Gottschalk sagt, was alle denken – Die Gedanken sind NICHT frei
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Ein – in jeder Hinsicht – Großer geht: Thomas Gottschalk verabschiedet sich von seinem Flaggschiff „Wetten dass?“.
Dass er ein „Großer“ ist, erkennt man nicht nur daran, dass er die – im Show-Geschäft nicht eben verbreitete – Selbsterkenntnis besitzt, wann Dinge und man selbst aus der Zeit fallen (er kenne viele junge Promi-Stars gar nicht mehr), sondern vor allem an seiner großen Kunst, selbst die schallende Ohrfeige, die er Medien und Gesellschaft am Schluss noch verpasst, so leichthin, so charmant und Samstagabend-bekömmlich vorzutragen, dass sie fast untergeht in der Wehmut des Abschieds vom Lebensabschnitt einer ganzen Generation.
Gottschalk: „Dass ich immer im Fernsehen das gesagt habe, was ich zu Hause auch gesagt habe. Inzwischen rede ich zu Hause anders als im Fernsehen. Und das ist auch keine tolle Entwicklung. Bevor hier ein verzweifelter Aufnahmeleiter hin- und herrennt und sagt: ‚Du hast wieder einen Shitstorm hergelabert‘, da sage ich lieber gar nichts mehr.“

Die Kandidaten und Gottschalk kurz vor der Bekanntgabe des Wettkönigs
Sätze, die man auf sich wirken lassen muss. „Wetten, dass?“ hat von dem genialen Mix gelebt, den ganz hohen Glamour mit den Helden des Alltags zu verbinden. Nicht umsonst stand der Bagger, dieses vermeintlich so derbe Baugerät der Blaumann-Arbeiterklasse, so häufig im Mittelpunkt von Wetten. Die andere Zutat zum Erfolgsrezept war ein Moderator, der nie aggressiv oder konfrontativ daherkam und doch so sprach, wie die Millionen da draußen vor dem Bildschirm. Gags nicht verkopft oder in eitel-progressiver Selbstverliebtheit, sondern samtig serviert wie der Sahne-Joghurt, den man im Schlafanzug dabei verzehren durfte.
Aber vor allem war da diese Ehrlichkeit, Dinge auszusprechen, die jeder sehen konnte: Vor den offen erotischen Outfits der Stars gespielt dahinzuschmelzen, großmäulige Gäste als solche zu behandeln und mit sanften Anspielungen auszusprechen, wenn die politischen Kaiser dieser Republik so nackt waren, wie Gottschalk pompös angezogen.

2001: Thomas Gottschalk mit seinen Gästen, dem britischen Schauspieler Sir Peter Ustinov, dem amerikanischen Schauspieler Kevin Costner, seiner deutschen Kollegin Iris Berben und dem Komiker Olli Dittrich bei der 20-Jahr-Jubiläumsshow von „Wetten dass?“
Die Zeiten sind dahin. In einer Allensbach-Umfrage von 2021 sagen gerade noch 45 Prozent der Menschen, man könne seine politische Meinung frei äußern. Das ist der niedrigste Wert seit das Institut 1953 damit begann, diese Frage zu stellen. Andere Umfragen kommen zu dem gleichen Ergebnis. In einer Zeit, in der Flüchtlinge „Geflüchtete“ oder gar „Ankommende“ genannt werden sollen, in der Polizeimeldungen mit den Tarnworten „Männer“ oder „Großfamilien“ Migrantenkriminalität zu verschleiern suchen, bringt es Gottschalk auf seine unnachahmliche Art und Weise auf den Punkt.

Gottschalk mit Shakira im Jahr 2010
Deutschland ist verlogener geworden
In der Gestalt des erwähnten „Aufnahmeleiters“ legt er sogar noch die Mechanismen offen, mit denen sich dieser gern geleugnete Konformitätsdruck in den Alltag infiltriert: Der besorgte Aufnahmeleiter steht für all jene, die nicht zerrieben werden wollen von tonangebenden Minderheiten da oben und deshalb die „Wünsche“ und Vorgaben lieber schulterzuckend weitergeben, als sich Ärger einzuhandeln, für den sie nicht bezahlt werden. Und eine Rampensau wie Gottschalk steht mit dem Gesicht zum Publikum und kann halt nicht anders, als deren Tonlage zu treffen. Das ist nicht nur sein Job, sondern seine DNA als Großmeister der Show. Wer einen Vortragskünstler will, der kann ins Theater gehen.

Zeitweise an seiner Seite: Co-Moderatorin Michelle Hunziker
Eine erfolgreiche Show ist Leben oder die bewusste Flucht daraus. Nichts dazwischen. Und niemals verlogen.
Schade, dass diejenigen, die es betrifft, Gottschalks Botschaft weder verstehen noch gar sich zu Herzen nehmen oder Konsequenzen daraus ziehen werden. Wetten, dass?
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