Nirgendwo wird unser Zusammenleben so sehr neu verhandelt wie auf Weihnachtsmärkten
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Bald steht sie wieder an, die besinnlichste Zeit des Jahres. Neben Supermarktregalen voller Gewürzspekulatius, kitschiger LED-Beleuchtung und geflochtenen Adventskränzen bringt die Vorweihnachtszeit auch etwas zurück, was so normal und gegenwärtig erschien, dass man seine Existenz für gegeben ansah: den Weihnachtsmarkt. Dieser ist aber nicht nur eingeübte Vorweihnachtstradition, sondern auch der Schauplatz, an dem sichtbar wird, wie tief die Veränderungen der migrantischen Gesellschaft greifen.
Zuerst einmal: Die Deutschen lieben Weihnachtsmärkte. Und wer kann es ihnen verübeln? Zwischen Zuckerwatte und dem Duft gebratener Mandeln verkörpern Märkte eine ritualisierte Zusammenkunft. Sie reicht von Dezemberanfang bis Weihnachten – vom Allgäu bis zur Mecklenburgischen Seenplatte. Man trifft Freunde und Bekannte, orgelt sich bei Minusgraden reichlich Glühwein rein, bis die Wangen glühen, und bummelt an Ständen vorbei, die Stollen, Handseife, Holzfiguren und Krippenspiele verkaufen – und auf nahezu liebenswerte Art und Weise beweisen, dass Menschen im Vorfeld des Weihnachtsfests selbstgemachte Dinge anbieten, die zwar oft Ramsch gleichkommen, ihnen, den Verkäufern, aber etwas bedeuten. Weihnachtsmärkte, das ist Europa, Heimat, Tradition, zwar banal und kommerzialisiert, aber sie verkörpern etwas, was, zumindest gefühlt, vielerorts abhandengekommen ist.
Doch inzwischen verkörpern Weihnachtsmärkte auch eine andere Normalität, die nicht abhandengekommen ist, sondern quasi neu „hinzugewonnen“ wurde: Weihnachtsmärkte sind die Arenen der täglichen Terrorgefahr im Dezember, die Deutschland zum Jahresende erfasst. Wer Weihnachtsmärkte sieht – und dahingehend die Berichterstattung verfolgt –, der bemerkt, was sich hierzulande verändert hat – und dass das, was Habitus, Sicherheit und Geborgenheit war, inzwischen offen zur Disposition steht.

Polizisten mit Maschinenpistolen bewachen einen Weihnachtsmarkt.
„Merkel-Poller“ gleichen einem Eingeständnis
Am Montag sorgte eine Meldung aus Elmshorn für Aufsehen: Behörden konnten dort einen 17-jährigen Islamisten festnehmen. Dieser wollte einen Weihnachtsmarkt mit einem Lkw angreifen. Die Festnahme des Deutsch-Türken ließ Erinnerungen an Anis Amri wachwerden: 2016 raste der Tunesier mit einem Lkw in einen Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz in Berlin, 13 Personen starben. Das Attentat war der schwerste islamistische Anschlag der Bundesgeschichte, fünf Tage vor Weihnachten.
Seitdem zieren deutsche Weihnachtsmärkte Betonklötze als Einfahrthindernisse. Böse Zungen tauften sie „Merkel-Poller“. Dass sie bei so manchen Weihnachtsmärkten inzwischen zum Inventar zählen, das man einfach so hinnimmt, gleicht auch einem Eingeständnis.

Der Breitscheidplatz in Westberlin nach dem Attentat von Anis Amri.
Auf der Suche nach „safe spaces“
Erst im vergangenen Jahr wurde ein tschetschenischer Islamist in Brandenburg festgesetzt, weil er mit einem Komplizen einen Weihnachtsmarkt in Leverkusen angreifen wollte. Wenige Wochen später wurde ein irakischer Gefährder in Niedersachsen verhaftet, weil er einen Weihnachtsmarkt in Hannover angreifen wollte. 2016 nahmen die Ermittler einen zwölfjährigen (!) Deutsch-Iraker im letzten Moment fest, bevor dieser einen Weihnachtsmarkt in Ludwigshafen mit einer Nagelbombe angreifen konnte.
Und ohnehin hilft es, den Blick zu weiten und ins Ausland zu gucken: Am 11. Dezember 2018 tötete ein Islamist auf dem Weihnachtsmarkt in Straßburg, eine Stunde entfernt von der deutschen Grenze, fünf Personen. Auf dem jüngst eröffneten Weihnachtsmarkt in Manchester patrouillieren Polizisten mit Maschinenpistolen das Gelände. Es ist nicht nur Anis Amri, sondern die Tatsache, dass Weihnachtsmärkte auf dem ganzen Kontinent zu Risikogebieten geworden sind.
Why is there police with automatic weapons at a Christmas market?
— 𝗡𝗶𝗼𝗵 𝗕𝗲𝗿𝗴 ♛ ✡︎ (@NiohBerg) November 8, 2024
Why is this necessary? https://t.co/WPDvXBB8VM pic.twitter.com/xGZRyLkc36
„Es gibt eine riesige Gefahr von Terroranschlägen in der Europäischen Union während der kommenden Weihnachtszeit“, sagte letztes Jahr die Kommissarin für Inneres der Europäischen Union, Ylva Johansson. Wenn man das liest, will man Johansson zustimmend zunicken, nur um im nächsten Moment zu ergänzen, dass diese Gefahr unter den EU-Ländern nicht gleichmäßig verteilt ist. In Polen und Ungarn etwa sind Weihnachtsmärkte sicher, man könnte unken: „safe spaces“.

