Wie ungeregelte Migration die Gesellschaft zerstört
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„Ich will aber nicht wollen, was man will, dass ich wollen soll“, soll der Schriftsteller Arnold Zweig (1887 bis 1967) einmal gesagt haben. Der überzeugte Sozialist war aus dem Exil in Palästina nach dem Krieg in die DDR zurückgekehrt, saß in der Volkskammer und war Mitglied der Akademie der Künste und hatte sich gleichwohl aber einen gewissen Trotz gegen Bevormundung durch Staat und Partei bewahrt.
Wenn derzeit viele Journalisten ratlos durch die „Neuen Länder“ reisen und herauszufinden versuchen, warum die vertrackten Ossis AfD und BSW wählen und sich partout von Medien, Kampagnen der Wirtschaftsverbände und der etablierten Parteien nicht davon abbringen lassen, dann fällt mir immer wieder dieser Satz von Arnold Zweig (mit Stefan Zweig nicht verwandt) ein.

Der Schriftsteller Arnold Zweig
Ich habe für „Schuler! Fragen, was ist“ einen Mann getroffen, der ein feines Gespür für die Seelenlage im Osten hat und diese in seinen Büchern auch immer wieder durchscheinen lässt. Mit dem Schriftsteller Uwe Tellkamp („Der Turm“, „Der Schlaf in den Uhren“) habe ich mich im „Buchhaus Loschwitz“ in Dresden getroffen, wenige Schritte von der Elbe und dem „Blauen Wunder“ entfernt, und er hat mir die Wahrnehmung erklärt, die nicht nur in seiner direkten sächsischen Umgebung vorherrscht.

Schriftsteller Uwe Tellkamp sieht, dass Ostdeutsche insbesondere bei Migrationspolitik kritisch sind.
Beispiel Migration. Ein- und Auswandern habe es schon immer gegeben, sagt Tellkamp. Das sei im Grunde nichts Neues. Neu sei allerdings das Ausmaß. „Das, was sich seit 2015 abspielt, ist weniger Migration, sondern ist durchaus mit gewissen Merkmalen von Invasion verknüpft. Und das ist ein Unterschied.“ Mit Fachkräftezuwanderung habe niemand ein Problem. „Aber die Migration, wie ich sie wahrnehme, verändert das Land nicht zum Guten. Die Gesellschaft wird unruhiger, sie wird nervöser, sie wird hysterischer und der soziale Frieden nimmt ab. Das sind ganz elementare Dinge. Und es ist eben nicht so, dass Migration so stattfindet, wie sie notwendig ist.“
Die Debatte über Migration, wie sie von vielen Ostdeutschen wahrgenommen wird, werde aber öffentlich nicht ehrlich geführt, sagt Tellkamp. „Das eine ist, was Deutschland braucht an sogenannten Fachkräften. Da könnte man nach dem Modell Kanada verfahren und sich die raussuchen, die man braucht. Und das andere ist, dass Menschen bedroht sind und flüchten müssen. Auch da finde ich schon, dass Deutschland eine durchaus moralische Verpflichtung hat, diesen Menschen zu helfen. Gerade weil wir eine bestimmte Geschichte haben.“

Ich traf den 55-jährigen Tellkamp in seiner Geburtsstadt Dresden.
Es könne aber nicht sein, dass das Außenministerium irgendwelche Visa blanko drucke, die dann in Beirut nur noch gestempelt und ausgegeben werden „und dass das Sozialamt Deutschland für jeden offen ist, der daherkommt. Das geht nicht.“ Dann wird Tellkamp deutlich: „Das zerstört die Gesellschaft. Auf lange Sicht zerstört es den sozialen Frieden, denn es kommt bei den Leuten ganz unten an in Form von Konkurrenz um Arbeitsplätze, Konkurrenz um soziale Leistungen, Konkurrenz um Wohnraum, alle diese Ressourcen. Das sind reale Fakten und nicht irgendwelche Hirngespinste.“
Den Schriftsteller treibt aber noch etwas ganz anderes um, was in der öffentlichen Debatte überhaupt keine Rolle spielt: „Was mich am meisten betrifft, ist, dass ich mir sehr Sorgen schon mache, dass unsere überlieferte Kultur, in der ich groß geworden bin und die für mich Überlebenshilfe war, in einer schwierigen Zeit in der DDR, dass diese Kultur verloren geht.“
Ich finde das einen bedenkenswerten Punkt. Man kann berechtigterweise nicht voraussetzen, dass sich Menschen mit einer ganz anderen Herkunft und einer anderen Kulturgeschichte mit der gleichen Intensität in unsere Traditionslinien einfügen, wie wir es tun, die darin aufgewachsen sind. Sie bringen eigene Erfahrungen und Historienlinien mit, die sie gerade hier in der Fremde um so intensiver bewahren, je weiter weg die von ihnen zurückgelassene Heimat ist. Die Deutschen im Ausland verhalten sich übrigens ganz genauso. Deutsch-Brasilianer zum Beispiel singen mit Inbrunst deutsche Volkslieder, die bei uns oft längst vergessen sind.
Mit anderen Worten: Fachkräfte und Schutzsuchende sind das eine. Das andere ist die Frage, wie Migration das Land verändert. Und wenn ich Uwe Tellkamp richtig verstanden habe, dann treibt viele Leute im Osten genau das um. Sie haben ein Störgefühl, wenn man so tut, als sei Gesellschaft eine Art Lego-Kasten, bei dem man fehlende Bausteine einfach durch einige bunte Steine aus einem anderen Kasten ersetzen kann.
Kurz: Ich möchte Ihnen das Gespräch mit Uwe Tellkamp besonders ans Herz legen. Ich glaube, es lohnt sich.
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