Wer sich alle Wahlkampf-Plakate in Ruhe durchliest, erkennt erst den ganzen Unsinn, der da steht …
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Ich war wählen. Ja, das geht schon! Einfach mit der Wahlbenachrichtigung zum Rathaus oder Bürgeramt gehen, vor Ort das Kreuz für die Europawahl am 9. Juni setzen und dann ab in die Urne. Briefwahl alleine am heimischen Küchentisch ist mir zu unheilig für den großartigen Moment des Wählens und am Wahltag schaffe ich es nie ins Wahllokal, weil in der Redaktion Kampftag ist. Also „Briefwahl am Schalter“, wie die nette Wahlhelferin es herrlich auf den Punkt gebracht hat.
Wie gesagt: Ich war wählen. Von meiner Wohnungstür bis zur Wahlurne sind es 1,6 Kilometer, ich habe das herrliche Wetter für einen demokratischen Spaziergang genutzt und auf meinem Weg jede Form der Wahlwerbung dokumentiert.
Insgesamt 26 Wahlplakate (Rückseiten-Motive nicht mitgezählt) haben meinen Weg gesäumt. Ich habe sie alle auf mich wirken lassen. Und würde gerne meine Gedanken dazu mit Ihnen teilen.
Der erste Lacher gehört der SPD
Nach knapp 300 Metern passiere ich die lokale SPD-Zentrale. Und die Genossen schenken mir direkt mal meinen ersten Lacher. „Deutschlands stärkste Stimmen für Europa“ ist da zu lesen. Gemeint sind offenbar Olaf Scholz und Katarina Barley, deren Gesichter unter dem Slogan prangen. Warum wirbt die SPD bitteschön mit zwei Protagonisten, die niemand will und verkauft sie auch noch als Zugpferde?

Barley ist bereits das zweite Mal Spitzenkandidatin: 2019 holte sie mit 15,8 Prozent das historisch schlechteste SPD-Ergebnis auf EU-Ebene. Und Scholz hat es geschafft, die Kanzler-Partei SPD in den Umfragen auf 15 Prozent runter zu regieren. 15 Prozent hier, 15 Prozent da – zusammen kommen die beiden auf traumhafte 30 Prozent. „Deutschlands stärkste Stimmen für Europa“ … Wer denkt sich sowas aus?!
Für sichere Fluchtrouten und mehr Eis
Weiter geht’s mit Volt. Kennen Sie die? Zumindest für Köln gilt: Die Partei hat die Innenstadt mit Plakaten zugepflastert. 11 der 26 Plakate, die meinen Weg säumen, stammen von Volt. Erstes Fundstück: „Wählen rettet Leben!“ Und kleiner dann: „Deine Stimme für ein Stoppen des Sterbens auf dem Mittelmeer.“ Wollen die jetzt alle durchlassen, ein Taxi nach Europa organisieren oder harte Zurückweisungen schon auf dem Mittelmeer, um das Schleppergeschäft zu stoppen? Ich schmeiße Google an … Der Slogan soll die Forderung von „sicheren Fluchtrouten“ und die „Legalisierung von Seenotrettung“ untermauern.
Ok. Hätten sie auch direkt schreiben können, dann muss ich nicht googeln …
Wieder Volt. Jetzt doppelt an einer Laterne. Oben: „Für mehr Eis!“ Bei dem Wetter eigentlich ein guter Satz. Aber ich ahne wieder enttäuschend Doppeldeutiges und konzentriere mich lieber auf den unten lächelnden Spitzenkandidaten: Damian Boeselager. Boeselager. Da war doch was. Das ist doch nicht etwa … Doch, ist er! Großvater Philipp Freiherr von Boeselager gehörte zu der Widerstandsgruppe um Stauffenberg, die Hitler töten wollte. Damit sollten sie mal werben! Und nicht mit Gutmensch-Phrasen.
Wer bitteschön ist eigentlich FÜR Hass und Hetze?
Wieder die SPD. „Für Jung, Alt und gutes Klima.“ Und dann: „Gegen Hass und Hetze.“ „Gegen Steueroasen – für mehr Gerechtigkeit.“ Gegenfrage: Wer ist denn GEGEN Jung, Alt und gutes Klima? Und wer ist FÜR Hass und Hetze? Wer ist FÜR Steueroasen und WENIGER Gerechtigkeit? Wollen die eigentlich ihre Wähler vergraulen? Wer das liest, fragt sich doch ernsthaft, ob die aktiv den einstelligen Prozentbereich ansteuern im Willy-Brandt-Haus.

