Von Malthus bis Joko: Das Märchen vom drohenden Weltuntergang wird gern erzählt – und ist doch nicht wahr
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Joko Winterscheidt ist eigentlich eher bekannt dafür, dass er sich im Fernsehen den Mund zunähen lässt, mit halluzinogenen Honig, Alkohol und Ayahuasca einen Rausch erlebt oder bei irgendwelchen mit Höhe verbundenen Aufgaben zur Kotztüte greift. Da er mit Mitte 40 vielleicht auch mal etwas seriöser werden wollte, hat er sich letztes Jahr ein neues Steckenpferd gesucht: Den Klimawandel. In einer sechsteiligen Serie beschäftigte er sich mit der Bekämpfung dieses Klimawandels. Seriös ist daran allerdings leider wenig.

In seiner neuen Show „Joko Winterscheidt Presents: The World’s Most Dangerous Show“ beschäftigt sich Winterscheidt insbesondere mit dem Zusammenhang von Essverhalten auf das Klima.
In der sechsten Folge, die schon Böses erahnen lassend „Systemwandel jetzt?“ getauft wurde, fragt Joko direkt zum Einstieg: „Können wir überhaupt sinnvolle Lösungen gegen die Klimakrise umsetzen, wenn der mögliche Ursprung für all die Probleme einfach mal die Grundlage unseres modernen Lebens ist? Ich spreche natürlich vom Kapitalismus, vom Wachstum, von unserem gesamten System. Muss ich jetzt alles in Frage stellen?“
Mission Menschheit retten jetzt
Er stellt nicht nur selbst alles in Frage, er trifft auch die richtigen Leute, damit er beim alles in Frage stellen bloß nicht gestört wird. Da wäre zum Beispiel die Energieökonomin Claudia Kemfert, die so oft falsch liegt, dass ihr 2022 in einer Spiegel-Kolumne der Titel der Energieexpertin mit den meisten Fehlprognosen verliehen wurde. Kleinigkeiten wie diese stören einen Fernsehclown, der die große Politik sucht, aber eher nicht und so wird sie von Joko Winterscheidt als „die Top-Ökonomin Deutschlands“ und „Lichtgestalt im Auge des Weltuntergangs“ vorgestellt. Kein Witz.

Claudia Kemfert ist Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). Im April 2024 hat sie vor der Europawahl eine gemeinsame Pressekonferenz mit Luisa Neubauer und Fridays for Future abgehalten.
Auf Jokos Frage, was wir denn jetzt mit dem Wachstum machen sollen, antwortet sie: „Das Wachstum, was wir im Moment haben, ist schädlich.“ Es käme Raubbau an dem Planeten gleich und müsse abgestellt werden. Die enorme Verschwendung könne so nicht weitergehen. Joko pflegt währenddessen eine Mimik, einen Blick auf die Zukunft, als wäre jene ein braver Hund, der gerade vor seinen Augen eingeschläfert wird.
Dieses Betroffenheitsgesicht, gemischt mit schwermütigen Blicken in die Ferne, hat er die gesamte Folge drauf. Besonders traurig drein schaut er im Gespräch mit der anderen großen Wirtschaftsexpertin der Sendung. Die heißt Ulrike Herrmann, die von Kriegswirtschaft und einer Halbierung unseres Wohlstandes träumt. Für echte Experten war wohl kein Geld mehr da. Jedenfalls gibt sie zum besten, dass man in einer endlichen Welt nicht unendlich wachsen könne und formuliert den Hammer-Satz: „Unendliches Wachstum ist die Logik einer Krebszelle.“ Den natürlichen Willen der Menschen, ihre eigenen Lebensumstände zu verbessern und vielleicht nicht in absoluter Armut täglich um das Überleben zu kämpfen, mit Krebs gleichsetzen?

Ulrike Herrmann tingelt von Talkshow zu Talkshow und spricht über das in ihren Augen notwendige Ende des Kapitalismus.
Willkommen bei der moralisch erhabenen politischen Linken in Deutschland.
Auf den Fernsehstar macht das ordentlich Eindruck. Während er vorher zumindest noch Hoffnung auf grünes Wachstum anklingen ließ, konstatiert er nun restlos frustiert: „Das heißt, es wird auch keine Form von grünem Kapitalismus geben“. Er kommt zum Schluss, dass ihm vielleicht noch 40 schöne Jahre blieben und es danach aber keine Zukunft mehr gebe. Man müsse „schrumpfen, um die Menschheit zu retten.“
Die Lust am Weltuntergang gab es schon 1798
Schädliches Wachstum, Weltuntergang, die Unmöglichkeit unendlichen Wachstums in einer endlichen Welt: All dieser Quatsch ist bei weitem nichts Neues.
Schon 1798 vertrat der britische Ökonom Thomas Robert Malthus in seinem Aufsatz „The Principle of Population“ die These, dass exponentielles Bevölkerungswachstum nicht tragbar wäre, weil die Nahrungsmittelproduktion nur linear wachse. Die Gefahr des exponentiellen Bevölkerungswachstums sei so groß, dass der vorzeitige Tod von vielen Menschen – durch Krieg, Hunger oder Naturkatastrophen – eine noch viel größere Katastrophe verhindern würde. Seitdem hat sich die Weltbevölkerung etwa verachtfacht (!), die Lebenserwartung allerdings ungefähr verdoppelt und als absolut arm gelten nicht mehr 90 Prozent der Weltbevölkerung, sondern unter 10 Prozent. Thomas Malthus lag glücklicherweise falsch.

