Ich habe keine Angst um meinen Freund Norbert Bolz, aber Angst um diesen Staat
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Er ist ein Mann, der in Aphorismen sprechen kann. Man nennt sie heute Tweets, aber er formulierte schon brillant, lange bevor er die Plattform X veredelte. Professor Dr. Norbert Bolz, von 2002 bis 2018 Professor und Leiter des Fachgebietes Medienwissenschaft an der Technischen Universität zu Berlin, ist ein pointierter Formulierungskünstler, der vieles zu sagen hat – und das auch noch auf den Punkt ausdrücken kann. Er ist hochgebildet, ohne diese Bildung vor sich herzutragen.
Er beherrscht die Kunst der Ironie
Ich war fünf Jahre Gastdozent für Boulevardjournalismus in der Fakultät Medienwissenschaft bei ihm. Ich habe selten so einen honorigen und höflichen Menschen erlebt. Dass ich ihn meinen Freund nenne, wird er mir gestatten. Seine Sprache ist reich an Nuancen, vor allem beherrscht er auch die Kunst der Ironie. Das versteht nicht jeder. Zum Beispiel deutsche Behörden nicht.
Um 8:52 Uhr am Donnerstag durchsuchten vier Polizisten sein Haus. Vorwurf: „Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen“ (§ 86a StGB). Bolz hatte im Januar 2024 einen Tweet der linksalternativen Tageszeitung taz ironisch kommentiert. Das Flaggschiff der Linken hatte einen Text über den Widerstand gegen die AfD und Björn Höcke mit der Zeile getwittert: „Deutschland erwacht.“ Bolz darauf: „Gute Übersetzung von ‚woke‘: ‚Deutschland erwache!‘“

Norbert Bolz’ Replik auf einen Artikel der taz
Seine Erklärung: Er habe nur ironisch auf die Schlagzeile des Blattes reagiert – und auf die Bedeutung des englischen Wortes woke verweisen wollen: erwacht. In der Befehlsform, so Bolz, sei das eben erwache. Bolz zu Bild: „Die traurige, despotische Wirklichkeit, die ich in den letzten Jahren immer wieder beschrieben habe, hat mich eingeholt – gruselig.“ WELT-Herausgeber Ulf Poschardt: „In einem Rechtsstaat geht man davon aus, dass alles, was nicht verboten ist, erlaubt ist. Ironie war bislang nicht verboten.“
„Neuer Höchstwert auf der nach oben offenen Peinlichkeitsskala“
Norbert Bolz ist hochgebildet, ohne diese Bildung vor sich herzutragen. Seine Sprache ist reich an Nuancen, er beherrscht vor allem auch die Kunst der Ironie. Zum Beispiel hier: „Alle namhaften Experten unterstützen die Regierungspolitik, weil man nur zum namhaften Experten wird, wenn man die Regierungspolitik unterstützt.“ Oder dieser wunderbare Tweet, den er lange vor der Hausdurchsuchung abgesetzt hatte. Aber er passt zu den aktuellen Ereignissen, als sei er hierfür geschrieben worden: „Neuer Höchstwert auf der nach oben offenen Peinlichkeitsskala.“
Ein souveräner Publizist und Medienwissenschaftler. Ein ungewöhnlich kluger Mann, immer integer. Wenn er auf eine Talkshow eingeladen wird, beherrscht er sie.
Ich mache mir keine Sorgen um meinen Freund Norbert Bolz. Ich mache mir Sorgen um diesen Staat.
Lesen Sie dazu auch einen Kommentar von Ralf Schuler:
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