Plagiat-Skandal bei der Süddeutschen-Zeitung: Der „Kommissionsbericht“ verharmlost das Problem der Copy-Paste-Generation
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Ein Kommentar von Stefan Weber, Privatdozent an der Universität Wien und selbstständiger Plagiatsgutachter:
Wenn zwei Wissenschaftler-Teams dieselbe Grundgesamtheit mit derselben Methode untersuchen, müssen dieselben Ergebnisse herauskommen. Das ist ein Grundprinzip der modernen Sozialwissenschaften, man nennt es die Reliabilität. Für die absoluten Experten: Inter-Coder-Reliabilität.
Nun hat das Team Weber in mehrwöchiger ehrenamtlicher Arbeit 1.091 Artikel von Alexandra Föderl-Schmid aus ihrer Zeit bei der Süddeutschen Zeitung (SZ) mit der Plagiatssoftware Turnitin analysiert. Auch die von der SZ eingerichtete Kommission gibt in ihrem heute erschienenen, 15-seitigen Endbericht an, „insgesamt 1.100 Veröffentlichungen“ (Bericht, Seite 3) Föderl-Schmids mit der Software Turnitin bearbeitet zu haben (Bericht, Seite 2).
Zwei Analysen, zwei Ergebnisse
Aber in den Ergebnissen unterscheiden sich die SZ-Kommission und das Team Weber grundlegend (unsere Zahlen stützen sich auf unsere noch unpublizierte, circa 70-seitige Analyse):

Das heißt: Das Team Weber fand mehr als doppelt so viele problematische Artikel wie die SZ-Kommission. Teilplagiierte Vor-Ort-Reportagen fand die Kommission nur eine einzige, während das Team Weber sechs darstellte.
Bereits im Zwischenbericht vom 18. April 2024 (29 Seiten) hatten wir drei plagiierte Vor-Ort-Reportagen Föderl-Schmids als Synopsen dargestellt. Drei sind seitdem hinzugekommen.
Überhaupt fällt auf, dass die Kommission in ihrem Endbericht auf die weit verbreitete Form der Darstellung von Plagiaten (oder Textübernahmen) in tabellarischer Form verzichtet. Vielleicht hat sie dies getan, damit es nicht so schlimm aussieht?

Stefan Weber, Publizist und Plagiatsjäger
Falsche Einordnungen und methodische Fehler der SZ-Kommission
Was aber definitiv nicht geht und die Kommission ein Stück weit entlarvt, ist eine falsche Einordnung: Auf Seite 10 des Berichts findet sich ein erwähnter Kommentar (!) von Alexandra Föderl-Schmid, in dem sie mehrere Absätze aus einem Kommentar des Spiegels plagiiert hat, der wenige Stunden zuvor erschienen ist. Der Kommentar findet sich im Bericht unter der Überschrift „Übernahme von Fakten“. Ich denke, dass dies die Autoren dabei entlarvt, die Sache kleinhalten zu wollen.
Der Leser des Endberichts erkennt also überhaupt nicht, dass auch Kommentare von Föderl-Schmid teilplagiiert wurden, eben weil diese Kategorie gar nicht erst eingeführt wurde.
Bei den Vor-Ort-Plagiaten macht man es sich ähnlich einfach: Wenn nur ein einziges statt in Wahrheit sechs diskutiert werden, sieht es so aus, als wäre das ein singulärer Ausreißer gewesen. Das entspricht nicht den von uns erhobenen empirischen Fakten.
Ein weiterer Punkt bleibt völlig unerwähnt, ein schwerer methodischer Fehler: Mit Turnitin können wir immer nur Plagiate beweisen, aber nie Nicht-Plagiate. Der Bericht erwähnt mit keinem Wort, dass eine Turnitin-Analyse selbst selektiv ist, also nur einen Ausschnitt zeigt: Wir sehen nicht, ob Alexandra Föderl-Schmid von Büchern, fremdsprachigen Quellen oder Medien hinter Paywalls abgekupfert hat. Der wahre Plagiatsanteil könnte noch höher sein, oder auch nicht.
Eine der beiden Studien muss faul sein
Wenn nun das Team Weber und die SZ-Kommission zu so unterschiedlichen Schlüssen gelangen, muss eine der beiden Studien faul sein.
Ich kann auf Basis solider Empirie und jahrelanger Erfahrung beweisen, dass der SZ-Bericht faul ist. Hinweise darauf finden sich auch in dieser kritischen Stellungnahme hier. Entlarvend ist die falsche Einreihung eines Kommentars. Sätze im Bericht wie „Puristen mögen das so sehen, Pragmatiker wären deutlich entspannter“ zeigen, wessen Geistes Kind hier am Werken war: das der Kommunikationswissenschaft, die seit Jahren blind vor dem Plagiatsproblem ist und einer Vertrottelung ihrer Studierendengeneration eben nicht tatenlos, sondern mit falschen Taten zusieht.
Wenn wir daran rütteln wollen, dass wir reliabel arbeiten müssen, können wir den Wissenschaftsladen überhaupt zusperren. So nämlich soll Wissenschaft für ein gemeinsames Faktensubstrat sorgen, das der Spaltung der Gesellschaft entgegenwirken soll. Offenbar leistet das die offizielle, staatliche Wissenschaft zunehmend weniger. Eine Ursache für zunehmende gesellschaftliche Kämpfe könnte im Systemversagen der Wissenschaft selbst liegen.
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