Es wird auch jetzt keine ehrliche Aufarbeitung der Coronazeit geben – sie wäre zu schmerzhaft
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Am 23. Juli 2024 wurden endlich die ungeschwärzten Coronaprotokolle des Robert-Koch-Instituts veröffentlicht. Allerdings nicht von einem um Transparenz bemühten Politiker oder dem Institut selbst, sondern von einem Whistleblower, der die Dokumente über die Journalistin Aya Velàzquez der Öffentlichkeit zugänglich machte.
Sicherlich wird noch viel Skandalöses dort gefunden werden, mir fehlt aber jeder Glaube, dass diese Veröffentlichung zu einer echten Aufarbeitung im politischen, medialen und gesellschaftlichen Mainstream führen wird.
Auch wenn dort weitere historisch skandalöse Sachverhalte gefunden werden, wie etwa der Fakt, dass das RKI die von Politik und Medien verbreitete Schuldzuweisung einer „Pandemie der Ungeimpften“ für fachlich falsch erklärte, aber keinerlei öffentliche Stellungnahme plante, da der Minister das nun mal bei jeder Pressekonferenz „vermutlich bewusst“ behauptete, also wissentlich Desinformation zuließ.

Der damalige Gesundheitsminister Jens Spahn sprach immer wieder von der „Pandemie der Ungeimpften“.
Ich kann mir trotzdem kein plötzliches politisches Aufklärungsgewitter vorstellen. So leid mir diese traurige Botschaft tut. Und ich möchte auch erklären, woher dieser Pessimismus kommt.
In so einer Gesellschaft gibt es keine Loyalitäten
Es ist ein weitverbreiteter Irrglaube, dass totalitäre Systeme Dichotomien von Herrschern und Beherrschten seien und die arme, ausgebeutete Bevölkerung von einer Minderheit abgrundtief böser Machtmenschen tyrannisiert werde. In totalitären Gesellschaften ist die große Mehrheit des Volkes mit von der Partie. Es wird denunziert, Andersdenkende werden diffamiert, eingeschüchtert und sozial ausgegrenzt und, am wichtigsten, jeden Tag werden sich gegenseitig Lügen erzählt. In so einer Gesellschaft gibt es auch keine Loyalitäten mehr, egal ob jemand eigentlich ein Freund, ein Familienmitglied oder ein Ehepartner ist, das totalitäre Denken macht vor all diesen Menschen keinen Halt, jede individuelle Beziehungsstruktur wird im Zweifel atomisiert und durch das Kollektivdenken ersetzt.
Wer nicht mitmacht, hat das komplette, zu allem bereite und in dieser Unterdrückung auch großen Sinn findende Kollektiv gegen sich. Die Wahrheit wird ermordet, die Mehrheit der Bevölkerung wird ebenso zu Unterdrückern wie die Politiker, Kaiser und Diktatoren in ihren Palästen.
Die autoritäre Politisierung jeder menschlichen Interaktion
Nun gab es in der Coronazeit natürlich keinen Faschismus oder Kommunismus in Deutschland, aber jedes sozialpsychologische Element und jede menschliche Schwäche, die für die Ermöglichung dieser schlimmsten und anderen schlimmen Ausprägungen des Kollektivwahns nötig sind, waren in Echtzeit zu beobachten. Denunziationen, tägliche Hetze im Alltag, Dauerpropaganda in den Medien, Ausgrenzung von Millionen Menschen aufgrund eines arbiträren, völlig sinnlosen Kriteriums, die autoritäre Politisierung jeder menschlichen Interaktion. Es war eine absolut gruselige Zeit, die jeden erschüttern musste, der sie bewusst beobachtete.

