„Nutten, Koks und frische Erdbeeren“ – warum Heino mit 87 immer noch Kult ist
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Melanie GrünKennen Sie Heinz Georg Kramm? Nein? Gio Bilk? Auch nicht? Aber unter seinem anderen Namen, da kennen Sie ihn: Heino. Es gibt nicht viele Künstler, die man mit wenigen Pinselstrichen karikieren könnte, die alle erkennen. Heino schon: Sonnenbrille, Betonfrisur – fertig.
Seine Schunkel-Schlager wie „Rosamunde“ können die meisten Deutschen mitsingen, und jetzt, mit 87 Jahren, bekommt der Mann ein weiteres TV-Denkmal: Die vierteilige Dokumentation „Heino – Karamba, Karacho, Kult!“ auf Vox und RTL+ geht der Frage nach: Wer ist der 1 Meter 74 große Blonde mit der schwarzen Sonnenbrille wirklich?
Bisher ist erst eine Folge zu sehen, am 24. März sollen die restlichen drei folgen. Aber schon der Auftakt sorgte Mitte März bei der Premiere in Heinos Wohnort Kitzbühel für Jubel. Stars wie Brigitte Nielsen posierten mit der Liederlegende.
Ein musikalisches Nationalheiligtum
Vertont wird die Doku ganz kernig von Bruce-Willis-Synchronsprecher Manfred Lehmann. Doch, während Willis an fortgeschrittener Demenz leidet, wirkt Heino topfit. Er prägt seit einem halben Jahrhundert die Musikgeschichte, hat mehr als 55 Millionen Tonträger verkauft und sich immer wieder neu erfunden, während seine alteingesessenen Fans immer wissen, woran sie bei ihm sind. Heino covert Rapsongs, singt bei Festivals und bespielt Social Media. Der Mann ist nicht nur ein musikalisches Nationalheiligtum, er ist Kult.

Heino wird mit 87 Jahren von Teenagern und Rentnern gefeiert
Der erste Teil der Doku wirft einen Blick auf Hannelore, die Frau, die immer in einem Atemzug mit ihm genannt wurde: Heinoundhannelore. Sowie Ketchupundmayo. Die Rede ist von Heinos Ehefrau: blond, schön, loyal. Die nächsten Teile sollen einen Blick auf das teils komplizierte Verhältnis zu seinem Sohn Uwe und seiner unehelichen Tochter Petra aus einer früheren Romanze werfen. Diese lernte er erst kennen, da war sie bereits 8 Jahre alt.
Die Rahmenhandlung startet mit Heinos Auftritt am Ballermann auf Mallorca – es ist das erste von 80 Konzerten. Nochmal zur Erinnerung: Der Mann geht auf die Neunzig zu. Nicht, dass Heino nicht unzählige Male vor einer betrunkenen Menge gesungen hätte. Aber Bierkönig ist für Hartgesottene: Man muss lange stehen, das Publikum will eine wilde Show, der Ton ist rau. Aber Heino liefert, auch dank seines Managers:
Helmut Werner – Manager, Freund, Alleinerbe
Seit sieben Jahren ist Manager Helmut Werner, ein blonder 41-jähriger Österreicher in Trachtenjacke, immer an Heinos Seite. Die beiden leben in Kitzbühel in Tirol in einer Art Wohngemeinschaft. In Werners Portfolio finden sich auch Stars wie Pamela Anderson und David Hasselhoff. Heino, Pam, Dave – sie alle eint, dass sie schon bessere Zeiten gesehen haben, aber auch deutlich schlechtere. Über seinen Manager/Freund sagt Heino in der Doku: „Wir wohnen zusammen, der passt auf mich auf. Ich bin sehr glücklich und froh, dass ich ihn habe.“
Werner sagt, und es klingt nur halb wie ein Witz, dass man mit dem Bierkönig am Ballermann einen imaginären Vertrag habe und bis 2038 auftreten wolle. Dann wird Heino hundert. Kurz stutzt man als Zuschauer, als Heino im Backstagebereich des Bierkönigs steht. Ist es wirklich seines Alters würdig, mit dem halbnackten Reality-Sternchen Micaela Schäfer zu schäkern? Fit sei er, sagt sein Arzt, regelmäßige Gesundheitschecks seien Pflicht. Das goldene Mikro liegt bereit, wird Heino das Promillepublikum in der Suffmeile kriegen?
Keine Frage, der Mann ist ein Großer – 1965 entdeckt, Preise, Hits wie „Blau blüht der Enzian“. Es gibt eigentlich kein Jahrzehnt, in dem Heino nicht erfolgreich war.
