauen warten vor einer Freibank auf den Verkauf von billigem Fleisch in Berlin zu Zeiten der Weimarer Republik.
Der Historiker Heinrich August Winkler konstatiert:
„Von Weimarer Verhältnissen kann heute keine Rede sein. Es gibt weder links noch rechts Massenbewegungen, die sich die Beseitigung des demokratischen Verfassungsstaates zum Ziel gesetzt haben, und keine Parteiarmeen, die den Bürgerkrieg proben. Die Bundesrepublik ist innenpolitisch nach wie vor stabiler als viele andere europäische Staaten.“

Der deutsche Historiker Heinrich August Winkler wurde 2016 in Leipzig mit dem „Buchpreis zur Europäischen Verständigung“ geehrt.
Diesen klugen Worten eines klugen Historikers ist nicht viel hinzuzufügen. Nur dies: Es riecht NICHT nach Weimar, Herr Kretschmann!
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