2018 tötete ein Islamist auf dem Weihnachtsmarkt in Straßburg fünf Personen.
Christliches Abendland und gelebte Tradition
Dass Städte in Deutschland, Schweden, Frankreich, Belgien oder England – im Gegensatz zu Budapest und Warschau – nicht solche safe spaces sind, liegt daran, dass westeuropäische Staaten gescheiterte Migrationsgesellschaften darstellen und ein Problem mit islamistisch motiviertem Terror haben. Für muslimische Attentäter sind Weihnachtsmärkte dabei aus vier Gründen ein perfektes Ziel. Zum einen verkörpern sie ein Überbleibsel christlicher Tradition und Abendland, weil sie die Feier Jesu Geburt auf die Zeitspanne vor dem 24. Dezember ausweiten. Man mag diese Zusammenkünfte für Sellouts mit Konsumpflicht halten – kein Widerspruch –, aber sie sind einer der wenigen Orte, wo christliche Symbole in der Öffentlichkeit sichtbar werden.
Zweitens sind sie Symbol des westlichen Lebensstils, bei dem Bürger sich in der Öffentlichkeit treffen, vergnügen und dabei womöglich sogar Alkohol konsumieren und ins Gespräch mit Dritten kommen. Darüber hinaus stellen Weihnachtsmärkte gelebte Tradition dar: Die Wurzeln einiger Weihnachtsmärkte gehen in das 16. Jahrhundert zurück, die Besuche sind also generationsübergreifend einstudiert – und Angriffe in der Logik von Attentätern eine Disruption, die deutlich macht, dass sich etwas im islamisierten Europa verändert hat.

Vergangenes Jahr wollte ein tschetschenischer Attentäter den Weihnachtsmarkt in Leverkusen-Opladen angreifen. Er wurde festgenommen.
Und viertens, last but not least, sind sie aufgrund der Ballung vieler Menschen auf engem Raum geeigneter Ort für Anschläge, weil man sehr schnell sehr viele Menschen töten kann. Dutzende Millionen Besucher suchen bis zu 3000 Weihnachtsmärkte in der Bundesrepublik jedes Jahr auf, die genaue Zahl ist schwer zu beziffern. Die Beliebtheit der Märkte macht sie aber zum place to be für Terroristen. Das klingt zwar schrecklich, folgt aber der Logik, die für Islamisten handlungsanleitend ist.
Eine Normalität, die abhandengekommen ist
Vieles wurde im Nachgang der Migrationskrise zur Metamorphose Deutschlands gesagt. Die Gesellschaft würde religiöser werden, man müsse das Zusammenleben neu aushandeln, das Land werde sich verändern. Was diese Floskeln aber letztendlich bedeuten, wird genau hier, auf Weihnachtsmärkten, deutlich. Wer eine zunehmend migrantische Gesellschaft mit Zuwanderung aus muslimischen Ländern will, der akzeptiert zumindest indirekt, dass auch der Inbegriff der Normalität in der Vorweihnachtszeit zur Zielscheibe verkommt.

Auf dem Weihnachtsmarkt in Hannover wollte ein Iraker 2023 einen Anschlag durchführen.
Weihnachtsmärkte sind, leider Gottes, zum Ort geworden, wo die Kontrollverlustgesellschaft auf altbewährte Tradition trifft. Sie sind Sinnbilder eines Deutschlands, das es einst gab und das viele hierzulande lieben gelernt haben, das aber nicht mehr so existiert. Wenn im Februar der Bundestag neu gewählt wird, könnten die Erinnerungen an Betonpoller, schwer bewaffnete Polizisten oder Anschlagsmeldungen, die noch relativ frisch im Gedächtnis der bundesdeutschen Öffentlichkeit sind, also auch wahlentscheidend sein.
Wer die ehemals deutsche Normalität auf Weihnachtsmärkten erhalten will, so die mögliche Logik der Wähler, der muss sich auch einer Politik wiedersetzen, die genau das möglich macht.
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