Unpünktliche Züge, überall Müll, feiern bis der Arzt kommt – und die merkwürdige Prophezeiung eines Bekannten aus Athen
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In der Münchener Abendsonne blinzelte er mich an. „Du kommst spät“, sagte er. „Du bist doch kein Grieche.“ Ich murmelte etwas von verspäteter Bahn, von Schienenersatzverkehr, von Baustellen, von Staus. Kurzum: Ich entschuldigte mich, dass ich – der verkappte Preuße – zu spät gekommen war. Und er, der ehemalige Seemann aus Athen und jetzige Kneipenwirt in München, pünktlich wie ein Preuße zu unserem Treffpunkt gekommen war. Lachend ließ er mich ausreden.
Dann, als ich die Bahnstory beendet hatte, legte er seine Hand um meine Schulter und sagte: „Weißt du, mein Freund: Ihr werdet bald alle Griechen sein.“ Die um uns herum standen, lachten. Mein Bekannter hatte einen Volltreffer gelandet. Aber hatte er recht?

Spuren einer Hochkultur in Athen: Verwandelt sich Deutschland bald in Griechenland?
Deutschland dümpelt dahin
Ich habe über diese Bemerkung lange nachgedacht, tue es eigentlich immer noch. Es ist doch nicht lange her, die Griechenland-Rettung durch die Rettungsschirme EFSF und ESM! Es war 2010, Griechenland war das erste hoch verschuldete Land, für das Europa insgesamt 278 Milliarden Euro aufbrachte. Deutschland hatte direkte Kredite in Höhe von 15,2 Milliarden Euro beigesteuert. Es wird Jahrzehnte dauern, bis Griechenland die Schulden zurückgezahlt haben wird – wenn überhaupt jemals.
Allerdings: Griechenlands Wirtschaft geht es verblüffenderweise heute besser als der deutschen. Während wir mit unter einem Prozent Wachstum dahin dümpeln, wächst die Wirtschaft in Griechenland überdurchschnittlich stark und sollte bei plus 2,0 im Gesamtjahr liegen. Eine Untersuchung des Instituts Trading Economics geht noch weiter und schreibt: „Griechenland ist ein reiches Land, zumindest nach einigen weit verbreiteten Maßen der Quantität und Lebensqualität und das Potenzial des Landes, wieder aufzustehen. Griechenlands Bruttoinlandsprodukt pro Kopf liegt laut bei 22.736,46 US-Dollar – 180 Prozent des Weltdurchschnitts.“

Ein Öl-Tanker ankert nahe Thessaloniki. Griechenlands Wirtschaft geht es heute besser als der deutschen.
Diese Zahlen konnte ich an dem Abend in München nicht vortragen. Ich kannte sie da noch nicht. Sie hätten auf beschämende Weise unterstützt, was mein guter Bekannter aus Athen gesagt hatte. Allerdings hätte er auch sagen können: Wir Griechen sind so, wie ihr mal wart. Dabei ging es gar nicht um Wirtschaft, wie er mir im Laufe des Abends erzählte. Er meinte, die Deutschen (oder die, die er kennengelernt hatte) hätten sich ein Leben angewöhnt, wie er es nur aus Griechenland kenne: Arbeit ist nicht alles; ein bisschen Müll hat überall Platz. Wenn du heute nicht feierst – wann denn dann? Er erzählte, dass dieses Laissez-Faire-Gefühl relativ neu sei in Deutschland. Es gebe jetzt viele Leute, die gerne feiern und weniger Leute, die gerne arbeiten. Und das mache Deutschland durchaus sympathisch, findet er.
Heute, ein paar Tage später, weiß ich, was mein Bekannter meinte, mit seiner Bemerkung. Er meinte, wenn es weiter so geht, wird Deutschland bald selbst Hilfe brauchen. Vielleicht sogar von Griechenland. Mein gesunder Menschenverstand fragt sich: Wollen wir unter diesen Umständen wirklich alle Griechen sein?
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