Mordaufrufe, Manipulation, Existenzen vernichtet: Wie lange hält Norbert Himmler noch zu Jan Böhmermann?
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Noch knapp zwei Monate wird es dauern, bis ZDF-Intendant Norbert Himmler wieder in der ersten Reihe der ZDF-Spendengala „Ein Herz für Kinder“ sitzen wird. Vor einem Millionenpublikum kann er sich dann wie jedes Jahr als Menschenfreund mit großem Herz für die Schwächsten präsentieren. Um sich diesmal eine weiße Weste einzukaufen, wird der Intendant bei der Spendengala allerdings sehr tief ins eigene Portemonnaie greifen müssen: Als Verantwortlicher der Böhmermann-Sendung muss er den Chefkomödianten des ZDF regelmäßig für dessen Aussetzer in Schutz nehmen. Doch die Geduld könnte sich bald ihrem Ende neigen: Wie lange gibt Himmler seinem Chefhetzer noch Rückendeckung?
Normalerweise kann sich ein Arbeitnehmer nur die kleinsten Aussetzer leisten, bis er entweder eine Mahnung erhält oder sogar seine Kündigung entgegennehmen muss. Nicht aber beim ZDF. Dort darf Jan Böhmermann seit Jahren Skandale am laufenden Band produzieren, ohne dass er dafür die Konsequenzen tragen muss: von der Vernichtung von Existenzen über Mordaufrufe bis hin zum jüngsten Antisemitismus-Skandal um seine Ausstellung „Die Möglichkeit der Unvernunft“. Zuletzt machte er auf sich aufmerksam, weil er mit vermeintlich gefälschten Fotos eine AfD-Hetzkampagne erfand (NIUS berichtete).

Könnte sein Handeln bald doch mal ernsthafte Konsequenzen haben? Das Ende von Jan Böhmermann beim ZDF könnte früher eintreten als erwartet.
Die Machtbasis bröckelt
Immer konnte sich der 44-Jährige bisher hinter den starken Schultern seiner Intendanten verstecken. Doch die Machtbasis bröckelt. Wie die Bild berichtet, wurde senderintern bereits im Frühjahr 2025 besprochen, dass der Vertrag mit Böhmermann seitens des ZDF nicht mehr verlängert werden sollte. Nur weil man nach der vorübergehenden Absetzung der Jimmy-Kimmel-Show nicht in einen Shitstorm geraten wollte, verlängerte man den Vertrag mit Böhmermanns Produktionsfirma „Unterhaltungsfernsehen Ehrenfeld GmbH“ überhaupt. Doch nur mit starken Kürzungen: Statt 33 Folgen soll es 2026 nur noch 20 geben.
Die Reaktion des Senders ist ungewöhnlich – und ein verstecktes Schuldeingeständnis. Ändert sich die Sicht auf die Opfer von Böhmermanns Krawallberichterstattung? Im Fall des ehemaligen Präsidenten des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik, Arne Schönbohm, stellte sich das ZDF jedenfalls noch hinter den Satiriker. Als Böhmermann in seiner Sendung den Eindruck erweckte, Schönbohm pflege Kontakte zu russischen Geheimdiensten, und damit dessen berufliche Existenz vernichtete, griff Himmler nicht ein.

Geriet ins Fadenkreuz von Jan Böhmermann: Der ehemalige Präsident des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik, Arne Schönbohm
In der damaligen Ausgabe des ZDF-Magazins mit dem Titel „Wie eine russische Firma ungestört Deutschland hackt“ konnte Böhmermann in gewohnt gehässiger Art über den Sicherheitschef herziehen und ihn zum Sicherheitsrisiko für Deutschland erklären. „Das größte Sicherheitsrisiko ist immer noch der Mensch. Menschen, die auf Posten sitzen, wo sie nicht hingehören“, sagte er in der Sendung und deutete damit auf Schönbohm.
Für den hatten die Aussagen Konsequenzen. Das Innenministerium von Nancy Faeser degradierte Schönbohm auf einen anderen Posten. Der öffentliche Vorwurf damals: Faeser habe sich durch die vermeintlichen Enthüllungen vorschnell zur Entlassung verleiten lassen. Und das ohne einen triftigen Grund, wie sich später herausstellte. Schönbohm zog gegen das ZDF vor Gericht, welches dem Gebührenclown vier von fünf in der Sendung getätigten Aussagen untersagte.
Himmler hat „seinen Laden nicht im Griff“
Schönbohm beklagte im Anschluss, Himmler sei seiner Dienstaufsichtspflicht nicht nachgekommen: „Wenn man während des russischen Angriffskrieges den Präsidenten einer nationalen Sicherheitsbehörde derart beschuldigt, da kann man schon auf den Gedanken kommen, dass er seinen Laden nicht im Griff hat.“ Schönbohm sagte, der Beitrag habe zum damaligen Zeitpunkt die Sicherheit Deutschlands gefährdet und „hätte überhaupt nicht erscheinen sollen“. Außerdem forderte er den Intendanten auf, Präventionsarbeit zu leisten. Himmler solle erklären, „was er tut, damit so etwas nicht noch einmal geschieht“. Im Mittelalter habe es einen Pranger gegeben, „heute gibt es Jan Böhmermann“, so der Sicherheitspräsident damals.
Himmler muss sich wie der Vater eines schwer erziehbaren Sohnes fühlen, der nach seinen begangenen Dummheiten immer wieder von der Polizei vor der Haustür abgeliefert wird – den nächsten Skandal im Gepäck. Im Falle von Böhmermann sind es jedoch keine peinlichen Jugendsünden, für die Verantwortung übernommen werden muss, sondern schwere Aussetzer. Die klassische Gefährderansprache scheint bei Böhmermann nicht anzukommen.