Per Kreuz zum ewigen Leben
Auf halbem Weg lässt mich ein extrem textlastiges Plakat stutzen. „Wo willst du in 800 Jahren leben?“ Das fragt mich die Partei für schulmedizinische Verjüngungsforschung. Gute Frage. Habe ich mir noch nie Gedanken drüber gemacht. Ich bin bisher davon ausgegangen, dass ich in 800 Jahren der Demokratie nur noch als Dünger diene. Aber die Partei hat auch klare Forderungen: „Unbegrenzt langes Leben für alle!“ Denn: „Altern wird wahrscheinlich bald heilbar!“

Von allen politischen Versprechen und Forderungen erscheint mir das bisher am attraktivsten. Zumindest für einen kurzen Moment. Dann wird mir klar, dass das mit dem Jungbrunnen wahrscheinlich nicht nur für mich alleine gilt. Sondern auch noch für viele andere, bei denen ich sagen würde: Gut, dass die Natur das mit dem Altern am Ende regelt. Aber vielleicht kriege ich als Wähler der ersten Stunde ja einen frühen Schluck aus dem Zaubertrank …
Volt ruft mir noch mal zu: „Sei kein Arschloch!“ Ok. Und wann bin ich das jetzt? Wenn ich was anderes wähle?

Freunde der Sonne, es ist andersrum
Ich würde mich übrigens auch gerne zwischendurch über CDU, FDP oder AfD lustig machen – aber die haben kein einziges Plakat auf meinem Weg platziert. Entweder gehen sie mir aus dem Weg oder andersherum. Im Gegensatz zu den Grünen.
Die behaupten ganz tiefgründig: „Nur Demokratie schafft Freiheit.“ Ehm. Nein. Andersrum, Freunde der Solarenergie: Nur Freiheit schafft Demokratie. Der Mensch wird frei geboren, nicht demokratisch. Freie Menschen haben sich für die Demokratie entschieden – nicht demokratische Menschen für die Freiheit. „Nur Demokratie schafft Freiheit“ – der Satz ist zu Ende gedacht extrem gruselig. Ein Wahlversprechen wie eine Drohung. Er bedeutet nämlich: Was wir als grüne Demokraten im Parlament entscheiden, wird eure Freiheit sein. Wir schränken euch ein, damit ihr so frei seid, wie wir es wollen.
Auch Krieg oder Frieden stehen zur Wahl
Luftlinie zwölf Meter vor dem Eingang des Bürgeramtes und in direktem Sichtkontakt zur DIN-A4-Einladung „Direktwahl zur Europawahl 2024“ lächelt mich dann Sahra Wagenknecht an. Mit diesem Mona-Lisa-Lächeln, wo man nicht weiß, ob sie jetzt an den Bürger denkt oder sich einfach nur zufrieden erinnert, wie sie die Linke zerschlagen hat. Ich frag’ mich erst einmal: Darf man das überhaupt? Auf dem Vorplatz vom Wahllokal hängen? Und mir dann auch noch so eine existenzielle Frage stellen? „Krieg oder Frieden? Sie haben JETZT die Wahl!“
Ich weiß ja nicht. Krieg oder Frieden. Oben in der Wahlkabine habe ich mich dann entschieden und bin mir sicher: Egal, was ich ankreuze, über Krieg und Frieden wird das jetzt nicht entscheiden. Die beiden Frauen in der Wahlstube berichten, dass pro Stunde knapp zehn Wähler vorbei schneien. „Dann hat man das hinter sich, ne!“
Ich schreite zur Tat. 34 Parteien sind auf meinem Stimmzettel gelistet, ein Kreuz darf ich machen. Fünf Parteien haben auf meinem demokratischen Spaziergang um meine Stimme gebuhlt. Schade eigentlich, ich hätte gerne auch mehr über die anderen 29 gelernt. Beim nächsten Mal dann.
Ja, es ist noch früh, aber ich bitte Sie jetzt schon: Gehen Sie wählen! Der traurigste Befund für eine Demokratie ist immer, wenn die Partei der Nichtwähler stärkste Kraft im Parlament wären … Über deren Plakate kann man sich auch gar nicht so schön aufregen …
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