Hart, aber fair: Erbärmliches Rätselraten um die Motive junger AfD-Wähler
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In der ARD fragt man sich, warum die Jugend Brandenburgs rechts wählt, und nachdem Louis Klamroth TikTok nennt, begeben sich die Soziologin Katharina Warda und SPD-Politiker Kevin Kühnert auf Ursachensuche.
„Neue Partei“, „Rechtsruck“, „Enttäuschung“, „soziale Probleme“, „erlernte Zukunftsangst“, „Krisenhaftigkeit“, „Inflation“, „Corona“, „kein positives Bild auf die Gesellschaft“ fallen als Stichworte. Es wird ausgeführt, wie diese Probleme „vermeintlich mit einer Migrationsdebatte zusammenhängen“ und ein „falsches Feindbild konstruieren“. Die Mindestlöhne und Renten seien, so Kühnert, dabei doch eigentlich gestiegen.
Warum nennt niemand das Kind beim Namen?
Junge Menschen sind wie keine zweite Gruppe von einer Migrationspolitik betroffen, die sie nie wollten und die ihre Heimat zum Negativen verändert hat. Sie zieht sich durch Schulklassen und Sportvereine. Die Jugendkultur ist arabisch, die Erosion der inneren Sicherheit spürbar, zudem ist die Kriminalität nicht nur (gefühlt) präsenter, sondern auch brutaler geworden, was unter anderem daran deutlich wird, dass immer öfter Messer gezogen werden. Innenstädte und Marktplätze (etwa in Bautzen) sind in vielen Gemeinden zu Orten von Konflikt geworden. In der Schulklasse sprechen Mitschüler gebrochen Deutsch, in Nachbargemeinden werden Fälle von sexuellem Missbrauch publik, Abifeiern werden gestürmt und enden in Schlägereien, Frauen fühlen sich unsicher. Zudem, so mein Eindruck, hat die ostdeutsche Jugend das Gefühl, dass sie (und ihre Familien) nie jemand gefragt hat, ob man hunderttausende Migranten innerhalb weniger Jahre wirklich wolle. Das erzeugt Unverständnis und Frust.

Der unkontrollierte Zuzug von Migranten beeinflusst vor allem den Alltag junger Menschen.
Migration ist passiert, bevor man wusste, dass es passiert, 2015 und die Jahre danach haben aber viele zweifelsohne politisiert. Viele verweisen in Gesprächen zudem darauf, dass der Zuzug von Polen, Vietnamesen, Kroaten, (Deutsch)russen, aber auch Griechen, Italienern und Türken in der Nachwendezeit sozial verträglich war, es aber in den letzten Jahren in sehr kurzer Zeit sehr viel aus sehr anderen Ländern wurde. Im Abgleich mit den Erzählungen der Eltern wird dann deutlich, wie sehr sich Heimat verändert hat. In jedem Fall aber ist das rechte Wahlverhalten keine Raketenwissenschaft: 97 Prozent der AfD-Wähler finden es gut, dass Zuzug von Ausländern und Flüchtlingen beschränkt werden soll; 94 Prozent machen sich Sorgen, dass der Einfluss des Islam zu stark in Deutschland wird; 90 Prozent, dass Deutschland zu viele Fremde aufnimmt; ebenfalls 90 Prozent, dass die Kriminalität künftig zunimmt. Das sind auch die primären Wahlgründe der Jugend.
Kein Argument ist dümmer
Medien und linke Strömungen argumentieren dann immer damit, dass der Osten vergleichsweise wenige Migranten aufgenommen habe. Dort, wo vergleichsweise wenig Migranten leben, so die Schlussfolgerung, seien die Menschen besonders rechts. Kein Argument in der politischen Debatte ist meines Erachtens dümmer. Erstens, weil ostdeutsche Jugendliche sehr wohl wissen, wie es in Essen, Ludwigshafen, Dortmund und Duisburg aussieht – und genau das für sich nicht wollen. Zweitens, weil diejenigen, die seit weniger als zwei Jahren in Deutschland leben, prozentual sehr häufig in den Osten kamen. Zudem stammen hier – anders als in westlichen Flächenstaaten – prozentual deutlich mehr Ausländer aus Nicht-EU-Staaten als im Westen. Das bedeutet: Der „Clash“ wird deutlich sicht- und spürbarer in ostdeutschen (Klein)städten als in Worms oder Dinslaken. Und damit sind wir bei drittens: Die Konsequenzen des Zuzugs junger Männer aus dem Nahen Osten und Afrika sind im Osten längst bemerkbar, egal ob in Dresden, Plauen, Görlitz oder etwa Chemnitz, wo sechs Jahre nach der Tötung von Daniel H. durch einen Iraker und »Hetzjagden« inzwischen einfach die ganze Innenstadt voll ist von Asylbewerbern und Migranten. Wirklich. Einfach mal einen Tag in Chemnitzer Innenstadt verbringen, es ist schockierend.

Kevin Kühnert (SPD) am Montagabend bei „Hart aber fair“
Oder anderes Beispiel: Im Erzgebirgskreis, einem Teil Deutschlands, den viele gar nicht auf dem Schirm haben, kam es erschreckend oft zu Gewalttaten, Schlägereien, Einsätzen in Flüchtlingsheimen. Auch deshalb empfinde ich die Erzählung über Kontinuität im rechtsextremen Osten als verlogen und unterkomplex. Es gibt (militante) Neonazis, ja, aber niemand kann bestreiten, dass sich der Osten nun mal auch massiv verändert hat seit 2015 – und Glatzen von „Blood & Honour“ sind keine Erklärung für 30+ Prozent Stimmen für die AfD unter Jugendlichen.
Das Offensichtliche benennen, statt herumzulavieren
Flankiert wird diese Entwicklung der Überfremdung, des Heimat- und Sicherheitsverlusts von einem institutionalisierten „Kampf gegen Rechts“, der in seiner Konsequenz bedeutet, dass man die eigene Identität negieren und Diversity- und Vielfaltdogmen akzeptieren muss, weil man sonst raus ist – und der, natürlich, ein Elitenprojekt darstellt. Dazu kommt dann in der Tat Frust ob der beraubten Jugend in Corona-Zeiten und materiellen Zukunftsangst: Etliche junge Menschen befürchten, sich nie ein Eigenheim oder Reihenhaus mehr leisten zu können; das ewig währende Aufstiegsversprechen der BRD gilt für sie nicht mehr; viele sagen, dass sie nicht wissen, ob sie sich Kinder leisten werden können. Ja, das gehört dazu. Aber das größte Problem – und das muss man beim Namen nennen – ist Migration und die Migrationsgesellschaft, zumal diese in allerhand Bereiche reinwirkt (Bildung, Wohnraum, Stadtentwicklung) und natürlich Neiddebatten befördert. Wenn man also wirklich nach Ursachen sucht, sollte man sich ehrlich machen und das Offensichtliche benennen, bevor man herumlaviert, weil man weiß, dass man in dem Feld Glaubwürdigkeit verspielt hat.
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