Warum wählen die Mächtigen anders als wir?
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Wir sehen die gut gelaunte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen beim Wählen. Sie grinst in die Kamera des zufällig anwesenden Fotografen (kleiner Spaß) und steckt ihren Wahlzettel in die Urne – ein ganz normaler Wahlvorgang, wie es ihn in Deutschland millionenfach gibt?
Vielleicht erinnern sich manche von Ihnen, liebe Leser, an das Bilderrätsel der alten Fernsehzeitschrift Hörzu und auch vieler anderen Illustrierten: Finden Sie die fünf Fehler, die dem Künstler auf dem Foto unterlaufen sind? Bei dem sogenannten Wahl-Foto von der Leyens wäre diese Aufgabe ganz einfach: Das Foto besteht nur aus Fehlern!
Schauen Sie es sich nochmal genau an:

Eine Abgehobenheit, die ihresgleichen sucht ...
Ich war auch wählen zur Europawahl, selbstverständlich. Sie hatten in der Aula des Schadow-Gymnasiums in Berlin-Zehlendorf nur die Blumen vergessen, sonst war alles wie bei von der Leyen. Und jetzt im Ernst: Das Wahl-Foto, das irgendwie die bürgerliche Verbundenheit der Kommissionspräsidentin der EU belegen soll, zeigt ganz was anderes: eine Abgehobenheit, die ihresgleichen sucht.
Warum wählen die Mächtigen anders als wir? Eine Antwort lautet: Weil sie es können! Die offizielle Bildbeschreibung zu diesem Foto spricht für sich. Sie lautet: „Ursula von der Leyen, EU-Kommissionspräsidentin, wirft ihren Stimmzettel zur Europawahl in eine Wahlurne vor einem Wahllokal in der Region Hannover“. Ich will hier keinen Kollegen schelten – aber ein bisschen genauer hätte es schon sein können. Welche Wahlurne vor welchem Wahllokal und wo in der Region Hannover? Und wer hat diese Wahlurne so schön drapiert und hochgestellt? Und wer hat diese schönen Blumen so schön drapiert? Es wird sicherlich nicht gegen den Willen von der Leyens geschehen sein – warum dürfen wir nicht in einer solchen prachtvollen Kulisse wählen?

Hier habe ich gewählt, allerdings ohne Blumenschmuck: im Schadow-Gymnasium in Berlin-Zehlendorf
Und wo ist die Schutzvorrichtung?
Es gibt aber noch einen anderen Aspekt zu diesem Foto, und der ist ernst, ich finde: sehr ernst. Es sind die Einlassungen des Bundeswahlleiters. Der sagt: „Erforderlich bei jeder Wahl sind Schutzvorrichtungen in den Wahllokalen zur unbeobachteten Kennzeichnung des Stimmzettels. Innerhalb der Wahlkabine darf weder gefilmt noch fotografiert werden. Je nach Bestimmungen vor Ort kann das Personal auch ein Foto im gesamten Wahlraum verbieten. Das Fotografieren oder Filmen beim Wählen kann als Verstoß gegen das Wahlgeheimnis geahndet werden. Die Strafen dafür variieren je nach Bundesland, können aber Geldstrafen oder sogar die Annullierung Ihrer Stimme zur Folge haben“.
Da die Wahlkabine Ursula von der Leyen draußen aufgebaut wurde, hat sie – so lese ich das jedenfalls – gegen das Wahlgeheimnis verstoßen. Sie müsste also mit einer Geldstrafe rechnen, was wohl eher unwahrscheinlich ist, wie mir mein gesunder Menschenverstand sagt. Das ist aber letztlich nicht das, was hängen bleibt bei dem gestellten und gestelzten Wahl-Foto der Ursula von der Leyen.
Hängen und haften bleibt eine Frage: Wann hören Politiker endlich auf, sich über den Bürger zu stellen, auf den sie angewiesen sind, weil sie von ihm gewählt werden wollen? Oder wie in diesem Fall: Warum wählen die Mächtigen anders als wir?
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