Der britische Ökonom Thomas Robert Malthus irrte mit seiner These.
Im Jahr 1968 folgte die nächste einflussreiche Untergangsprophezeiung. Das Buch „The Population Bomb“ des Stanford Biologen Paul Ehrlich schlug treffenderweise ein wie eine Bombe. Er kombinierte die malthusianische Logik mit noch radikalerer Angstpropaganda. Aufgrund der begrenzten Ressourcen und des zu hohen Bevölkerungswachstums, sah er in den 1970er Jahren hunderte Millionen Menschen den Hungertod erleiden. Nichts könne einen dramatischen Anstieg der Weltsterblichkeitsrate (Jährliche Todesfälle/1000 Menschen) mehr verhindern. Die Realität widerlegte seine Vorhersagen eindrucksvoll. Die Weltsterblichkeitsrate lag im Zeitraum von 1965 bis 1974 bei 13/1000 und sank bis 1990 auf 10/1000, heute liegt sie bei etwa 8/1000. Von 1968 bis 2009 starben weltweit 200 Millionen Menschen durch Hungersnöte, also in 40 Jahren so viel wie in den vorhergesagten 10 Jahren.
1968 waren weltweit 33 Prozent der Menschen unterernährt, 2010 waren es noch 16 Prozent. Und all das trotz einer ungefähren Verdoppelung der Weltbevölkerung in diesem Zeitraum. Paul Ehrlich lag glücklicherweise falsch.
Das brachte Ehrlich aber nicht dazu, seine Meinung zu ändern. Im Gegenteil: Mit absolutem Selbstbewusstein schloss er 1980 eine Langzeitwette mit dem Wirtschaftsprofessor Julian L. Simon ab. Inhalt dieser Wette war, dass Ehrlich sich fünf Rohstoffe, also knappe Ressourcen, aussuchte und darauf setzte, dass sie in zehn Jahren inflationsbereinigt teurer sein würden. Simon wettete dagegen. Das Ergebnis? Zehn Jahre später war jeder einzelne Rohstoff günstiger und verfügbarer, obwohl es weitaus mehr Menschen gab. Paul Ehrlich lag glücklicherweise ein zweites Mal falsch.
Die Vorhersagen waren falsch
Auch Klimapaniker, die eine Systemrevolution fordern und behaupten, dass klimaschonendes Wachstum unmöglich sei, lassen sich leicht mit Daten widerlegen. So sind in der EU die CO2-Emissionen seit 1990 um 30 Prozent gesunken, die Wirtschaft ist aber um 66 Prozent gewachsen. In den USA hat sich die Wirtschaftsleistung seit 1990 verdoppelt, während die Emissionen nicht gestiegen sind. Selbst in Indien gab es in diesem Zeitraum
über 50 Prozent mehr Wirtschaftswachstum als Wachstum bei den CO2-Emissionen. Wir wissen jetzt, dass die Vorhersagen der Malthusianer in der Vergangenheit falsch waren.
Diese Erkenntnis alleine reicht aber nicht, um die Vorhersagen der Malthusianer der Gegenwart zu widerlegen. Es werden sich auch die wenigsten alleine von solchen historischen Fakten davon überzeugen lassen, weniger Angst zu haben. Denn nur weil Prognosen in der Vergangenheit falsch waren, müssen sie nicht immer falsch bleiben, vielleicht hatte die Menschheit bis jetzt ja schlicht Glück. Es muss deshalb verstanden werden, warum diese Theorie schon vom Grundansatz her falsch ist.
Der Hauptfehler liegt im mangelnden Verständnis von natürlichen Ressourcen. Diese sind eben nicht primär von der Natur limitiert, so absurd es klingen mag, sondern von der menschlichen Vorstellungskraft. Und die ist unendlich. Sicherlich, es gibt von keinem Rohstoff unendlich viel, aber es gibt auch nur 88 Klaviertasten, die mehr Kombinationsmöglichkeiten hergeben als die Menschheit je ausprobieren wird. Ein Schachfeld besteht nur aus 64 Feldern, aber schon nach wenigen Zügen gleicht kein Schachspiel mehr den vorherigen.
Menschen können das Problem knapper Ressourcen auf verschiedene Weisen lösen: Effizienterer Umgang mit Rohstoffen, Entdeckung von mehr Ressourcen und das Ersetzen durch andere Ressourcen. In einer Marktwirtschaft wird all das belohnt und gefördert. Da knappe Ressourcen bei hoher Nachfrage teurer werden, lohnt sich effizienterer Umgang mit diesen und das Suchen nach Alternativen, weil dann natürlich Geld gespart wird. Zudem
werden regelmäßig neue Vorkommen bekannter Rohstoffe gefunden, beispielsweise Ölvorkommen.
Mehr Menschen bedeuten auch: mehr Ideen und mehr Schaffenskraft
Die Geschichte zeigt klar, wie flexibel unser Verständnis von Ressourcen ist. Früher mussten Wale bis zur Überfischung gejagt werden, um Beleuchtung zu ermöglichen, bis dies durch die Destillation von Erdöl ersetzt wurde. Früher wurden massenweise Schweine für Insulin benötigt, heute reicht Gentechnik. Früher mussten Unmengen an Bäumen für Beheizung gefällt werden, heute gibt es Heizungen. Früher brauchte man einen ganzen Raum, gefüllt mit Metallzeug, um einen Computer mit dem Bruchteil der Rechenleistung zu betreiben, die heute in meine Hosentasche passt. Man könnte die Liste endlos fortführen. Und in Zukunft werden auch die heutigen Produktionsweisen durch völlig andere ersetzt werden.
Das schlichte Hochrechnen des jetzigen Ressourcenverbauchs ohne Berücksichtigung der historischen Innovationskraft der Marktwirtschaft ist Pseudowissenschaft.
Mehr Menschen bedeuten eben nicht nur mehr Menschen, deren Bedürfnisse befriedigt werden müssen, sondern auch mehr Ideen und mehr Schaffenskraft. Solange Menschen frei in ihrem Handeln sind und durch ein freies Preissystem merken, welche Ressourcen knapp sind und sich dementsprechend anpassen können, kurz: solange Marktwirtschaft existiert, sind Bevölkerungswachstum und unendliches Wachstum kein Problem, sondern notwendige Bedingung für mehr Wohlstand und mehr Nachhaltigkeit. Ist ja auch logisch, nur wohlhabende Menschen können sich den Luxus erlauben, über Umweltschutz nachzudenken. Mit knurrendem Magen hat man dafür eher keine Zeit.

Wachsende Population stellt die Welt nicht nur vor Herausforderungen – sie bringt auch mehr Ideen und Schaffenskraft.
Seit Hunderten Jahren liegen die Malthusianer mit jeder Weltuntergangssprognose daneben, weil sie die menschliche Kreativität innerhalb einer Marktwirtschaft total ausblenden oder unterschätzen.
Bildung hilft im Kampf für das Gute
Die Ressourcen der Welt werden uns niemals ausgehen, solange wir genug Kapitalismus, also Ermöglichung menschlicher Kreativität, haben. So wie unentdeckte Schachstellungen und neue Musikkompositionen uns niemals ausgehen werden. Es wäre schön, wenn auch ein Fernsehclown wie Joko Winterscheidt, anstatt Beratung bei Luisa Neubauer, Claudia Kemfert und Ulrike Hermann zu suchen, sich erst mal etwas historisch und ökonomisch bilden würde, bevor er pseudowissenschaftliche Angstpropaganda für seine leider Gottes eher naiv konsumierende Millionenzielgruppe produziert.
Es hat auch einfach ein Geschmäckle, wenn ein Multimillionär, der sein Geld zu großen Teilen damit verdient hat, rund um die Welt zu fliegen, den Ärmsten der Welt sagt, dass sie sich das mit dem Wachstum und besseren Lebensbedingungen jetzt mal abschminken sollen.
Joko Winterscheidt mag mit Stagnation oder Wohlstandsreduktion immer noch prima klar kommen, auf die gesamte Menschheit übertragen bedeutet so ein Fernbleiben jedes Wachstums aber hunderte Millionen Hungertote und milliardenfache Verelendung.
Wenn er schon mit Horrorszenarien für die Zukunft an die Öffentlichkeit gehen will, dann sollte er doch wenigstens vor zu wenig Wachstum und zu wenig Marktwirtschaft warnen. Das ist nämlich wirklich die größte Gefahr für Menschheit und Umwelt.
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