Selbst auf den Fußball ist kein Verlass mehr: Das Deutschland-Gefühl zerlegt sich in seine Einzelteile
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Es dominieren gleich zwei Fußball-Themen das Wochenende, die eigentlich gar nichts mit Fußball zu tun haben, dafür aber viel über den Zustand dieses Landes sagen. Selbst wenn Sie sich nicht für Fußball interessieren (was ich nicht nachvollziehen kann), sollten Sie wissen, was da los ist.
Fall 1: Seit mehr als 50 Jahren treffen sich Bundestagsabgeordnete in den Sitzungswochen des Parlaments nicht nur zum Debattieren, sondern auch zum Fußball spielen. Beim „FC Bundestag“ (heißt wirklich so) haben schon Gerhard Schröder und Wolfgang Schäuble mitgekickt. In der Selbstbeschreibung des Vereins heißt es: „Der FC Bundestag als Zusammenschluss von Abgeordneten des Deutschen Bundestages vertritt überparteilich und interfraktionell die Werte der freiheitlich-demokratischen Grundordnung und des parlamentarischen Systems der Bundesrepublik Deutschland.“
Das mit dem „überparteilich“ hat seit gestern allerdings eine Grenze: nämlich das AfD-Parteibuch. Auf der Mitgliederversammlung wurde entschieden, dass ab sofort keine Mitglieder der AfD mehr aufgenommen werden. Bei den aktuellen AfD-Mitgliedern wird ein Rauswurf geprüft.
Der Kader des FC Bundestags hat einen, sagen wir mal vorsichtig, rot-grünen Überhang. Kapitän ist der SPD-Abgeordnete Mahmut Özdemir, Vize-Kapitän der Grüne Bruno Hönel. Er sagt: „Wir akzeptieren keine Diskriminierung, unsere Werte sind Weltoffenheit, Toleranz & das Bekenntnis zur Demokratie. Die Rechtsextremen wollen das Gegenteil.“ Mit Rechtsextremen meint er pauschal alle AfD-Mitglieder. Ich frage mich: Seit wann ist Sippenhaft in Deutschland wieder im Vormarsch? Sind das nicht totalitäre Methoden? Sollte Sport nicht verbinden und über Grenzen hinweg das Gemeinsame voranstellen? Sind die AfD-Mitglieder, die aktuell im Kader sind, über Nacht untragbar geworden? Werden ihre Tore und Grätschen nachträglich wegen grober Rechtslastigkeit aberkannt?

Will ohne Rechtsaußen spielen: Der FC Bundestag
Ich spiele seit 26 Jahren Fußball im Verein. Fachlich limitiert, immer motiviert. Fußballkabinen sind die letzten großen Gleichmacher der Gesellschaft: Da sitzen Akademiker neben Schulabbrechern und AfD-Wähler neben strammen Genossen. Ich habe mich mit Mannschaftskollegen über politische Themen gefetzt, bis andere genervt aus der Kabine getürmt sind. Nie wäre einer von uns auf den Gedanken gekommen, den anderen aus dem Kader zu verbannen. Wer nicht mal mehr beim Sport andere Meinungen aushält, ist komplett verloren in seinem totalitären Wahn im Kampf um die richtige Seite. Wenn die Ausschließeritis von einem Teil der Gesellschaft, der für Debatte und Streit steht, so plump vorgelebt wird, ist das nichts anderes als der Aufruf zu einer brutal-sichtbaren Spaltung der sowieso schon fragmentierten Gesellschaft.
Das Ende einer Ära: Adidas fliegt beim DFB raus
Fall 2: Die deutsche Nationalmannschaft läuft ab 2027 nicht mehr mit drei Streifen, sondern einem Swoosh auf. Tschüss Adidas, Hallo Nike. Keine andere Nachricht hat mich in diesen Tagen mehr bewegt, obwohl niemand körperlich zu Schaden gekommen ist. Warum? Weil Adidas Deutschland ist. Der geniale Adi Dassler hat uns 1954 mit seinen Schraubstollen zum Titel getüftelt.
Jetzt könnte man sagen: Gut, wenn Nike eben mehr bietet als Adidas, greifen die Gesetze des Marktes eben auch dort. Meine Beobachtung ist: Beim DFB beginnt ein großer Deutschland-Ausverkauf. Mobilitäts-Partner bei der Heim-EM im Sommer ist nicht Daimler (45 Jahre DFB-Partner) oder VW (aktueller DFB-Partner), sondern der chinesische Autobauer BYD („Build Your Dreams“). Bei der letzten EM war VW hier noch am Start. Jetzt rollen die E-Chinesen durchs Land, um eine „grünere und nachhaltigere Endrunde zu fördern“. Selbst bei der UEFA soll man „schockiert“ gewesen sein, dass es bei einer Heim-EM im Kernland der westlichen Autowelt kein deutscher Konzern in die erste Reihe geschafft hat.

Fußball-Gott mit drei Streifen an den Füßen: Turek, du bist ein Teufelskerl! Toni Turek im Tor der Nationalmannschaft beim Wunder von Bern
Und ganz frisch verkündet: Offizieller Entertainment-Partner der Herren-Nationalmannschaft wird TikTok. Wenn Sie TikTok nicht kennen: Das ist eine riesige Videoplattform mit gigantischer Reichweite (eine Milliarde Nutzer weltweit) und gleichzeitig das wohl größte Daten-Sammel-Projekt der Welt. Mit Sitz in der Volksrepublik China. Mitarbeiter der Bundesregierung haben ein TikTok-Verbot auf ihren Handys. Die Angst vor staatlicher Spionage aus Peking ist zu groß. Aber der DFB will „Fans zusätzliche exklusive Einblicke ermöglichen“. Mit besten Grüßen vom Daten-Drachen aus Peking.
Das birgt schon eine gewisse Ironie in sich. Bei der WM in Katar wollte man der Welt zeigen, wie wichtig die Regenbogen-Binde als Zeichen für Vielfalt und Toleranz ist (und ist damit krachend gescheitert). Jetzt holt man sich die Chinesen in die Kabine, die die Minderheit der Uiguren in Konzentrations-Lager (ja!) steckt und die Suchworte „schwul“ und „lesbisch“ in ihrer App unterdrücken, wenn die Suche auf Russisch oder in arabischer Sprache erfolgt. „Lokalisierte Moderation“ nennt TikTok diese Form der Zensur. Alles egal, solange die Kohle stimmt: Bitte lächeln für exklusive Einblicke, lieber DFB!
Schade eigentlich. Die Nationalmannschaft wird mir gerade wieder sympathisch, mit kantigen Typen im Kader und dem Comeback-Giganten Toni Kroos. Schade, dass der Verband dieses Gefühl sofort wieder zertrümmert.
Der DFB schafft den FC Deutschland in seinem Verbandsbild ab und der FC Bundestag will nur noch mit Linksaußen auflaufen. Großer Sport geht anders.
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