Nein, wir Boomer sind nicht schuld an der Renten-Misere!
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Die aktuelle Rentendebatte findet unser Autor als im Rekordjahr 1964 geborener „Boomer“ unfair – und wehrt sich gegen die Vorwürfe an seine Generation. Nicht diese, meint er, ist für das Debakel der Altersversorgung verantwortlich, sondern die Politik. Und Alt & Jung sollten sich nicht gegeneinander aufhetzen lassen.
Vor einigen Tagen veröffentlichte der sonst sehr geschätzte Ben Brechtken bei NIUS einen Kommentar zur Rentendebatte: „Streicht den Boomern die Rente zusammen!“ Die geburtenstarken Jahrgänge der 50er und 60er Jahre seien nämlich „eine politisch verantwortungslose Generation“, müssten aber jetzt endlich „Verantwortung für ihr Versagen übernehmen“ und die Folgen des von ihnen nicht verhinderten Systems ausbaden.
Die Problemanalyse ist grundsätzlich nicht falsch. Natürlich ist das Umlageverfahren gescheitert, immer weniger Jüngere müssen in diesem System die Renten von immer mehr Älteren finanzieren. Konrad Adenauer, Bundeskanzler von 1949 bis 1963, hat sich damals spektakulär geirrt: „Kinder kriegen die Leute immer“, hatte er gesagt, doch die Pille und gesellschaftliche Veränderungen (mehr in Vollzeit arbeitende Frauen!) ließen diese vermeintliche Gewissheit platzen.
Fleißig rangeklotzt ohne „Work-Life-Balance“
Ich bin ein Boomer, sogar Jahrgang 1964 und damit einer von 1,38 Millionen in jenem Jahr Geborenen (DDR mit eingerechnet). Wir sind Deutschlands stärkster Jahrgang. Gemeinsam mit 12 Millionen anderen Boomern werden wir in den 2030er Jahren in Rente gehen (und dem Arbeitsmarkt fehlen: bis 2035 schrumpft durch uns das Erwerbspersonal um 5 bis 7 Millionen). Wir werden dann 40 oder 45 Jahre gearbeitet und kräftig in die Rentenkassen eingezahlt haben. Wir sind auch der erste Jahrgang, der erst mit 67 in Rente gehen darf.
Der Begriff „Work-Life-Balance“ war uns unbekannt, ebenso wie ein „Sabbatical“. Wir sind auch schon mal mit dem Kopf unterm Arm zur Arbeit gegangen, statt uns krankzumelden, das war das Pflichtbewusstsein, mit dem wir aufgewachsen sind. Man wollte ja kein Asi sein und die Kollegen die Arbeit machen lassen. Dann haben wir auch noch Wehrdienst geleistet, mit acht Mann auf der Stube, oder Zivildienst im Krankenhaus. Uns von einer Generation in einen Verteilungskampf treiben zu lassen, in der viele schon von einem 8-Stunden-Arbeitstag bis zum Burn-out überfordert sind und ansonsten von Laktoseintoleranz, Glutenunverträglichkeit und Mikroaggressionen wie etwa schlimmen Wörtern geplagt werden, kommt für mich nicht in die Tüte.
Wir haben uns einen Wolf gearbeitet, gehen aber später als andere Europäer in die Rente und bekommen deutlich weniger. Mit mickrigen 48 Prozent sehen wir im EU-Vergleich (in Österreich, Italien, Spanien, Niederlande, Dänemark und Frankreich sind es zwischen 75 und 90 Prozent) buchstäblich alt aus. Bis 2031, wenn ich mutmaßlich aus dem Erwerbsleben ausscheide, wird das miese Niveau noch gehalten, danach wohl nicht mehr. Schon heute erhalten knapp 60 Prozent der deutschen Rentnerinnen weniger als 900 Euro im Monat. Jeder sechste Rentner in Deutschland ist von Altersarmut bedroht. Und da ist noch Spielraum zum Wegkürzen? Geht’s noch?

Der Rentenbescheid treibt den meisten die Tränen in die Augen.
Und Oma ist ’ne alte Umweltsau
Über die Alten als unnütze Esser wird schon lange gespottet. Harald Schmidt schlug schon 2009 in seiner Late-Night-Show sinngemäß vor: Man könnte ja mal die Grünphasen an den Ampeln kürzen, dann wären die Rentner schneller weg. Ein Jahrzehnt vorher sagte der Chirurg und Präsident der Bundesärztekammer, Karsten Vilmar, im Zusammenhang mit von der rot-grünen Bundesregierung geplanten Einsparungen im Gesundheitswesen sarkastisch: „Dann müssen die Patienten mit weniger Leistung zufrieden sein, und wir müssen insgesamt überlegen, ob diese Zählebigkeit anhalten kann, oder ob wir das sozialverträgliche Frühableben fördern müssen.“
Die linke „Unwort“-Jury bekam den Begriff „sozialverträgliches Frühableben“ in den falschen Hals und meinte darin „Zynismus“ zu erkennen. Angesichts der gegenwärtigen Diskussionen könnte der Begriff allerdings ein Revival erfahren, diesmal bitterernst gemeint. Man denkt an den dystopischen Film „Soylent Green“ (1973), der im Jahr 2022 spielt. Die Bevölkerung lebt in Armut, und in Tötungsanstalten lassen sich die „unnützen Esser“ in angenehmer Umgebung einschläfern. Danach werden sie abtransportiert, in einer Fabrik heimlich auf Laufbänder geladen und zum Nahrungsmittel „Soylent Grün“ verarbeitet.
Seit einiger Zeit wird pauschal der „alte weiße Mann“ verunglimpft, Oma ist ‘ne alte Umweltsau und lebt nach dem Tod des Gatten in einer viel zu großen Wohnung, die sie gefälligst zu räumen hat, schließlich suchen junge Familien – man ahnt, welche gemeint sind – verzweifelt Wohnraum. Aber ist Oma daran schuld, die auch für eine kleinere Wohnung viel Geld für die Miete aufbringen müsste? Und auf ihre alten Tage ihr gewohntes Wohnumfeld verlöre?

SZ-Artikel, der dafür plädiert, dass Senioren für Jüngere Platz machen.
Von wegen „Die Rente ist sicher!“
Hier werden Menschen gegeneinander ausgespielt, und ich weigere mich, dabei mitzumachen – nicht nur, weil ich selbst Kinder und Enkel habe. Das ist übrigens noch so ein Vorwurf, den man nicht stehenlassen kann: Wir Boomer hätten zu wenig Kinder bekommen. Nun, das ist relativ. Wir haben mit 1,59 Kindern weniger Nachwuchs bekommen als unsere Elterngeneration (2,2), aktuell beträgt die Geburtenrate aber nur 1,35. Fangt mal damit an, selbst Kinder in die Welt zu setzen.
Nach meinem Gefühl sind die Alten jetzt die neuen „Ungeimpften“. Aber eine weitere Spaltung der Gesellschaft können wir uns wirklich nicht leisten, das würde nur der Politik helfen, davon abzulenken, dass sie unseren Wohlstand anderweitig verschleudert hat. Wir alle, alt und jung, sind von ihr gleichermaßen verarscht worden.

Minister Norbert Blüm 1986: absehbare Falschaussage als Markenzeichen.
Klar, Norbert Blüms Wahlspruch von 1986 („Die Rente ist sicher!“) haben wir natürlich nicht geglaubt, weil die demografische Entwicklung schon damals abzusehen war, und Marcel Fratzschers abenteuerliche Behauptung, die „Flüchtlinge“ würden die Renten der Baby-Boomer zahlen, schon gar nicht. Aber was hätten wir tun sollen? Wir wurden vom Staat gezwungen, ins Rentensystem einzuzahlen. Hätte ich mit dem Geld eigenverantwortlich Altersvorsorge betreiben dürfen, wäre ich jetzt reich und würde der Regierung aus irgendeinem sonnigen Land heraus den Stinkefinger zeigen.
Rentenkassen geplündert und hunderte Milliarden verpulvert
Ich habe Verständnis für die Zukunftsängste der Gen-Z. Die Jungen werden irgendwann alt und noch weniger von der Gesellschaft unterstützt als die Senioren heute. Sie müssen selbst vorsorgen – fast unmöglich, wenn alles teurer wird und der Staat immer mehr von Lohn und Gehalt abgreift. Auch das, was wir ihnen vererben, wird nicht reichen.
Aber, sorry: Wir konnten das System nicht ändern. Es ist nicht unsere Schuld, dass die Politik versäumt hat, das umlagefinanzierte System auf ein kapitalgedecktes umzustellen. Es wäre an den Regierenden gewesen, die Weichen grundsätzlich anders zu stellen, etwa auch Beamte zur Kasse zu bitten. Stattdessen hat sie jahrzehntelang die Rentenkassen für versicherungsfremde Leistungen geplündert. Seit 1957 soll sich, so etwa der Experte Otto W. Teufel in der Wirtschaftswoche, durch diese Praktik ein kumulatives Defizit von fast einer Billion Euro (!) angehäuft haben. Wäre die Rentenkasse nicht derart belastet worden, könnten die Renten deutlich höher ausfallen.
Die Boomer, die dieses Land über Jahrzehnte am Laufen gehalten haben, sind am allerwenigsten als Sündenböcke geeignet. Der einzige Fehler, den man ihnen vorwerfen kann, ist, der Politik mit ihren Versprechungen auf die Leimrute gekrochen zu sein. Die aber gibt verstärkt in den letzten 10 oder 15 Jahren unvorstellbare Summen aus. Ich sage nur: jährlich 30 Milliarden Euro für eine Entwicklungshilfe, von der in Drittweltstaaten nur Diktatoren und ihre Familien profitieren, die sich fette SUVs anschaffen, aber nichts strukturell verbessert wird.
25 Milliarden für Migranten im Bürgergeld. Zig Milliarden für Menschen, die noch nie in unsere Sozialsysteme eingezahlt haben und dennoch voll alimentiert werden, ebenso für „Klimaschutz“ bei uns und in aller Welt, der rein gar nichts bewirkt, Milliarden für die Ukraine, für NGOs, die die Opposition bekämpfen und so weiter.

Alle Rentner sollen ein soziales Jahr ableisten, findet der Ökonom Marcel Fratzscher.
Vorsicht: Wir sind viele!
Hier liegt der Hase im Pfeffer. Verweigern wir uns der Agenda der „Divide et Impera“-Etatisten, wir haben ebenso ein Anrecht auf ein auskömmliches Einkommen nach einem langen Arbeitsleben wie die Gen-Z. Notfalls, so meinte ein Leser ganz richtig, muss der Staat für die eigenen Rentner ein paar Jahrzehnte draufzahlen, früher oder später „verabschieden die geburtenstarken Jahrgänge sich ohnehin von dieser Welt. Das muss dann halt an anderer Stelle gespart oder reingeholt werden.“ Genau so ist es. Die Boomer in Kollektivhaftung für das dramatische Fehlverhalten der Politik zu nehmen, löst kein Problem. Solange Millionen Menschen alimentiert werden, die noch nie in unsere Sozialkassen eingezahlt haben und es auch nie tun werden, ist diese ganze Rentendiskussion absurd.
So grotesk wie der Vorschlag des DIW (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung), Rentner mit „hohen“ Einkünften – schon über 1.048 Euro monatlich – sollten 10 Prozent ihrer Alterseinkünfte als Abgabe zahlen („Boomer-Soli“), um einkommensschwache Rentner zu entlasten und das Rentensystem zu stabilisieren. Oder die Schnapsidee des seltsamen Ökonomen Marcel Fratzscher, ein obligatorisches Jahr sozialen Engagements für alle Rentner, etwa in Pflege, Bundeswehr oder Bildungseinrichtungen einzuführen.
Mit uns kann man’s ja machen, oder? Denkste. Wir sind zu viele, wir lassen uns weder zur Zwangsarbeit rekrutieren, noch aus unseren Wohnungen vertreiben. Wir Boomer haben genug geleistet für dieses Land und auch für unsere nachfolgende Generation, die schließlich in einem Wohlstand aufwuchs, den wir damals nicht hatten. Wir werden keinen Fensterkitt fressen. Wenn die Politik uns ans Leder will, können wir auch anders: Noch sind es die Alten, die mehrheitlich die „Volksparteien“ CDU/CSU und SPD wählen. Auch das kann sich ändern. Wie gesagt: Wir sind viele.
Lesen Sie dazu auch: Generationenkonflikt Rente: Die Verteilungskämpfe haben begonnen
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