Kaum eine Diskussion wurde in den vergangenen Jahren in Deutschland so heftig geführt wie die um die Impfung.
Ich möchte noch nicht einmal den einzelnen Menschen, die Ungeimpfte diskriminiert haben oder maskenlose Mitbürger verächtlich machten oder ungetestete Menschen nicht in ihre Wohnung ließen, besonders wütend eine Individualschuld zuweisen. Wie sozialpsychologische Experimente zeigen, ist der Mensch nun einmal sehr anfällig dafür, Autoritäten mehr oder weniger blind zu vertrauen. Ärzte beispielsweise müssen das geradezu, sie können schließlich nicht jedes Medikament selber entwickeln. Wen kann es da wundern, wenn Mediziner blind auf den Gesundheitsminister und das RKI vertrauten? Außerdem bin ich nicht sonderlich nachtragend, erst recht nicht dem Durchschnittsbürger gegenüber, der vielleicht 5 Minuten Tagesschau pro Tag guckt und sonst andere Sorgen hat. Ich erwarte keine Entschuldigung von ihm, es wäre lediglich schön, wenn er merken würde, dass das so nicht in Ordnung war und bei der nächsten Pandemie anders handelt.
Eine historische Fehlleistung ohne Konsequenzen
Das gilt nicht für Politiker und Journalisten. Politiker, die beispiellos Grundrechte einschränkten und gegen knapp 20 Millionen Bürger hetzten? Wider besseres Wissen? Dass es für diese historische Fehlleistung noch keinen einzigen Rücktritt gab, lässt die Frage aufkommen, warum in den letzten 75 Jahren jemals ein Politiker zurücktreten musste. Im direkten Vergleich wirken sämtliche damalige Rücktrittsgründe wie Nichtigkeiten. Knapp 20 Millionen Menschen wurden nicht nur aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen, sondern so heftig diffamiert, mit Terroristen und Blinddärmen verglichen, dass sie sogar im Privatleben massiven Anfeindungen ausgesetzt waren.
Und kein einziger Regierungspolitiker muss dafür Verantwortung übernehmen, obwohl es nie einen besseren Rücktrittsgrund gab.
Das liegt auch daran, dass der deutsche Journalismus historisch versagt hat. Der einzige Job von Journalisten ist es, zu hinterfragen. Nichts für bare Münze zu nehmen, was Politiker erzählen. Dieses Berufsethos wurde in der Maßnahmenzeit von dem allergrößten Teil nicht nur über Bord geworfen, sondern in das glatte Gegenteil pervertiert: Fast die gesamte Branche wurde zu Regierungssprechern.
Täglich wurde die Bevölkerung mit Inzidenzzahlen und Horrorgeschichten von überlaufenen Krankenhäusern bombardiert. Fleißig wurde gegen Ungeimpfte mit gehetzt, der „Top-Journalist“ Nikolaus Blome vom Spiegel wünschte sich, dass die ganze Republik mit den Fingern auf sie zeigen möge und stellte sie auf eine Stufe mit Geiselnehmern. Die zwangsfinanzierte Sarah Bosetti verglich Ungeimpfte in Nazisprachtradition mit einem Blinddarm, dessen Existenz für das Überleben des Gesamtkomplexes nicht so wichtig sei und der deshalb ruhig entfernt werden könne.

Der Charité-Virologe Christian Drosten zusammen mit Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach
Karl Lauterbach und Christian Drosten wurden distanzlos hofiert und zu Helden hoch geschrieben. Über Schweden wurde in dem Moment aufgehört zu berichten, als dort die Zahlen trotz minimaler Maßnahmen besser wurden als in Deutschland. Bis heute dürfte kaum ein Tagesschau-Konsument wissen, dass Schweden während der gesamten Pandemie die geringste Übersterblichkeit aller EU-Länder hatte. Nur eine Handvoll von Journalisten hat sich für die besonders leidenden Kinder interessiert, kaum jemand hat verurteilt, das den Kleinsten unserer Gesellschaft eingeredet wurde, dass sie Oma und Opa umbringen könnten, wenn sie keine Maske tragen oder zum Kindergeburtstag gehen, der im Zweifel von der Polizei aufgelöst wurde, weil zu viele Gäste da waren. Hat einfach kaum wen interessiert. War alles ganz normal.
Kurz: Größte Teile der „Vierten Gewalt“ wurden zum mithetzenden Schoßhündchen der Bundesregierung und nahmen kritisch berichtende Medien wie zum Beispiel Bild oder die NZZ stärker ins Visier als die größten Grundrechtseinschränkungen der bundesdeutschen Geschichte. Ein absolutes, einmaliges, unfassbar schlimmes Versagen.
Nie war es einfacher, sich moralisch überlegen zu fühlen
Während Corona haben Politik, Medien und Gesellschaft also in so einem großen Ausmaß versagt, dass eine richtige Aufarbeitung kaum vorstellbar ist. 70 Prozent der Deutschen, 80 Prozent der Polizisten, 90 Prozent der Journalisten, 95 Prozent der Lehrer, 97 Prozent der Ärzte, 99 Prozent der Verwaltungsmenschen und 100 Prozent der Regierungspolitiker müssten sich eingestehen, dass sie nicht nur falsch lagen, sondern absolut totalitär unterwegs waren.
Noch schlimmer: Sie müssten sich eingestehen, dass sie sich in der Rolle der hetzenden Diskriminierer pudelwohl gefühlt haben, dass sie sich bei ihrem Hass auf Ungeimpfte auf der richtigen Seite der Geschichte wähnten, dass er ihnen einen Lebenssinn für den Alltag gegeben hat. Nie war es einfacher, sich moralisch überlegen zu fühlen: Maske auf, Impfung rein, Andersdenkende diffamieren, fertig.
All diese Menschen müssten sich schmerzlichst mit sich selbst auseinandersetzen, mit der Frage, warum sie blind Autoritäten vertrauten und sich gegen Mitbürger aufhetzen ließen. Sie müssten zum Schluss kommen, dass sie innerhalb kürzester Zeit zu jener Art von Menschen wurden, mit der jede menschenfeindliche Gesellschaft erst möglich wird.
Da die meisten Leute noch nicht einmal zugeben können, wenn sie im Straßenverkehr einen Fehler gemacht haben, fehlt mir jede Fantasie, um an so eine ehrliche Aufarbeitung zu glauben.
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Ben Brechtken
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