Niete im Nadelstreifen
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Es war schon ein skurriler Anblick: Bundeskanzler Olaf Scholz im Hotelzimmer in Rio de Janeiro, interviewt von Reportern mehrerer Fernsehsender. Im Hintergrund der Sandstrand der Copacabana mit leicht plätschernden Wellen. Es roch nach Urlaub, Freizeit, offenem Hemdkragen. Was nicht passte – der Kanzler trug Nadelstreifen. Er war, wie man in englischen Kreisen sagen würde – overdressed. Oder, etwas volkstümlicher in Deutsch: Warum hat sich der denn so herausgeputzt?
Modefachleute erklären Nadelstreifenanzüge so: Tragen Sie Nadelstreifen, wenn Sie sich aus der Masse abheben möchten. Dieses Kleidungsstück ist ein Symbol für Eleganz, Autorität und Anspruch. Von seinen bescheidenen Ursprüngen im England des 19. Jahrhunderts bis zu seiner anhaltenden Beliebtheit im 21. Jahrhundert ist er ein zeitloser Klassiker geblieben.

Al Capone steigt in ein Auto ein.
Al Capone trug gerne Nadelstreifen
Mein gesunder Menschenverstand kann diese Mode-Werbung akzeptieren. Allerdings kommt es darauf an, wer ihn trägt, den Nadelstreifen. König Charles III. tut es. Der Anzug ist Charles, er wirkt nicht wie eine Verkleidung. Nadelstreifen machen keinen anderen Menschen aus dir. Britische Bankiers lieben ihn, aber auch Al Capone. Es gibt keinen Gangsterfilm ohne die Männer mit den ausgebeulten Anzügen im Nadelstreifen.
Als die Gangster mächtiger und einflussreicher wurden, begannen sie sich so zu kleiden, dass ihr Status zum Ausdruck kam. Die Anzüge, die sie trugen, waren oft aus teuren Stoffen wie Wolle und Seide gefertigt. Die vielleicht kultigste Hollywood-Darstellung des Gangsteranzuges sieht man in „Der Pate“ (1972), in dem Marlon Brando den mächtigen Mafiaboss Vito Corleone spielte. Brandos Anzüge im Film wurden von dem Edelschneider Nino Corvato maßgefertigt und sollten Corleones Status als reiche und mächtige Persönlichkeit widerspiegeln. Die Anzüge hatten breite Revers und gepolsterte Schultern.
Wie Sie wissen, sieht man diese Corleone-Nadelstreifen heute im Alltag eher selten. Die neue Lässigkeit kommt hanseatisch daher: Der Sparkassen-Chef trägt ein anthrazitfarbenes Sakko mit Einstecktuch über dem weißen Oberhemd. Manchmal – bei Veranstaltungen – trägt er auch Krawatte. Was er nicht trägt, auch in Hamburg nicht – Nadelstreifen.
Leider kann ich es nicht anders sagen: Kanzler Scholz, eine Niete in Nadelstreifen.
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