Warum tilgte der NDR das Labor von Corona-Mediziner Winfried Stöcker?
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Im NDR-Format „Abenteuer Diagnose“ führt ein Laborbefund zur rettenden Diagnose. Doch das gezeigte Labor ist frei erfunden. Der Sender bestätigt das selbst – und beruft sich auf Datenschutz. Im Zentrum steht ein realer Mediziner, der nie genannt wird. Warum?
Das NDR-Format „Abenteuer Diagnose“ erzählt im Vorabendprogramm medizinische Ausnahmefälle: komplexe Krankheitsverläufe, lange Irrwege – und am Ende oft die entscheidende Entdeckung, die alles verändert. Es sind Erzählungen über Leid, Zweifel und den Moment, in dem sich das Blatt wendet.
Eine solche Geschichte ist die von Anke Ahrens. Über lange Zeit leidet sie an einer rätselhaften Erkrankung. Ihr Körper reagiert zunehmend unkontrolliert, der Alltag wird zur Belastung. Ärzte können ihr nicht helfen, die Ursache bleibt unklar. Erst ein entscheidender Laborbefund bringt die Wende: Die Diagnose lautet Stiff-Person-Syndrom – eine seltene neurologische Erkrankung.
Doch der NDR zeigt an dieser Stelle ein Labor, das es nicht gibt.

Dieses Labor existiert nicht, gekennzeichnet wird das nicht.
Der Befund stammt tatsächlich vom Lübecker Arzt und Laborbetreiber Winfried Stöcker. Er hatte in der Corona-Zeit für Aufsehen gesorgt – mit einem selbst entwickelten Impfstoff, den er freiwilligen Probanden verabreichte und zur Zulassung anmeldete.
NDR beruft sich auf Datenschutz
Auf Anfrage bestreitet der NDR die Darstellung nicht. Der Name sei frei erfunden, heißt es. Zur Begründung verweist der Sender auf Datenschutz und Anonymisierung – eine Praxis, die in Reenactment-Formaten nicht unüblich sei. Darin werden Teile der Geschichte nachgespielt, mit Schauspielern und an Filmsets. Der NDR schreibt:
„Das in der von Ihnen erwähnten Folge in einer Szene lesbare ‚Klinisch-Immunolog. Labor, Prof. Dr. med. Marcus Hausner, Fackenburger Allee 11, 23554 Lübeck‘ ist kein real existierendes Institut, sondern eine für das Reenactment verwendete, anonymisierte Darstellung. In den Reenactments werden aus Datenschutzgründen keine Originalbefunde der Patienten verwendet. Es handelt sich nicht um eine ‚falsche Angabe‘, sondern um eine aus Datenschutzgründen vorgenommene ‚Anonymisierung‘, wie sie in Reenactments üblich ist. Diese berührt in keiner Weise den dokumentarischen Kern des dargestellten Falls.“
Auf Nachfrage, warum Stöcker nicht namentlich genannt wird, antwortet der NDR:
„Bei Abenteuer Diagnose werden Mediziner interviewt und namentlich genannt, die den Patienten/die Patientin persönlich behandelt haben und maßgeblich an der diagnostischen Aufklärung beteiligt waren. In aller Regel werden daher keine Labormediziner interviewt und namentlich genannt – wie Sie auch diesen beispielhaften Folgen entnehmen können“, er verlinkt diese und diese.
Tatsächlich verfremdet der NDR auch in anderen Folgen Dokumente. Insofern ist die Praxis nicht ungewöhnlich.
Der Wendepunkt der Geschichte – aber anonymisiert
Und doch wirft der Fall Fragen auf. Denn Stöcker war „maßgeblich an der Diagnose beteiligt“. Sein Laborbefund markiert den entscheidenden Wendepunkt der Geschichte. Hier kippt die Erzählung – aus der Odyssee wird Aufklärung, aus Verzweiflung eine Diagnose. Dramaturgisch ist es der Moment, in dem sich das „Abenteuer Diagnose“ zum Guten wendet. Entsprechend zentral wird der Laborbefund ja auch platziert. Er taucht sogar noch ein zweites Mal auf. Hier das Originaldokument:

Das Originaldokument mit Stöckers Namen darauf.
Nach Stöckers Angaben wurde er im Vorfeld auch nicht kontaktiert. Gegenüber NIUS zeigt er sich darüber verärgert – er wäre gern Teil der Sendung gewesen.
Stöcker vermutet politische Motive
Bei ihm hat das Vorgehen einen Verdacht ausgelöst: dass seine Rolle aus politischen Motiven ausgeblendet wurde. Stöcker hatte sich in der Vergangenheit mit Spenden an die AfD öffentlich positioniert. Im Gespräch mit NIUS schildert er die Konsequenzen drastisch: Auf dem Markt in Lübeck, so sagt er, habe man ihm inzwischen sogar den Verkauf von Käse verweigert – er werde als Kunde boykottiert.
Es sind nur allzu glaubhafte Schilderungen in einem Land, in dem Regierungspolitiker und NGO-Komplex fortwährend gegen angebliche „Feinde der Demokratie“ Stimmung machen. Eben deshalb ist auch sein Verdacht nachvollziehbar, wonach der NDR ihn aus politischen Gründen aus der Sendung tilgte.
Presserat erklärt sich für nicht zuständig
NIUS fragte auch den Deutschen Presserat, der den Pressekodex herausgibt, nach seiner Einschätzung. Dieser erklärte, für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht zuständig zu sein. Zuständig seien die Gremien des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.
Eine inhaltliche Bewertung nahm das Gremium nicht vor – obwohl es gerade um jene Maßstäbe geht, die der Pressekodex selbst formuliert: Transparenz, journalistische Sorgfalt und die Trennung von Realität und Fiktion.
Zurück bleibt ein widersprüchlicher Befund: eine gängige Praxis der Anonymisierung – und zugleich ein zentraler Moment der Geschichte, in dem Realität und Fiktion ineinander übergehen, ohne dass der Zuschauer darauf hingewiesen wird.
Die naheliegendste Lösung wäre einfach: eine klare Kennzeichnung solcher Eingriffe. Dass sie fehlt, ist der eigentliche Kern des Problems – besonders in Zeiten, in denen der öffentlich-rechtliche Rundfunk wegen Manipulationen und KI-Fakes in der Kritik steht.
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Felix Perrefort
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