Hier arbeitete die ehemalige Innenministerin Nancy Faeser noch mit Schönbohm zusammen, kurze Zeit später versetzte sie ihn.
Schon weit vor Schönbohm, in der letzten Ausgabe des ZDF-Magazins von 2020, versuchte Böhmermann, die Existenz des Querdenken-Gründers Michael Ballweg zu zerstören. In der Folge ernannte der Satiriker Ballweg zum „Corona-Unternehmer des Jahres“ und warf ihm vor, an der Corona-Protestbewegung mitzuverdienen. Direkt an Ballweg gerichtet, sagte er: „Das Finanzamt Stuttgart II lässt ausrichten: Du sollst bitte mal zurückrufen. Dringend. Es geht um was Ernstes.“ Laut Medienberichten sei danach eine ganze Flut von denunzierenden Mails beim Finanzamt in Stuttgart eingetroffen.
Die Staatsanwaltschaft in Stuttgart nahm die Ermittlungen auf – wegen Betrugs und Geldwäsche. Neun Monate wanderte Ballweg währenddessen in Untersuchungshaft, wie sich am Ende herausstellte, unschuldig. Ballweg stand in der Öffentlichkeit als dreister Selbstbereicherer dar, musste neun Monate hinter Gittern bleiben und seine Bewegung war ebenfalls diskreditiert.
Selbst Mordaufrufe blieben ohne Konsequenzen
Nicht ungewöhnlich für das System Böhmermann. Mit halb ausgereiften Recherchen tritt der Satiriker regelmäßig an die Öffentlichkeit, diffamiert, überlässt seine Opfer den Medien oder zieht sogar noch gegen sie vor Gericht. Konsequenzen bleiben aus. Selbst als der Satiriker in seiner Sendung öffentlich zum Mord aufrief, durfte er seinen Platz behalten: In der ZDF-Magazin-Sendung zur österreichischen FPÖ sagte er am Ende: „Nicht immer die Nazikeule rausholen, sondern vielleicht einfach mal ein paar Nazis keulen. Tschüss, bis nächste Woche.“
Nur wenige Male musste sich Böhmermann überhaupt der Kritik des eigenen Senders stellen. Etwa als er die Union 2023 auf seinem X-Account als „Nazis mit Substanz“ beschrieb. „Keine Sorge, die Nazis mit Substanz wollen nach aktuellem Stand voraussichtlich nur auf kommunaler Ebene mit Nazis zusammenarbeiten“, schrieb er damals und spielte auf das Sommerinterview von Friedrich Merz an, der sich nach Böhmermanns Empfinden nicht klar dazu geäußert hatte, nicht mit der AfD zusammenzuarbeiten.

Der Aufruf, Menschen zu keulen, war für Himmler damals scheinbar kein Grund zur Aufregung.
Führende CDU-Politiker wie Karin Prien oder der Mainzer CDU-Vorsitzende Gordon Schnieder kritisierten das ZDF daraufhin. Letzterer schrieb sogar einen Brief an den ZDF-Intendanten Himmler und forderte ihn zur Entschuldigung auf: „Bis dahin und somit bis zur Klärung der offenbar unklaren Haltung von Herrn Böhmermann dazu, was ‚Nazis‘ ausmacht, kann es nach unserem Verständnis vom Anspruch des ZDF eine weitere publizistische Tätigkeit des Herrn Böhmermann im ZDF nicht geben“, schrieb er laut der Deutschen Presse-Agentur.
Doch statt der öffentlichen Entschuldigung gab es nach Anfrage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gerade einmal eine mickrige Stellungnahme des Senders, nicht des Intendanten: „Das ZDF distanziert sich von der Äußerung von Jan Böhmermann, die in keinem Zusammenhang mit einer Produktion des ZDF steht. Das Schreiben von Herrn Schneider ist eingegangen und wird selbstverständlich beantwortet“, hieß es darin.
Wendet sich Himmler nun von seinem Chefhetzer ab?
Damit sich Himmler persönlich einmischte, musste Böhmermann erst den türkischen Staatspräsidenten beleidigen. In seinem Schmähgedicht, mit dem der öffentlich-rechtliche Witzbold bewusst die Grenzen des Sagbaren austesten wollte, hieß es damals unter anderem: „Am liebsten mag er Ziegen ficken und Minderheiten unterdrücken, Kurden treten, Christen hauen, und dabei Kinderpornos schauen.“
In seiner damaligen Rolle als Programmdirektor des ZDF sagte Himmler schon 2016 zu den Dichtungen, es gebe auch Grenzen der Ironie und Satire: „In diesem Fall wurden sie klar überschritten.“ Nachdem Himmler 2022 die Intendanz übernommen hatte, gab er gegenüber der ARD zu: „Böhmermann hat mich viele graue Haare gekostet.“

Böhmermanns Schmähgedicht versetzte damals nicht nur die Diplomaten in Aufregung, sondern auch die deutsche Medienlandschaft.
Immer Ärger mit Böhmermann. Während Himmler bei seinen öffentlich-rechtlichen Kollegen damals noch sagte, er sei froh, ihn zu haben, könnte es mit der Rückendeckung nun endlich vorbei sein. Das entscheidende graue Haar zu viel. Liefert sich Böhmermann noch einen Fauxpas, dürfte im Sender sein letztes Stündlein geschlagen haben. Erst wenn diese Reißleine allerdings gezogen ist, kann sich Himmler moralisch erhaben in die erste Reihe der Spendengala setzen. Ansonsten hat er höchstens ein Herz für Hetzer, nicht aber für die seriöse Berichterstattung seines Senders.
Lesen Sie auch: Medienbericht: ZDF wollte Böhmermann rauswerfen – Angst vor Shitstorm verhinderte Kündigung
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Eric Steinberg
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