Was wir den Amis verdanken
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Es wirkt besessen, wie sich Internetgruppen in Europa gerade an den USA abarbeiten. Boykottaufrufe aus Dänemark (60.000 Follower), Schweden (angeblich 90 Prozent der Frauen zwischen 18 und 34), ein französischer Hopfenbauer hat eine Facebook-Gruppe gegründet mit dem Namen „Genug von Amerikas imperialistischen Exzessen“, in deutschen vor allem linken Foren überschlagen sich die Boykott-Aufrufe. Präzise werden die Waren aufgezählt, die man nicht mehr kaufen soll, eigentlich nicht mehr kaufen darf. Es ist ein Who is Who des American Way of Life, der die Westeuropäer jahrzehntelang geprägt hat: Coca-Cola, McDonalds, Starbucks, Netflix, Apple – und noch 50 Namen mehr.
Mein gesunder Menschenverstand sagt sich: Es sind so viele Marken, Institutionen, Einrichtungen, Erfindungen, Modelabels, Produkte – sie alle haben uns zu dem gemacht, was wir heute sind. Wir können uns doch nicht selbst abschaffen!

Coca-Cola Kisten stapeln sich in einem Getränkemarkt.
Immer Schokolade dabei, immer freundlich
Wer wie ich im Berliner Stadtteil Zehlendorf aufgewachsen ist, fühlt sich im Grunde genommen wie ein Ehren-Ami. Als Kind kam ich täglich an der riesigen US-Kaserne McNair Barraks vorbei, Amis hatten dort ihren eigenen Supermarkt und ihr eigenes Kino. Die Elitesoldaten Marines machten singend harte Dauerläufe im Morgengrauen. Wenn sich Amerikaner in einer deutschen Kneipe prügelten, kam Minuten später die MP. Immer mit 12 Mann, immer schon den Gummiknüppel gezückt. US-Soldaten sollten sich wie Gäste benehmen, nicht wie Besatzer. Zu uns Kindern waren sie immer freundlich, sie verteilten Schokolade. Man könnte sagen – der Südwesten Berlins war fest in amerikanischer Hand. Ich lernte den ersten Hamburger auf dem deutsch-amerikanischen Volksfest kennen, der AFN (Soldatensender American Forces Network) spielte das, was in unserem Radio noch nicht lief.
Kurzum: Die Kinder meiner Generation waren den Amerikanern dankbar. Wobei dieses Wort nicht das widerspiegelt, was es in Wahrheit war – Freundschaft. DIE Amerikaner waren unsere Freunde.

Zu Beginn der 60er Jahre dürfen Kinder in Jeeps auf dem Hof der McNair-Kaserne in Berlin mitfahren, an die sich auch der Autor Louis Hagen erinnert.
Im Amerika der 60er Jahre gab es keine Zäune
Als ich dann als 13-Jähriger mit meinen Eltern ein Jahr in Amerika verbrachte, hat sich diese Liebe fortgesetzt. Am ersten Tag in unserem Haus auf Long Island bei New York ging die Gartentür auf, etwa zehn Jungs standen in der Küche. Sie gingen an den Eisschrank, nahmen sich Drinks und das, worauf sie Appetit hatten. Das war da so üblich. Es gab keine Zäune, Türen waren immer auf, auch nachts. Ein Kulturschock für einen, der es gewohnt war, Ordnung zu halten, besonders an der Haustür. In der zweiten Woche war ich mit dabei, wenn wir die Eisschränke der Nachbarn räuberten. Keiner war böse, alle waren freundlich, gerade einem Fremden gegenüber. So habe ich den American Way of Life kennen und lieben gelernt. Natürlich gab es auch Schlechtes. Aber das haben wir nicht an uns rangelassen. „Think positive“, lernte ich damals.
Heute kann ich sagen: Diese grenzenlose Freiheit habe ich nur in Amerika kennengelernt. Und diese grenzenlose Freundlichkeit. Und das alles haben wir ihnen zu verdanken – die Carepakete mit Süßigkeiten und warmen Anziehsachen. Und die Luftbrücke. Und dass mein Vater von den Amerikanern Medikamente bekam, um mich vom Keuchhusten zu befreien.
Wir können den Amis nur dankbar sein. Ich bin es jedenfalls.
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