Arche-Gründer Bernd Siggelkow: „Der Sozialstaat ist bankrott“
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Er selbst wuchs ohne Mutter auf und kümmert sich seit mehr als dreißig Jahren um Kinder in Not: 1995 gründete Pfarrer Bernd Siggelkow in Berlin-Hellersdorf das Kinderhilfswerk Arche, zu der heute deutschlandweit 32 Einrichtungen gehören, hinzu kommen Heime in Polen und der Schweiz für insgesamt rund 6000 Kinder. Was aus der Not geboren wurde, ist heute ein dichtes Netzwerk, das vor allem ärmeren Kindern warme Essen, Hausaufgabenhilfe und betreute Freizeit bietet.
Was in der deutschen Familienpolitik schiefläuft, landet schließlich bei ihm, sagt Siggelkow im Gespräch bei „Schuler! Fragen, was ist“.

Bernd Siggelkow im Gespräch mit NIUS-Politik-Chef Ralf Schuler
Seine Bilanz ist mehr als bitter: „Ich glaube, dass Deutschland sich an seinen Kindern versündigt. Auf der einen Seite gehen Menschen auf die Straße, gegen Rechts, gegen alles Mögliche, aber keiner geht auf die Straße für die Kinder. Wir merken, unser Bildungssystem wird immer schwächer. Den Kindern fällt es immer schwerer zu lernen. Wir haben ein erhöhtes Gewaltpotenzial, und seit Corona wissen wir, dass Kinder noch weiter abgehängt sind, als sie schon vorher abgehängt waren.“
Im Armuts- und Reichtumsbericht 2001 war von 1,2 Millionen Kinder in finanzieller Armut die Rede, sagt Siggelkow, „jetzt haben wir über drei Millionen. Die Armutsfallen haben sich verdreifacht, die Geburten sind zurückgegangen und es scheitert sozusagen die Politik mit ihren Rahmenbedingungen, die sie für Kinder schaffen müsste. Kinder haben keine Lobby in Deutschland, deswegen geht es ihnen wesentlich schlechter als uns Erwachsenen.“

Kindergrundsicherung: Die Ansätze der Politik sind „völlig unsinnig“
Löst also die in der Ampel heftig umstrittene „Kindergrundsicherung“ die Probleme? Eher nicht, sagt Siggelkow: „Die Kindergrundsicherung ist sicherlich ein richtiger Schritt in die richtige Richtung, wir fordern das seit vielen Jahren.
Aber die Ansätze, die dort stattfinden in der Politik, sind völlig unsinnig, weil die Familienministerin sich gar nicht auskennt. Sie weiß nicht: Muss eine Kindergrundsicherung zwei Milliarden kosten oder 12 Milliarden Euro, dann einigt sie sich auf einen faulen Kompromiss bei 2,5 Milliarden, davon gehen allein 400 Millionen Euro in die ‚Entbürokratisierung‘. Dieses Wort ist schon furchtbar, und man weiß, es entsteht noch mehr Bürokratie. