Nicht witzig: Michael Mittermeier und sein Kampf gegen die Meinungsfreiheit
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Er ist einer der erfolgreichsten deutschen Comedians, hat über 200.000 Instagram-Follower und betreibt seit 2023 einen Comedy Club in München, in dem schon Torsten Sträter, Felix Lobrecht und Olaf Schubert auftraten. Im „Lucky Punch“ wird zudem regelmäßig eine Sendung für den Bayerischen Rundfunk aufgezeichnet. Michael Mittermeier weiß ganz offensichtlich, wie man sich vier Jahrzehnte lang im Comedy-Business über Wasser hält: mit Talent, aber auch mit einem großen Netzwerk und der Gabe, die aktuell herrschende Meinung zu bedienen.
Mittermeier als Moralist
Der 60-Jährige kritisierte Impfskeptiker und trieb mit seinem Corona-Buch „Ich glaube, ich hatte es schon“ einen weiteren Keil in die gesellschaftliche Debatte. Seine aktuellen Äußerungen gegenüber der Neuen Osnabrücker Zeitung beweisen: Die Spaltung ist schon tief bis ins Comedy-Lager vorgedrungen. Wer Andersdenkende anzählt, aber die eigenen Polit-Lieblinge schont, hat offenbar selbst vergessen, was wirkliche Meinungsfreiheit ist.
Im Interview keilt der selbsternannte Moralist: „Ich sage den Künstlern, die sich auf die Bühne stellen und sich beschweren, sie dürften nichts mehr sagen: Fahr nach Hause, heul dich bei deiner Mama aus und werde Bäcker, aber in der Comedy hast du definitiv den falschen Job“.

Das Motto vieler Comedians: nach links buckeln, nach rechts treten.
Namen nennt Mittermeier nicht. Dafür bräuchte es ja Mut. Stattdessen kommt er mit einem abgedroschenen Beispiel um die Ecke, das mit aktuellen Bühnenprogrammen rein gar nichts zu tun hat. Er frage diese Menschen zudem immer nach einer „ominösen Liste der angeblich verbotenen Wörter“, habe aber bisher von keinem eine solche Liste erhalten. „Die meisten Menschen, die sich darüber aufregen, dass sie etwa das N-Wort nicht mehr benutzen sollen, haben es vorher nie gebraucht. Aber jetzt, wo klar ist, dass es eine miese Beleidigung ist, wollen sie es unbedingt sagen.“
Von all den Kollegen, die gerne mal das M-Wort sagen würden (M wie Meinungsfreiheit), spricht der woke Witzemacher nicht.
Als Meinungsmacher gegen die Meinungsfreiheit?
Mit dieser Scheuklappen-Wahrnehmung ist Mittermeier nicht allein: Comedians, die ihre Schäfchen im Trockenen und ein gewisses Alter erreicht haben, teilen in letzter Zeit gerne mal gegen alle aus, die einen verengten Meinungstunnel beklagen.
Oliver Kalkofe (60) sagt dem Playboy, es sei „völliger Unsinn“, dass man im Gegensatz zu früher kaum noch etwas sagen dürfe. „Heute hat man eher Angst vor einem sogenannten Shitstorm oder vor Kritik aus einer bestimmten Richtung. Bei vielen Institutionen und auch in manchen Medien führt das dann aus Angst und vorauseilendem Gehorsam dazu, sich selbst zu beschränken.“ Dass ein Shitstorm schnell das Karriereende bedeuten kann, scheint das TV-Schwergewicht auszublenden.
Das Gefährliche an Michael Mittermeiers Moralkeule: Er kommt immer kumpelhaft-stoffelig daher, spricht offen über psychische Tiefs, Krisen seiner seit mehr als dreieinhalb Jahrzehnten dauernden Beziehung mit Sängerin Gudrun und Fehlgeburten. Er wirkt wie einer, mit dem man gern ein Bier trinken würde. Aber langsam dämmert selbst langjährigen Fans: Lustig wäre das nicht, denn der Mann hat offenbar eine Mission. Und die ist nicht spaßig, sondern bitterernst.
Im Interview mit der Münchner Abendzeitung gesteht Michael Mittermeier: „Ich bin definitiv kein Zwangskomiker. Auch unter Freunden bin ich keiner, der auf Krampf Witze erzählen muss. Ich glaube, ich gelte durchaus als jemand, mit dem man einen guten Abend verbringen kann, aber mit mir kann man genauso gut den ganzen Abend über Politik diskutieren, ohne einen einzigen Lacher.“
Kurz vor der Fußball-WM 2024 reist Mittermeier zur Privataudienz beim damaligen Papst Franziskus in den Vatikan und überreicht dem Pontifex ein DFB-Trikot. Bei der Audienz sind auch amerikanische Komiker wie Whoopi Goldberg, Chris Rock oder Stephen Colbert dabei. Aus Deutschland kommen Annette Frier, Meltem Kaptan, Till Reiners und Torsten Sträter. Alle launig, lieb und gerade so lustig, dass es nicht wehtut.
Grün und giftig?
Seine Reichweite nutzt der Bayer offenbar immer stärker, um den gesellschaftlichen Diskurs in die linksgrüne Richtung zu verengen. Mittermeier, der mit Frau und seiner fast volljährigen Tochter in Bayern lebt, wirbt Ende März vor der Stichwahl des Münchner Oberbürgermeisters auf Instagram offen für den Kandidaten der Grünen, Dominik Krause. Mittermeier, selbst bekennender Grünen-Wähler, gibt sich gern kritisch und nimmt etwa Aktionen wie die der Klimakleber aufs Korn. Doch hinter der Humorfassade verbirgt sich ein Hardliner, der bei der Hafermilch-Bourgeoisie für Entzücken sorgt.

Michael Mittermeier ist aktuell mit dem Programm „Flashback“ auf Tour.
Mittermeier, der von sich selbst behauptet, nicht woke zu sein, dürfte mit einem geschätzten Millionenvermögen ohnehin zu groß zum Scheitern sein: Er macht Musik, schreibt Bücher, betreibt einen Podcast mit seiner Tochter und ist Synchronsprecher für Kinofilme. Zudem drehte er einen Dokumentarfilm über einen in Myanmar inhaftierten Regimekritiker. Sein Rezept: ein bisschen lachen, ein bisschen belehren und die eigenen Wirkungskreise stetig erweitern – auch ins Ausland: Mittermeier ist mit Moderations-Star Trevor Noah befreundet und tritt mit dem politisch durchaus unkorrekten Großmeister Dave Chappelle auf. Sind seine Bühnenprogramme trotz dieser Gesinnungs-Pointen manchmal trotzdem lustig? Natürlich. Doch Humor kommt dort ins Straucheln, wo No-Go-Areas sind, wo kritische Kollegen abgewatscht werden. Oder weiß ein Michael Mittermeier nicht, was mit Comedians passiert, die etwa Alice Weidel feiern? Eben.
Nur, wer den Humor-Tunnel nicht verlässt, darf in der ersten Lach-Liga mitspielen und etwa in der Amazon-Show „LOL“ mitmachen. Auf die anderen wartet der düstere Dreiklang: Shitstorm, Distanzierung der Kollegen, Abstellgleis. Wer dann, wie von Mittermeier gefordert, zu seiner Mama fährt oder umschult, tut das, weil ihm schlicht nichts anderes übrigbleibt.
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