Nächstenliebe nur mit der richtigen Gesinnung: Der Diakonie-Chef droht 627.000 Menschen mit Kündigung, wenn sie die AfD wählen
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Wir alle kennen die Autos der Diakonie, die Senioren jeden Tag das Essen auf Rädern bringen, oder die Krankenhäuser und Pflegeheime mit dem weißen Kreuz auf hellblauem Grund. Der evangelische Wohlfahrtsverband „Diakonie Deutschland“ ist im ganzen Land präsent und beschäftigt 627.000 Menschen. Zum Vergleich: Bei Volkswagen arbeiten knapp 120.000 Menschen, bei Aldi Nord 100.000 Menschen, bei der Deutschen Bahn 211.000 Menschen. Die Diakonie ist einer der größten Arbeitgeber des Landes.
Und der Präsident der Diakonie sagt nun in aller Deutlichkeit, dass er einen Mitarbeiter, der die falsche Partei wählt, sofort entlassen würde. „Wer die AfD aus Überzeugung wählt, kann nicht in der Diakonie arbeiten“, sagte Rüdiger Schuch den Zeitungen der Funke-Medien.
Der Satz ist in seinen verschiedenen Ebenen so heftig, dass man ihn noch einmal lesen muss: „Wer die AfD aus Überzeugung wählt, kann nicht in der Diakonie arbeiten.“ Schuch führt dann aus: „Wer sich für die AfD einsetzt, muss gehen. Diese Leute können sich im Grunde auch nicht mehr zur Kirche zählen, denn das menschenfeindliche Weltbild der AfD widerspricht dem christlichen Menschenbild.“
Jetzt mal unabhängig davon, dass ich immer ein anderes, nämlich von Nächstenliebe geprägtes Bild von Kirche hatte – hier meine Gedanken zu diesem Satz, den ich persönlich grauenhafter finde als jedes Programm der im Bundestag vertretenen Parteien.

Jeder kennt die kleinen Diakonie-Autos, die durch die Stadt flitzen – hier in Passau
Normenverdichtende Demokratie-Ansprachen in der Mittagspause
Achten Sie auf die präzise Wortwahl. Es geht nicht um AfD-Politiker oder -Mitglieder, sondern um Wähler. Ein Mann, der verantwortlich für 627.000 Menschen ist, übt massiven Druck auf jeden aus, der die AfD wählt oder wählen will. Und das ist rein statistisch jeder fünfte Diakonie-Mitarbeiter, aktuell steht die AfD in den Umfragen bei 18-20 Prozent. Die Botschaft von Rüdiger Schuch an seine Belegschaft lautet: Mach dein Kreuz an der richtigen Stelle, sonst bist du deinen Job los. Und noch einmal: Wir reden hier nicht von einer 10-Mann-Bude im Gewerbegebiet, sondern von einem der größten deutschen Arbeitgeber. Wäre die Diakonie eine Stadt, wäre sie mit 627.000 Einwohnern die achtgrößte im Land (größer als Leipzig mit 616.000 Einwohnern, kleiner als Düsseldorf mit 629.000 Einwohnern).
Gesinnungstests soll es nicht geben, sagte Schuch, und will das als Entwarnung verstanden wissen. Viel mehr soll mit den AfD-Wählern in der Belegschaft ein klärendes Gespräch geführt werden – wenn es danach noch „bleibende Konflikte“ gibt, soll es „arbeitsrechtliche Konsequenzen“ geben. Keine Gesinnungstests (puh, beruhigend!), dafür normenverdichtende Demokratie-Ansprachen in der Mittagspause. Ich hatte das irgendwie anders verstanden mit der freien Wahl, wie sie im Grundgesetz beschrieben wird.
Die freie Wahlentscheidung ist eine große Errungenschaft der Moderne. Nicht mehr der König entscheidet, wie seine Untertanen zu denken haben, sondern die Menschen sind frei in ihrer politischen Willensbildung. Dieses Grundprinzip der Demokratie ist in unserem Grundgesetz in Artikel 38 festgehalten: „Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages werden in allgemeiner, unmittelbarer, freier, gleicher und geheimer Wahl gewählt.“ Rüdiger Schuch, als evangelischer Pfarrer ein Gottesmann, tritt unser Grundgesetz mit Füßen, wenn er sagt: Wer die AfD wählt, kann nicht für die Diakonie arbeiten. Dann frei ist die Wahl garantiert nicht mehr, wenn der Chef einen vor die Wahl stellt – freie Wahlentscheidung oder Kündigung.

Erst im Februar wurde Schuch offiziell in sein Amt als Diakonie-Präsident eingeführt
Der Diakonie-Chef sollte sich entschuldigen
Diese Form des sozialen Drucks, fünf Wochen vor der Europawahl, ist eine neue Dimension der gesellschaftlichen Spaltung von einer Seite, von der ich es nicht für möglich gehalten hätte: Niemand braucht eine Kirche, die den Menschen vorschreibt, wie sie sich in der Wahlkabine zu entscheiden haben. Um die Worte von Rüdiger Schuch ein wenig abzuwandeln: Wer so spricht, transportiert ein demokratiefeindliches Weltbild.
Die Zeiten, in denen auf der Kanzel gepredigt wurde und das Gesagte nicht hinterfragt werden durfte, sind Gott sei Dank vorbei.
Ich finde, Herr Schuch sollte sich für seine Entgleisung entschuldigen. Nicht bei der AfD, die teilt genau so gerne aus und kann das aushalten, im Zweifel nutzt ihr so eine Attacke sogar, weil sie sich wieder als Opfer stilisieren kann. Aber die Diakonie-Mitarbeiter, die NICHT so wählen wollen, wie ihr Chef es vorgibt, die haben eine Entschuldigung verdient. Diese Menschen arbeiten im sozialen Sektor – und sehen sich im wahrsten Sinne einer asozialen Ansage von ganz oben entgegengesetzt.
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