Mit Meldestellen habe ich keine guten Erfahrungen gemacht
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Mit Meldestellen habe ich keine guten Erfahrungen gemacht. Es muss im Frühsommer 1984 gewesen sein, ich war 19, gerade mit dem Abi fertig, als ich eine unscheinbare Postkarte mit der Vorladung in die nächste „Meldestelle“ der Volkspolizei erhielt. „Zur Klärung eines Sachverhalts“ stand darauf. Irgendein Fahrraddiebstahl nahm ich an. Ich hatte mir nichts vorzuwerfen und „meldete“ mich arglos zum vereinbarten Zeitpunkt auf der Wache.
Es war kein Fahrraddiebstahl. Zwei Herren, die ihre schwarzen Lederjacken offenbar im gleichen Laden kauften, empfingen mich in einem Hinterzimmer, das außer einem Tisch, drei Stühlen, einem Bild von Erich Honecker und einer Topfpflanze im Endstadium keine weiteren Einrichtungsgegenstände enthielt. Ich könne mir wohl denken, sagte der wortführende Herr G., dass sie keine Mitarbeiter der volkspolizeilichen Meldestelle seien.
Stasi.
Herr G. (der Name dürfte nicht sein wirklicher gewesen sein) und sein Kollege legten mir ein Papier vor, das ich noch nie gesehen hatte, das aber eindeutig meine Unterschrift trug. Der mir vertraute Schriftzug, leicht eingedrückt mit Kugelschreiber, unzweifelhaft meine Signatur. Nur eben nicht von mir. Im Kern ging es darum, mich zur inoffiziellen Mitarbeit zu erpressen. Ich entschied mich für eine bewährte Methode, die mir schon in der Schulzeit bei den Werbern der NVA gute Dienste geleistet hatte: Ich sagte einfach nichts, wartete, bis das Schweigen unerträglich wurde und wurde die Herrschaften so wieder los.
Wir haben dich im Blick
Das ist lange her, und die Stasi ist glücklicherweise inzwischen Geschichte. Der sorglose, völlig unbeschwerte Umgang heutiger Politiker mit dem Wort „Meldestelle“ verursacht mir gleichwohl noch immer ein tiefes Unbehagen. Im CDU-regierten Nordrhein-Westfalen zum Beispiel gibt es vier Meldestellen für „queerfeindliche und rassistische Vorfälle“. Die SPD fordert sogar eine Fünfte gegen „toxische Männlichkeit“. Die Amadeu-Antonio-Stiftung unterhält eine Meldestelle für „Antifeminismus“, und Bundesinnen- und -familienministerium fördern eine Meldestelle für „Antiziganismus“, die 2022 die Publizistin Anabel Schunke wegen vermeintlicher Volksverhetzung anzeigte. Und das sind nur einige der aktuellen Petz-Portale, bei denen man wohlgemerkt Vorfälle „unterhalb der Strafbarkeitsgrenze“ melden kann.
Merke: Der alte rechtsstaatliche Grundsatz, was nicht verboten ist, ist erlaubt, gilt nicht mehr. In einem Land, in dem Denunziantentum in zwei Diktaturen Menschen(leben) zerstört, Karrieren ruiniert und Diktatoren zu stabiler Macht verholfen hat, lautet die aktuelle Botschaft: Wir haben dich im Blick.
„Melden macht frei“, lautet eine alte Untertanen-Weisheit, die dazu anleitet, sich durch vorbeugendes Denunzieren aus möglicher Mitverantwortung für unbequeme Zeitzeugen zu stehlen und auf die sichere Seite zu schlagen. Die Seite der Macht und der Obrigkeit. Der HGLer (Chef der „Hausgemeinschaftsleitung“) in unserem Ostberliner Plattenbau zum Beispiel meldete vorsichtshalber weiter, dass für unsere Familie angeblich West-Besuch mit Mercedes vor dem Haus geparkt habe. Wir hatten keine West-Verwandtschaft mit Mercedes und auch keinen Besuch. Zum 65. Geburtstag seines Bruders in Düsseldorf durfte mein Vater mit Verweis auf diese Information trotzdem nicht fahren. Als die Mauer fiel und der Besuch endlich möglich gewesen wäre, war der Bruder verstorben.
Mit Meldungen insgesamt habe ich keine guten Erfahrungen gemacht. Beim Fahnenappell wurde gemeldet, dass die Jungpioniere angetreten seien. Die Vorsitzende der FDJ-Grundorganisation meldete Vollzähligkeit zur „Kampfdemonstration“ am 1. Mai, und beim Grundwehrdienst musste ich die Reinigung der Stube abmelden. Alles keine guten Erinnerungen.
Und wo bleibt das Positive? Klar: Auch Ticker-Nachrichten werden „gemeldet“ und „der brave Soldat Schwejk“ von Jaroslav Hašek stellte sich mit seinem „melde gehorsamst“ so hinreißend dumm, dass die Obrigkeit daran verzweifelte. Ein hoffnungsvoller Ausblick.
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