Held der Meinungsfreiheit: Stefan Niehoff ist tot
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Zur Finanzierung der Trauerfeier hat die Redaktion von NIUS ein Crowdfunding gestartet, das die Familie Niehoff in dieser schweren Zeit entlasten soll. Unterstützen Sie uns hier!
Stefan Niehoff ist tot. Der Rentner, der deutschlandweit bekannt wurde, weil er sich an die Öffentlichkeit getraut hatte, nachdem die Kriminalpolizei im Morgengrauen zur Hausdurchsuchung vor seiner Türe stand, wurde 65 Jahre alt. Niehoff war ein Vorbild für viele Bürger in Deutschland, die nach ihm ebenfalls den Mut fanden, sich gegen Strafbefehle wegen harmloser Beleidigungen zu wehren.
Es gibt wohl viele Szenen, mit denen man einen Nachruf auf Stefan Niehoff beginnen könnte. Ich beginne ihn mit dem Moment, der sich am tiefsten in mein Gedächtnis eingegraben hat. Er hat nichts mit Niehoffs politischen Äußerungen oder Positionen zu tun. Auch nicht mit der Gelassenheit, mit der er persönlichen Angriffen und Diffamierungsversuchen begegnete. Es ist ein intimer Augenblick, ein Augenblick von stiller Nähe, den ich im November 2024 miterleben durfte.

Stefan Niehoff
Wir führten gerade ein Interview mit ihm, zum allerersten Mal stand er vor der Kamera und berichtete von dem Polizeieinsatz wenige Tage zuvor. Plötzlich lief seine Tochter Alexandra, die bis dahin mit der Mutter abseits gestanden und ihren Vater beobachtet hatte, auf Niehoff zu und warf ihre Arme um ihn. Ich überlegte, wie ich sie dazu bringen konnte, wieder aus dem Bild zu gehen.
Die junge Frau leidet an Trisomie, es gilt als ungeschriebenes Gesetz, dass man Minderjährige und Menschen mit geistiger Beeinträchtigung in solchen Momenten nicht vor die Kamera lässt. Doch Alexandra war nicht von ihrem Papa loszubringen. Sie klammerte sich an ihn, blickte immer wieder stolz zu ihm auf, sodass ich schließlich aufgab und meine Überredungsversuche einstellte. „Das ist schon okay, die Alexandra bleibt hier“, sagte Niehoff und drückte sein Kind an sich.
Liebe zwischen Vater und Tochter
Die Verbindung der beiden überlagerte in diesem Moment alles, und auch Zuschauer, die später das Interview ansahen, konnten die Liebe zwischen Vater und Tochter spüren.
Später wurde Niehoff häufig als pöbelnder Hardliner dargestellt. Dabei führte er jedes Gespräch über Politik mit Witz, Ironie und einem Augenzwinkern. Es machte ihm sichtbar Freude, auf X in die Auseinandersetzung zu gehen. Ob Energiewende, Migrationspolitik, Identitätspolitik: All das kritisierte er mit Lust an der Zuspitzung – allerdings ohne dabei je bösartig zu werden. Angesprochen darauf, was er über die ideologisierte Gender-Diskussion in Deutschland denke, sagte mir Niehoff einmal: „Jeder soll so leben dürfen, wie er will. Ich möchte niemandem etwas vorschreiben und respektiere jeden.“

Das Schwachkopf-Meme, das zur Hausdurchsuchung führte
Nachdem die Anklage wegen des Retweets eines Habeck-Memes fallen gelassen wurde, fanden die Ermittler weitere Kommentare von ihm, die sie ihm maximal schlecht auslegten und ihn so vor Gericht zerrten. Wegen dieser Kommentare hat Niehoff heute den Ruf, Antisemit zu sein. Doch der Vorwurf des bourgeoisen Meinungskartells zeugt von bildungsbürgerlicher Überheblichkeit und Klassismus.
Bis zu jenem Vorwurf wusste Niehoff nicht einmal etwas mit dem Begriff anzufangen. Als ich ihn fragte, ob er denn ein Antisemit sei, berichtete er von seinen ausländischen Freunden: Russen kenne er und auch mit Türken pflege er Umgang. Niehoff verwendete die Bilder und Vergleiche zum Dritten Reich, die er auf X in seinen Kommentaren nutzte, stets mit der größten Verachtung. Sie waren seine Art auszudrücken, dass er etwas für bösartig und verwerflich hielt.

Zusammen mit seiner Frau, seiner Tochter und seinen Hunden besuchte Stefan Niehoff im Januar 2025 die NIUS-Redaktion.
„Nicht ohne meine Familie“
Ohne seine Familie wollte Stefan Niehoff nirgendwo hinreisen. Als er einmal für eine NIUS-Live-Sendung nach Berlin kommen sollte, stellte er sofort klar: Nur mit meiner Frau, meiner Tochter – und den beiden Hunden. Niehoff starb am 31. Januar an einer Hirnblutung, nachdem er einige Wochen zuvor einen Schlaganfall erlitten hatte.
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