Schluss mit der Sprachpolizei: Gebt mir meinen lieben Winnetou wieder!
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Er war der Indianer mit den freundlichen Augen und dem entschlossenen Blick. Er war edel und gerecht – Winnetou, der Häuptling der Mescalero-Apachen. Eigentlich gab es ihn gar nicht, er war eine Erfindung seines Schöpfers Karl May. Aber ich glaubte fest an ihn.
Als ich acht war, schenkten meine Eltern mir zu Weihnachten den Federschmuck von ihm (stand jedenfalls drauf), der mir bis zu den Hüften ging, was bei einem Achtjährigen nicht viel heißt. Mir aber kam die Kopfbedeckung riesig vor.
Winnetou musste immer gewinnen, er war der gute Indianer, es gab natürlich auch böse. Das waren die, die in den Cowboyfilmen laute Rufe („hugh, hugh“) ausstießen und sich mit der flachen Hand auf den Mund schlugen, um danach harmlose Siedler anzugreifen und deren Skalp zu nehmen. Das war historisch gesehen äußerst fragwürdig, meine Heldenverehrung für den erfundenen Winnetou auch, aber das war mir damals völlig egal. Wir lasen Karl May mit lauter falschen Indianern, von einem Sachsen geschrieben, der nie auch nur in ihrer Nähe gewesen war. Zu Faschingsfesten trug ich tapfer und stolz meinen Winnetou-Kopfschmuck. Aber weil ich als Indianer in der Minderheit war, machten mich die vielen Cowboys regelmäßig nieder.

Legenden: Winnetou (Pierre Brice) ist froh, dass Apanatschi (Uschi Glas) beschützt werden konnte.
Versteck dich, du Indigener!
Warum ich das erzähle – es ist bald Weihnachten. Die Zeit, Gutes zu tun. Und die Zeit, in der sich Gutmenschen verstärkt zu Wort melden. Es soll das Wort „Indianer“ nicht mehr benutzt werden. Das Portal Wikipedia erklärt, dass die aus der „Kolonialzeit stammende Fremdbezeichnung durch Begriffe wie Indigenas oder Native Americans“ ersetzt werden sollten. Ich sehe kleine Jungen und Mädchen in unseren Kitas spielen und höre sie rufen: „Versteck dich, du Indigener!“ Und die Squaws – so nannte man früher Indianerfrauen – verstecken sich gleich mit. Und die kleinen Cow-Menschen (es könnten ja nicht nur Boys sein), jagen ihnen hinterher.
Wenn es nicht so ernst wäre, müsste man darüber eigentlich lachen. Millionen von Kindern waren und sind Cowboys und Indianer. Niemand von ihnen – behaupte ich jetzt mal – wollte und will Indianer beleidigen und ihnen das Recht auf ihre eigene Geschichte nehmen. Winnetou und Co. sind wunderbare Märchenerzählungen, so wahr wie Hänsel und Gretel und das Hexenhaus im Wald. Michael Petzel vom Karl May-Archiv in Göttingen: „Karl May ist nach wie vor der meistgelesene deutsche Jugendbuch-Autor.“
Das änderte sich auch nicht, als der Karl-May-Verlag Ravensburger die angeblich rassistisch und klischeehaften Kinderbücher zu dem Film „Der junge Winnetou“ im vergangenen Jahr vom Markt genommen hat. Das Ende der „Indianer“ ist nur ein Beispiel vom Wirken der neuen strengen Sprachpolizei.

Kulturgut: Die Karl-May-Festspiele in Elspe
Astronauten, Feuerwehr, Indianer: Lasst die Kinder in Ruhe
Der Autor und Journalist Matthias Heine hat dies in seinem Buch „Kaputte Wörter? Vom Umgang mit heikler Sprache“ (Duden-Verlag) untersucht. Zum Beispiel wird der Begriff „Schwarzfahren“ nicht mehr verwendet, weil schwarz für etwas Negatives steht. Stattdessen heißt es nun „Fahren ohne Fahrschein“. Die Berliner Polizei hat neue Anweisungen für Personenbeschreibungen. Die Worte „Farbige“ oder „Dunkelhäutige“ ist wegen ihrer „kolonialistischen und diskriminierenden Bedeutung“ verboten. Stattdessen muss es jetzt heißen: „Personen mit hellerer oder dunklerer Hautfarbe“. Die Dienstanweisung ist übrigens 29 Seiten lang. Ist es ein zu weiter Weg von den Indianern zur Dienstanweisung für die Berliner Polizei? Ich finde nicht. Es sind Beispiele, in denen der Irrsinn Methode hat. Eine kleine Gruppe schreibt vor, was wer wann sagen darf.
Hört auf, unsere Kinder zu belehren und nehmt ihnen nicht den Spaß an harmlosen Spielen. Sie wollen Astronauten sein, Feuerwehrleute – oder eben Indianer.
Lesen Sie hier Louis Hagens Kolumne für den gesunden Menschenverstand: Ich will zu Weihnachten kein Tofu. Danke!
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