Stromausfall in Berlin: Familie ist stärker als der Staat
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45.000 Haushalte waren vom Brandanschlag im Berliner Südwesten betroffen – das sind laut dem Regierenden Bürgermeister Kai Wegner (CDU) um die 100.000 Menschen. Alle waren durch den linken Terror buchstäblich in der Nacht aus der Zivilisation geschleudert worden. Tragödien spielten sich ab: frierende Bewohner von Alten- und Pflegeheimen, ganze Stadtviertel im Dunkeln, kaum Informationen, oft funktionierten die Handys nicht, Angst, wie es weitergehen würde.
In dieser Stunde der Not zeigte sich ein Phänomen, von dem die ganz Alten ihren Kindern und Enkeln berichtet haben: Wenn Menschen bedroht werden, stehen sie zusammen. Das war im Krieg so, so war es in den Hungerwintern 1946 auf 1947. Und so ist es jetzt wieder. Viele betroffene Familien berichten, dass es in der Frühe klingelte, der Nachbar war da. „Wie kann ich helfen?“, wurden besonders betagte Menschen gefragt. „Ich gehe einkaufen, kann ich was mitbringen?“
Lagerfeuer-Feeling, obwohl es kein Feuer gab
Es war die Zeit der neuen, guten Nachbarschaft. Es war Lagerfeuer-Feeling, obwohl es kein Feuer gab. Motto: Wenn es kalt ist bei dir, kommst du zu mir. Und oft waren es Menschen, die einander gar nicht richtig kannten. Der Satz „ich wohne da vorne, da ist kein Strom“, war der Schlüssel zum Eintritt in die warme Wohnung. Aus Fremden wurden keine Freunde, aber Mitgefühl und Herzenswärme schmiedeten die Menschen zusammen.

Berlins Bürgermeister, Kai Wegner (CDU), steht in der Kritik, zu spät auf die Krise reagiert zu haben.
Mann zu seiner Ex-Frau: „Komm zu uns, hier ist es warm“
Das vielleicht größte Phänomen in diesen dunklen Stunden aber war und ist das neue Familiengefühl, man kann und darf es so nennen. Ein Freund von mir lebt seit 2002 getrennt von seiner Frau. Beide in Berlin-Zehlendorf, beide keine drei Kilometer voneinander entfernt. Der Grund waren die Kinder. Sie konnten zu Mutter oder Vater, wie sie es wünschten.
Nun wollte der Zufall, dass die Wohnung des Mannes Strom und Heizung hatte, die der Frau war kalt und dunkel. Der Dialog war kurz und verständnisvoll: „Ich habe keinen Strom.“ – „Ich habe Strom. Komm doch zu uns, hier ist es warm.“ So überwand ein Ehepaar, was es einst getrennt hat. Und sie lebten wieder zusammen wie einst – einander vertrauend, als hätte es die letzten 20 Jahre nicht gegeben.
Ein Kollege von mir erlebt Ähnliches mit seinen Eltern. Sie wohnen alle ebenfalls in Berlin-Zehlendorf. Die Eltern haben keinen Strom, mein Kollege hat welchen. Obwohl er seit Jahren nicht mehr zu Hause wohnt, ziehen jetzt seine Eltern zu ihrem Sohn. Stromausfall und Kälte schmieden zusammen – Eltern mit ihren Kindern, getrennte Paare kommen wieder zusammen. Alles auf Zeit.
Wie anders litten die, die keine Familie haben. NIUS-Reporter Jan Karon sprach mit Anwohnern im Berliner Stadtteil Wannsee. Ein Ehepaar sagte: „Wie im Krieg. Schlimmer noch – da hatten wir wenigstens warmes Wasser. Hier und heute kümmert sich keiner um uns. Erst um 22 Uhr kam eine Polizeistreife bei uns vorbei.“ Solche Stimmen gab es viele im kalten Berliner Südwesten. Menschen fühlten sich alleingelassen, und waren es auch. So kam es zum Guten innerhalb des Schlechten.
Es war die Stunde der Familien. Denn Familien sind stärker als der Staat.
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