Sag mir, wo die Fahnen sind, wo sind sie geblieben?
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Das Sommermärchen 2006 begann mit hunderttausenden Menschen beim Public Viewing, Fahnen an Autos, Balkonen, in Schrebergärten, Schwarz-Rot-Gold auf zahllosen Gesichtern. Man kann sagen: Ganz Deutschland war ein Fahnenmeer. Und man kann sagen: Deutschland war ein glückliches Land mit vielen lachenden Menschen.
Und heute – wo sind sie nur geblieben, die Fahnen der Herzen und die fröhlichen Gesichter? Wo ist die Leichtigkeit hin und wo die Unbeschwertheit, die Deutschland und die Deutschen so ausgezeichnet haben?

Das Sommermärchen 2006.
Es scheint, als würden viele Fans die Europameisterschaft mit angezogener Handbremse erleben und feiern. Als hätten viele sogar Angst, ihre wahren Gefühle zu zeigen. Es scheint, als hätte das Trommelfeuer links-grüner Berieselung Wirkung erzielt. Motto: Wenn du zu sehr „deutsche Gefühle“ zeigst, könnten andere dich als „Nazi“ beschimpfen. Und, ganz praktisch: Wenn du dein Auto mit deutschen Fahnen schmückst, könnten nicht nur die Fahnen weg sein, wenn du wieder kommst. Vielleicht sieht dein Auto dann auch nicht mehr so aus wie vorher. Kein Fan aus einem anderen Land bremst sich sonst freiwillig. Engländer, Italiener, Holländer, Franzosen, Polen – und alle anderen wunderbaren Fangruppen zeigen uns, was sie draufhaben. Vielleicht manchmal auch zu laut, zu betrunken – und auch mal zu aggressiv. Nationalstolz hat eben viele Gesichter.
Es fehlt an Wissen um die wahre Bedeutung von Schwarz-Rot-Gold
Deutschland, sein Nationalstolz und seine Fahne – schon immer ein schwieriges Verhältnis. „Es gibt kaum ein anderes Land, in der die Beziehung der Bürger zur eigenen Fahne so kompliziert ist wie in Deutschland“, sagt Prof. Dr. Harald Biermann, Historiker und Kommunikationsdirektor des Hauses der Geschichte in Bonn. Aber Schwarz-Rot-Gold habe nichts mit dem Nationalsozialismus oder einer Diktatur zu tun, so Biermann. „Ganz im Gegenteil. Schwarz-Rot-Gold ist im Nationalsozialismus nicht benutzt worden, sondern die Hakenkreuzfahne ist zum Nationalsymbol geworden.“ Zu einem schrecklichen, möchte ich hinzufügen.
Die Nationalfarben Schwarz-Rot-Gold tauchten zum ersten Mal in den Befreiungskriegen gegen Napoleon 1813 bis 1815 auf, sie wurden vom sogenannten Lützowschen Freicorps, einem Freiwilligenverband der preußischen Armee, als Uniformfarbe verwendet. 1848 wurde die Fahne aus diesen drei Farben von der Frankfurter Nationalversammlung zur offiziellen Fahne des Deutschen Bundes bestimmt – und später eben zu den Farben der Bundesrepublik Deutschland. Laut dem Historiker Harald Biermann ist eine der Ursachen für den unsicheren Umgang mit der Deutschlandfahne, das mangelnde Wissen um die Bedeutung und Geschichte von Schwarz-Rot-Gold.

Die Nationalfarben Schwarz-Rot-Gold tauchten zum ersten Mal in den Befreiungskriegen gegen Napoleon 1813 bis 1815 auf
Als Wissenschaftler hat Professor Biermann bestimmt recht. Mein gesunder Menschenverstand sagt mir aber auch etwas anderes: Wer das „Sommermärchen 2006“ (ich weiß, das war eine Weltmeisterschaft!) mit der Europameisterschaft in diesem Jahr vergleicht – es wirkt manchmal wie Feiern light. Motto: Bloß nicht zu laut sein, bloß nicht zu viel Freude zeigen, bloß nicht erkennbar stolz sein auf die deutsche Mannschaft. Und, vielleicht das Schlimmste: bloß keine Fahnen zeigen.
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