Der schlimmste Tag in Heinos Leben
Privat gab es dafür Tiefschläge, die andere nicht so weggesteckt hätten. Ausgerechnet diesen schwärzesten aller Tage erlebt der Bild-Reporter Mark Pittelkau damals mit. 2003 besteigen Heino und Hannelore ein Kreuzfahrtschiff, das sie von Italien übers Mittelmeer fahren soll. Ein Auftritt, Urlaub. Dann die furchtbarste Nachricht, die Eltern bekommen können: Ihr Kind ist tot. Heinos uneheliche Tochter Petra hat mit 34 Jahren in ihrer Wohnung in Düsseldorf Suizid begangen. Sie war schwer psychisch erkrankt. Heino ist im Schock, auf einem Schiff mit lauter vergnügungssüchtigen Touristen, gebucht für einen launigen Auftritt. Andere würden jetzt alles absagen. Er zieht durch.
Das Statement nur wenige Stunden danach zeigt, wie unsagbar der Schmerz sein muss: Heino muss mit tränenerstickter Stimme abbrechen. Die Welt schaut ihm beim Trauern zu, und wie es hinter der Sonnenbrille aussieht, wissen die wenigsten. „Das Schlimmste, was ich bis dato mitgemacht habe“, sagt er über diesen Schicksalsschlag. „Heino singt schon wieder“, schreibt die Bild über diesen Auftritt. Geht gar nicht, finden die einen, es zeugt von seinem Pflichtgefühl und seiner Professionalität, sagen die anderen.
2023 stirbt Heinos Frau Hannelore, ein weiterer schwerer Schlag nach einem Leben zu zweit. Die Doku zeigt Heino danach in den USA bei einem skurrilen Ereignis: Frédéric von Anhalt schlägt ihn zum Ritter. Er habe das, „so wie ich halt bin, über mich ergehen lassen“. In den USA kommt das Deutsche in Heino noch besser zum Ausdruck, sein Pflichtbewusstsein, seine Abneigung gegenüber Smalltalk. Hier gilt er als die Stimme der Heimat.
Apropos Heimat: Wie rechts ist Heino eigentlich?
Diese Frage nimmt viel Raum in der Doku ein, bezeichnenderweise gleich im ersten Teil. Hätten wir das schon mal geklärt. Schon 1973 kritisiert der WDR ihn für seinen Nationalstolz. Später schießen sich Musik-Kollegen wie Jan Delay auf ihn ein. Gregor Gysi revidiert sein Urteil, Heino sei ein „extrem reaktionärer Knochen“, als er den Schlager-Veteran persönlich kennenlernt.
„Warum soll ich rechts sein, nur weil ich Volkslieder singe?“, ist Heinos Gegenfrage. Zweimal hat er sich zu einer Partei bekannt, einmal zur SPD, dann zur CDU. Heino: „Ich habe mit rechts oder mit links überhaupt nichts zu tun.“
Heino kann singen und entertainen. Seine größte Kunst aber besteht darin, sich immer wieder neu zu erfinden und doch bei sich zu bleiben. Er nimmt eine Rap-Version von „Blau blüht der Enzian“ auf und tritt 2024 beim Parookaville-Festival auf. Die großen Namen dort kennt er nicht. Paul Kalkbrenner, Felix Jaehn? Nie gehört. Aber alle kennen ihn, junge und alte Fans wollen Fotos. Zwei Frauen führen Heino auf die Bühne. Im schwarzen Ledermantel schmettert er „Rosamunde“ – ein Lied, das er geschrieben hat, bevor die meisten Festivalbesucher geboren wurden. Die Menge jubelt, ein Slip fliegt. Den habe er jetzt erst in einer Bühnenjacke wiedergefunden, grinst Heino in der Doku.
Er bewahrt das Alte und ist offen für Neues
Heino spielt auch das Social-Media-Spiel mit, hat sogar einen Digital Native namens Benedikt dafür engagiert. Der Schlagerkönig macht jetzt Content: Instagram und TikTok wollen bespielt werden; hier sammeln sich Hunderttausende Follower. Die meisten Likes, fast 20.000, hat übrigens der Post, in dem Heino die Nationalhymne anstimmt. Er probiert Leckereien aus der Bäckerei und muss sich beim Scrollen durch seinen Feed doch noch von dem jungen Mann helfen lassen. Aber es nützt nichts: Früher waren Hits wichtig, heute Views.

Heino mit seinem Manager Helmut Werner und Stargast Brigitte Nielsen bei der Doku-Premiere in Kitzbühel
Heino verbindet Altes mit Neuem. Allein mit diesem Zitat wurde er unsterblich: „Nutten, Koks und frische Erdbeeren“ müssten immer in seiner Garderobe stehen – nur „Erdbeeren waren immer schlecht zu kriegen“.
Die Doku führt zurück zum Ballermann, wo Heino natürlich liefert. Mit jedem Auftritt klingelt die Kasse – auch bei seinem Manager, der als Alleinerbe eingesetzt wurde. Mehr darüber soll man ab dem 24. März erfahren, wenn die nächsten drei Teile erscheinen.
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