Von der Irren zur Heiligen: Die öffentliche Trauer um Sinéad O'Connor ist verlogen
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Über Jahre hinweg wurden Sinéad O'Connors psychischen Probleme von der Presse skandalisiert und in den sozialen Medien boshaft kommentiert. Erst nach dem Tod der irischen Sängerin sind plötzlich alle voller Lob und Bewunderung für die „unangepasste, mutige“ Künstlerin. Ganz schön scheinheilig, findet NIUS-Kommentator Ahmet Iscitürk.
Der Tod von Sinéad O'Connor im Alter von nur 56 Jahren markiert das Ende eines Lebens, das von persönlichen Kämpfen und Schicksalsschlägen geprägt war. Angesichts der Schlagzeilen der vergangenen Jahre könnte man fast übersehen, dass Sinéad O'Connor vor allem eine wirklich herausragende Musikerin war. Über O'Connor wurde seit Jahren fast nur noch im Kontext ihrer psychischen Probleme und damit zusammenhängenden Tragödien berichtet. Entsprechende Meldungen riefen bei den Nutzern sozialer Netzwerke Spott und Häme hervor.
Dabei war Sinéad O'Connor einst ein gefeierter Popstar, ein absolutes Ausnahmetalent mit einzigartiger Stimme, der mit dem Prince-Song „Nothing compares 2 U“ weltweit die Charts eroberte. Sie nutzte ihre Berühmtheit, um unbequeme Wahrheiten auszusprechen und ihre Stimme gegen das Establishment zu erheben.
Von ihrer Plattenfirma wurde sie dafür gerügt und aufgefordert, in der Öffentlichkeit braver und mädchenhafter aufzutreten. Doch Sinéad wollte nicht gefallen. Am 3. Oktober 1992, als junge Frau Anfang 20, zerriss sie in der Comedy-Show „Saturday Night Live“ vor laufender Kamera ein Bild des Papstes, um gegen sexuellen Missbrauch in der Kirche zu protestieren. Von Alt-Stars wie Joe Pesci oder Frank Sinatra wurde sie dafür kritisiert, selbst die skandalträchtigen Pop-Ikone Madonna äußerte Missfallen. Rebellin Sinéad beeindruckten die großen Namen nicht.

Die Abwärtsspirale
O'Connor sah sich bereits damals mit dem größten Shitstorm des Jahres konfrontiert, obwohl es den Begriff noch gar nicht gab. Und während die meisten Prominenten nach einem solchen Skandal von einer Talkshow zur nächsten hetzen würden, um Reue zu zeigen und um Vergebung zu bitten, blieb Sinead O'Connor standhaft.
Sie ließ sich nicht von der aufbrandenden Empörungswelle einschüchtern – zumindest schien es so. Der Skandal stigmatisierte O'Connor jedoch als eine unbequeme Außenseiterin, die zu irrationalen Aktionen neigt. Dieses Image erwies sich für ihre musikalische Laufbahn und zerbrechliche Psyche als nicht gerade als förderlich.
Anstatt für ihre künstlerischen Leistungen im Rampenlicht zu stehen, fand sich Sinéad O'Connor im Laufe der Jahre immer wieder im Zentrum medienwirksamer Dramen gefangen. Im Jahr 1996 ließ sie sich zur Priesterin der orthodox-katholischen und apostolischen Kirche von Irland weihen. 2003 verkündete sie erstmals ihren Abschied von der Musikszene – nur um zwei Jahre später ihre Entscheidung zu revidieren.
Auch ihr weiterer Lebensweg zeichnete sich durch abrupte Kurswechsel und unvorhersehbare Entscheidungen aus. Inzwischen war allgemein bekannt, dass Sinead O'Connor mit erheblichen psychischen Problemen zu kämpfen hatte. Nach einer nur 16 Tage dauernden Ehe im Jahr 2011 folgte die Scheidung.

Sinéad O'Connors tragischen Achterbahn-Aktionen
- Eine geplante Tournee musste aufgrund psychischer Probleme abgesagt werden.
- Im Jahr 2015 wurde sie nach einem Selbstmordversuch von Rettungskräften bewusstlos in einem Hotelzimmer gefunden.
- Im Oktober 2018 konvertierte sie zum Islam, wobei sie den Namen Shuhada’ Davitt annahm, was so viel wie „Märtyrer“ bedeutet.
- 2021 zog sie sich erneut aus dem Musikgeschäft zurück.
- 2022 nahm sich ihr Sohn Shane mit nur 17 Jahren das Leben.
Alle haben sich an Sinead O'Connors Problemen ergötzt, ihre psychische Erkrankung zu einer öffentlichen Schau gemacht und ihre kontroversen Handlungen aus dem Kontext gerissen, um sie als gestörten Sonderling vorzuführen. Sie haben ihre Musik und ihr Talent in den Hintergrund gedrängt und stattdessen den Fokus auf ihre persönlichen Niederlagen und Skandale gelegt.
Die gleichen Zeitungen, Onlineportale und Kommentatoren, die ihre Kämpfe und Kontroversen genüsslich ausschlachteten, scheinen nun plötzlich in tiefer Trauer versunken zu sein.
Wo war dieses Mitgefühl, als sie noch lebte?
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