Ist Deutschland der kranke Mann Europas? Ja, sagt Diego Faßnacht
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Die renommierte Wirtschafts-Zeitung „The Economist“ titelt in dieser Woche: „Is Germany once again the sick man of Europe?“ Sind wir wieder der kranke Mann? Diese Frage hat einen Hintergrund. Eine große deutsche und internationale Diskussionen löste der Titel des Economist im Jahre 1999 aus. Damals bezeichnete diese Zeitung Deutschland als den kranken Mann Europas.
Die Situation von damals war sicherlich grundlegend anders als heute. In Deutschland herrschte Massenarbeitslosigkeit. Trotzdem stellt der Economist heute die Frage, ob Deutschland wieder der kranke Mann Europas ist. Blicken wir auf die Gründe.
Zur Zeit ist Deutschland die einzige Industrienation in der Welt, die bereits seit Oktober 2022 in einer Rezession steckt, und viele wirtschaftliche Kennzahlen verheißen für den weiteren Verlauf der deutschen Volkswirtschaft nichts Gutes.

Mediennummer 420892492 Beschreibung Kräne und Container im Hamburger Hafen. Die Preise auf Großhandelsebene sind in Deutschland auch im Juli deutlich gesunken.
Der Internationale Währungsfond (IWF) erwartet dazu, dass Deutschland über die kommenden 5 Jahre sich schlechter entwickelt als die USA, das UK, Frankreich oder Spanien.
Der neue Generalsekretär der CDU, Carsten Linnemann, nennt Deutschland nicht nur der kranke Mann Europas, sondern den „kranken Mann der Welt“ und zieht ebenso den Vergleich zu den 90er Jahren. Ist Deutschland also wirklich der kranke Mann Europas oder gar der Welt? Ja!
Blickt man auf die Probleme, die Deutschland hat, dann stellt man fest, dass diese nicht konjunkturell getrieben sind, sondern eindeutig strukturell.
Das Ausland investiert viel weniger in Deutschland, deutsche Unternehmen verlagern ihre Investitionsentscheidungen lieber ins Ausland. Insbesondere in einer Zeit des technologischen Umbruchs in Richtung Digitalisierung und Automatisierung ist dies eine gefährliche Entwicklung.
Deutschland hat sich über Entwicklung der Volkswirtschaft täuschen lassen
Unsicherheit über die Energieversorgung und hohe Energiekosten schrecken ab. Die Bürokratie wird eher größer als kleiner. Hochqualifizierte Deutsche verlassen zunehmend das Land und die Einwanderung nach Deutschland wird von vielen Geringqualifizierten geprägt. Das Steuersystem setzt wenige Leistungsanreize und bestraft die Leistungswilligen.
Die traditionelle Exportnation Deutschland hat sich über eine lange Zeit über die wahre Entwicklung der Volkswirtschaft täuschen lassen. Ein immer schwächerer Euro hat dazu geführt, dass deutsche Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil beim Export hatten. Dieser schwache Euro ist ein wesentlicher Treiber der Reduzierung der Arbeitslosigkeit gewesen. Die Reallohnentwicklung ist die Kehrseite dieser Entwicklung.
Ebenso hat die viel stärkere Bindung Deutschlands an Russland und China, als bei anderen westlichen Länder, dem Land Wettbewerbsvorteile gebracht. In einer Zeit der geopolitischen Konflikte wird nun offen gelegt auf welchen Risiken diese Beziehung gebaut gewesen ist.

Mitarbeiter der Transnet BW führen in einem abgeschalteten Bereich des Umspannwerks Pulverdingen Wartungsarbeiten an einer 380000 Volt Höchstspannungsanlage durch. Für die Energiewende muss der Netzbetreiber Netze BW sein Stromnetz im Südwesten deutlich umfangreicher ausbauen als bislang bekannt.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die vermeintliche Stärke im letzten Jahrzehnt vor allem auf günstigen Rahmenbedingungen basierte und weniger auf eigener Stärke.
Wenn man auf Deutschland schaut, dann stellt man allerdings nicht nur fest, dass es strukturelle Probleme gibt. Es fehlt auch vollkommen an dem Willen oder der Fähigkeit zu verstehen welche Folgen ideologische politische Entscheidungen haben (werden). Es fehlt vollkommen an dem Willen oder der Fähigkeit zu verstehen, was die Probleme für die deutsche Wirtschaft sind.
Deutschland ist nicht nur exportorientiert, sondern auch stärker industrialisiert als andere westlich Länder. Dass nun ausgerechnet Deutschland in einer Krise der Energieversorgung und der Energiepreise aus ideologischen Gründen das Angebot an Energie - durch den Ausstieg aus der Kernenergie - reduziert, ist für die exportorientierte, energieintensive Industrie ein Schlag ins Gesicht und hat entsprechende Folgen.
Auch bei Zukunftsinvestitionen wie der Digitalisierung hinkt Deutschland stark hinterher. Eigentlich müsste ein riesiger Aufschrei durch das Land gehen und die Grundlage für zukünftigen Wohlstand des Landes alle Diskussionen bestimmen, doch diskutiert man in Deutschland eher über Anderes.
Bevor es also eine Umkehr in Deutschland geben kann, bedarf es einer geistig-moralischen Wende. Einer Abkehr von einem immer stärkeren Glauben daran, dass mit politischen Plänen Ziele erreicht werden. Einer Zurücknahme des Staates insgesamt. Mehr Freiheit für Bürger und Unternehmen. Aber vor allem bedarf es einer anderen Prioritätensetzung.

Ein Mitarbeiter von Rheinmetall arbeitet im Werkt an der Instandsetzung des Schützenpanzers Marder für die Ukraine. Rhein informiert sich über die Aktivitäten und Projekte des Unternehmens am Standort Kassel.
Deutschland steht durch den demographischen Wandel vor einem gewaltigen Problem. Dieses muss anerkannt werden. Dann müssten die Rahmenbedingungen so gesetzt werden, dass von Deutschland eine Willkommenskultur für Investitionen, technologischen Fortschritt und Leistung ausgeht.
Bleibt der Fokus jedoch auf ideologischen Projekten, dann dürfte die Heilung des kranken Manns Europas oder der Welt, in den nächsten Jahrzehnten fraglich sein. Ja, Deutschland ist der kranke Mann.
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