Wenn wir Kinder vor dem Schulweg warnen müssen, hat die Gesellschaft versagt
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Angst vor dem Vokabel-Test, Angst vor dem Sportlehrer, Angst vor dem Zeugnis – jeder von uns hatte auf dem Weg zur Schule wohl schon einmal das beklemmende Gefühl, dass es heute richtig in die Hose geht. Und am Ende wurde es dann meistens alles gut. Oder wenigstens nicht versetzungsgefährdend.
Jetzt ist zu der Angst AUF dem Schulweg eine neue Angst dazugekommen. Die Angst VOR dem Schulweg. Und dabei geht es nicht um vergessene Hausaufgaben – sondern um Leib, Leben und unschuldige Kinderseelen.
In gleich zwei großen deutschen Städten lassen aktuelle Elternbriefe aufhorchen. In Regensburg (152.000 Einwohner) und Erfurt (213.000 Einwohner) warnen die Schulleiter ihre Schützlinge vor Gewalt und Übergriffen auf dem Schulweg. Regensburg und Erfurt – das sind keine Ghettos, sondern Heile-Welt-Städte. Mehr Deutschland geht nicht.
In Regensburg warnt der Direktor der St. Marien-Schule, dass die „Bahnhofsgegend trotz erhöhter Präsenz von Polizei (…) auch tagsüber Kriminalitätsschwerpunkt“ ist. Sein Rat: „Unabhängig von der Tageszeit sollten Ihre Töchter den Schulweg am besten in Gruppen antreten.“ Er bittet die Eltern, ihre Kinder persönlich vom anstehenden Unterstufenball abzuholen.

Das Schreiben der St. Marien-Schule
In Erfurt wurde ein Kind auf dem Nachhauseweg von der Schule „Opfer eines massiven sexuellen Übergriffs“, schreibt die Johannesschule. Es folgen zwölf Tipps, wie es jetzt weiter geht. „Abstand halten, damit Erwachsene nicht nach einem greifen können. Lieber in einer Gruppe zur Schule laufen, statt alleine zu gehen.“ Die Eltern werden gebeten, sich nicht „an Spekulationen in Chatgruppen“ zu beteiligen.
Der Kollege Alexander Kissler, Journalist bei der „Neuen Zürcher Zeitung“, hat dazu heute geschrieben: „In einem Land, in dem Schulwege zu Risikostrecken für Schüler werden, stimmt etwas nicht.“ Ich würde noch einen Schritt weitergehen: Wenn wir Kinder vor dem Schulweg warnen müssen, hat die Gesellschaft versagt.

Das Schreiben der Johannesschule
Nicht falsch verstehen. Die Schulleiter machen es genau richtig, wenn sie das Thema offensiv ansprechen. Sie haben keinen Einfluss darauf, wenn der Schulweg nicht sicher ist. Aus diesen zwei Elternbriefen ergeben sich auch mehr Fragen als Antworten. Fragen, die fassungslos machen.
Was ist bitte aus dieser Gesellschaft geworden, wenn wir es nicht mehr schaffen, den Kindern einen sorgenfreien Weg zur Schule zu ermöglichen?
Was muss denn noch passieren, damit Politiker auf Lokal-, Landes- und Bundesebene die Angst der Bevölkerung verstehen, dass es offenbar keine Kontrolle mehr über den öffentlichen Raum gibt?
Wie erbärmlich ist es bitte, sich als Politiker eingestehen zu müssen: Wir haben die Kriminalität nicht mal mehr am helllichten Tage im Griff?
Wir hören in der Kriminalitäts-Debatte oft das Stichwort „Einzelfall“. Im Zweifel ist alles immer nur ein Einzelfall, aus dem man nicht aufs große Ganze schließen darf. Die Wahrheit ist: Regensburg und Erfurt sind keine Einzelfälle. Dort trauen sich nur zwei Schulleiter, ihre Angst um die körperliche Unversehrtheit der Kinder auch nach außen zu tragen. Diese Sorge gilt nicht nur den Kindern in Regensburg und Erfurt – sie ist im ganzen Land zu spüren.
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