Totgeglaubte leben länger: Flieg, Maikäfer, flieg!
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Viel ist in Deutschland über Tiere gesprochen worden in den letzten Tagen. Der Wolf, der in der Hamburger Innenstadt einer Frau in die Nase gebissen hat – und kurz darauf heimlich wieder in Hamburg freigelassen wurde. Timmi, der Problem-Wal, der nicht sterben darf. Früher sprach man bei Tieren vom „Verenden“, heute kümmert sich der Bundespräsident persönlich um das Weiterleben des Säugetieres. Der Wal wurde zur Chefsache gemacht, vom Staatsoberhaupt persönlich.
Jetzt beschäftigt ein weiteres Tier das deutsche Gemüt – der Maikäfer. Im Hessischen Ried wird in diesem Jahr ein Massenanflug von Maikäfern erwartet. Experten rechnen mit rund einer halben Milliarde Tieren, die womöglich schon ab kommender Woche im Landkreis Groß-Gerau und Darmstadt unterwegs sein werden – und an hunderte Autoscheiben klatschen. Bei der Menge kann den possierlichen Brummern niemand mehr ausweichen.
Der Massenanflug von Maikäfern findet in der Regel alle vier Jahre statt – so lange dauert es, bis sich Engerlinge im Dunkeln im Erdboden zu einem ausgewachsenen und flugfähigen Käfer entwickeln.

Ein Paradies für Maikäfer
Maikäfer sind eine Art Wappentier für tierliebende Deutsche geworden. Das war nicht immer so. Jahrzehntelang wurden sie als Schädlinge vernichtet. In meiner Schulzeit haben wir sie in leeren Schuhkartons gesammelt – um sie später wieder in einem Waldstück neben der Schule freizulassen. Wir fanden das Brummen aufregend.
Als musikalischer Begleiter des deutschen Maikäfers ist Reinhard Mey bekannt geworden. Wie schon der Titel beweist, hat er inhaltlich völligen Blödsinn gesungen (allerdings in musikalisch beeindruckender Begleitung): „Es gibt keine Maikäfer mehr.“ Wie so oft bei linken Barden ist es auch bei diesem Reinhard-Mey-Song – es klingt gut, aber es stimmt kein Wort. Zum Beispiel: „Würd’ ich noch einmal losziehen, blieb mein Schuhkarton wohl leer. Selbst ein guter Käferjäger, brächte keinen Schornsteinfeger, keinen Müller, erst recht keinen Kaiser her. Es gibt keine Maikäfer mehr …“

Ein weiblicher Waldmaikäfer (Melolontha hippocastani) auf einem mit Flechten bewachsenen Zweig
Der Maikäfer hat überlebt
Das berühmteste Lied über einen Maikäfer ist vielen Deutschen immer noch präsent – obwohl es fast vierhundert Jahre alt ist. Es ist ein ernstes, ein sehnsuchtsvolles Kinderlied mit dunklem Text. In ihm spiegelt sich wie wohl in kaum einem anderen deutschen Lied ein wichtiges Stück deutscher Geschichte wider. Das Lied stammt eben nicht – was viele glauben – aus der Nazi-Zeit. Die wichtigsten Zeilen lauten:
Maikäfer, flieg.
Der Vater ist im Krieg.
Die Mutter ist in Pommerland,
Pommerland ist abgebrannt.
Maikäfer, flieg.
In diesen wenigen Versen ist alles drin, was deutsche Geschichte bewegt hat: Mutter, Vater, Kinder, Pommerland, Krieg.
Es stammt aus dem Dreißigjährigen Krieg. Es drückt so viel Sehnsucht aus. Und so viel Liebe. Und es geht tatsächlich um Maikäfer. Sie haben überlebt. Freuen wir uns auf sie.
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