Warum duzen Sie mich eigentlich, Sie Flegel!?
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Die Wende kam leise – und trotzdem ist sie in aller Munde: Das Wort „Sie“ als Anrede stirbt aus. Und kaum einer trauert ihm nach. Wer siezt, ist aus der Zeit gefallen. Alle duzen einander, fast immer, fast überall. „Sie“ ist so rar geworden wie Binder, Fliege oder Einstecktuch. Nur wer seriös erscheinen muss, trägt sie noch und sagt „Sie“.
Duzen gilt inzwischen als klassenlos. Früher war das „Sie“ ein Zeichen, dass wir unser Gegenüber ernst nehmen, irgendwie Respekt hatten vor ihm, auch Respekt voreinander. Als ich gerade einen Mann duzte, den ich zu kennen glaubte, schnarrte der mich an: „Warum duzen Sie mich eigentlich, Sie Flegel!?“
Am Anfang des Deutschen stand nur eine Form: das „Du“. Erst ab dem 9. Jahrhundert kam die Höflichkeitsform „Ihr“ hinzu, um einer Person die Ehre zu erweisen, sprach man sie oder ihn in der Mehrzahl an. Diesen Kniff verwenden romanische Sprachen, etwa das Französische, auch heute noch. Es wird immer dann benutzt, wenn man Gruppen anspricht, deren einzelne Mitglieder man ansonsten duzen würde.
„Schatz, ich liebe Sie“
Bei der Ansprache vor einer Gruppe wird im korrekten Standarddeutschen auch dann gesiezt, wenn man einen Teil oder gar fast alle in der Gruppe üblicherweise duzt. Das „Sie“ hat sich in Deutschland durchgesetzt – auch weil man diese Differenzierung in unserer Sprache eben hat. Lange war „du“ die Sprache der Liebe: Lieben Sie mich eigentlich, gibt es immer noch – meist in Filmen. „Schatz, ich liebe Sie“, klingt auch etwas unbeholfen.
Wann DUZT man jemanden? Laut dem Benimm-Lexikon Knigge sollte man prinzipiell bei einer ersten Begegnung fremde Menschen siezen und erst, wenn von einer Person das „du angeboten wird, sollte man zum Duzen wechseln“. Aber warum duzen plötzlich alle einander?

Der Knigge-Klassiker: die wichtigsten Manieren im Umgang mit Menschen. Auch zum Duzen und Siezen gibt der Freiherr wohlsituierte Ratschläge.
Kultureller Wandel und Internationalisierung sind einige der Gründe, dass das „Duzen“ immer mehr Einzug in den Sprachgebrauch in Deutschland hält. Auch in der Arbeitswelt und in der Schule wird immer öfter über eine Abkehr vom formellen „Sie“ zum „Du“ diskutiert, heißt es bei „Wikipedia“. Meiner Erfahrung nach wird gar nicht mehr so viel diskutiert – man duzt einfach. Wie ist das in anderen Ländern Europas? Geduzt wird grundsätzlich in Schweden (hier darf man Lehrer und alle anderen duzen – nur den König und seine Familie nicht), in den Niederlanden, in Norwegen, Finnland und Spanien (ab und zu benutzt mal jemand ein „usted“, also ein Sie).
Wenn man in Deutschland siezt – wer schlägt dann eigentlich das „Du“ vor? Antwort vom „Knigge“: „Findet ein Gespräch in privater Umgebung statt, gilt im Allgemeinen die Regel: Die Frau hat das Vorrecht und bietet dem Herrn das DU an.“
Nun denn, ihr lieben Damen und Herren vom „Knigge“: Es gab eine Zeit, da tastete man sich – in diesem Fall wirklich Mann – langsam vor. Wann soll ich, wann darf ich vom „Sie“ zum „Du“ übergehen, ohne alles zu verderben? Jene zarten Bande, die wir in nur deutscher Sprache knüpfen können, verlangen Geduld und Ausdauer. „Ich liebe Sie“, ist mir jedenfalls noch nie über die Lippen gekommen.
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