„Nichtstun ist Komplizenschaft“ – Mitreden offenbar auch
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Der Fall Collien Fernandes und Christian Ulmen hat eine große Debatte ausgelöst, die weit über die konkreten Vorwürfe hinausreicht. Im Zentrum geht es nicht nur um digitale Gewalt gegen Frauen, sondern zunehmend auch um die Frage: Welche Rolle sollen Männer in der Diskussion einnehmen – und wie werden sie dabei adressiert?
Im Raum stehen Vorwürfe, der Schauspieler Christian Ulmen habe über Jahre hinweg unter falschen Profilen im Namen seiner Ex-Frau agiert und daraus digitale sexuelle Kontakte entstehen lassen.
Einige Stimmen fordern Zurückhaltung. Männer sollten „leise sein“, zuhören, Raum geben. Dann ein Statement, das die Richtung radikal ändert. Annalena Baerbock postet in ihrer Instagram-Story: „Nichtstun ist Komplizenschaft.“ Ergo: Wer sich nicht positioniert, steht auf der falschen Seite. Plötzlich gelten alle schweigenden Männer als potenzielle Täter und strukturelles Problem, das es zu bekämpfen gilt.

Am Pariser Platz in Berlin: Demonstration in Solidarität mit Collien Fernandes, organisiert vom „Feminist Fight Club“.
Warum die Debatte differenzierter geführt werden muss
Es ist unbestritten, dass digitale Gewalt und der Missbrauch von Deepfakes reale und gravierende Folgen haben – und das überwiegend für Frauen. Ebenso unbestritten ist, dass solche Delikte ernst genommen, benannt und bekämpft werden müssen. Doch die Art und Weise, wie darüber gesprochen wird, entscheidet darüber, ob eine Debatte verbindet oder spaltet.
Vergangenen Sonntag demonstrierten Tausende in Berlin aus Solidarität mit Collien Fernandes. Aufgerufen hatte unter anderem der „Feminist Fight Club“. Klimaaktivistin Luisa Neubauer erklärte auf der Bühne, die Männer könnten dankbar sein, dass Frauen keine „Vergeltung“ forderten. Die Aktivistin und Creatorin Leonie Löwenherz forderte in einem Video auf Social Media, dass Christian Ulmen „und alle anderen Täter an ihren großen Zehen auf den Marktplätzen dieser Nation aufgehangen und öffentlich kastriert werden“ sollten. Diese Form von Solidarität unter Frauen erscheint nicht nur radikal und geschmacklos, sondern entwickelt sich zunehmend zu einem Statussymbol, das zugleich jeden Mann unter Generalverdacht stellt.

Reden oder schweigen? Männer im Spannungsfeld der Debatte
Die Gleichsetzung von „Männern“ mit Tätern führt in eine Sackgasse
Neu ist die Dynamik im Fall Fernandes/Ulmen nicht, die politische Instrumentalisierung des Skandals hingegen schon.
Der Fall Till Lindemann von der Rockband Rammstein hat bereits gezeigt, wie schnell sich Medien und Öffentlichkeit in solchen Täter-Opfer-Konflikten hochschaukeln können. 2023 überschlugen sich Vorwürfe, #MeToo-Kampagnen, öffentliche Verurteilungen. In sozialen Medien und auf der Straße entstand ein Klima, in dem Schuld oft schneller feststand als Fakten. Letztlich ergaben Ermittlungen, dass es keine belastbaren Beweise für ein strafbares Verhalten Lindemanns gab; mehrere zentrale Behauptungen gegen ihn wurden juristisch untersagt.
Die Gleichsetzung von Männern mit Tätern ignoriert, dass Verantwortung individuell ist – und dass moralische Integrität nicht an ein Geschlecht gebunden ist. Wer pauschalisiert, riskiert genau das, was er eigentlich überwinden möchte: eine Verhärtung der Fronten.

Der Fall Fernandes/Ulmen zeigt, wie schnell Augenhöhe verloren geht – und wie notwendig sie ist.
Sollen Männer sprechen oder schweigen?
Viele prominente Männer positionieren sich – und zwar klar. Der Schauspieler Bruno Alexander (bekannt aus „Die Discounter“) reagiert auf den Instagram-Beitrag von Collien Fernandes mit einem Herz-Emoji. Oskar Belton schreibt: „Ganz ganz viel Kraft für dich.“ Schauspieler Fahri Yardım zeigt sich „geschockt“ und betont, er fühle mit ihr. Auch aus der Politik kommt Unterstützung: Kevin Kühnert spricht von „Hochachtung“ für den Mut, die Vorwürfe öffentlich zu machen.
Und was ist mit dem Rest der Männer? Männer, die weniger prominent sind, Brüder, Väter, Ehemänner? Diese Männer fragen sich, ob ihre Stimme überhaupt erwünscht ist – oder ob sie sich allein aufgrund ihres Geschlechts zurückhalten sollten. Gleichzeitig melden sich auch Frauen zu Wort, die eine solche Pauschalisierung ablehnen und stattdessen auf gemeinsame Verantwortung setzen. Vielleicht machen genau diese Frauen Mut in undurchsichtigen Zeiten.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Männer sprechen oder schweigen sollten. Sondern: Wie kann ein gemeinsamer Diskurs entstehen, der Verantwortung benennt, ohne kollektiv zu verurteilen?
Männer und Frauen müssen sich wieder auf Augenhöhe begegnen. Männer dürfen nicht in eine Rolle gedrängt werden, in der sie sich permanent rechtfertigen müssen. Sie müssen auch wieder als das gesehen werden können, was sie eigentlich sind: Teil der Lösung, verlässlich, beschützend – nicht per se verdächtig. Dafür braucht es selbstbewusste Männer und Frauen, die sich sicher fühlen können, statt in ungesunden Feindbildern zu denken.
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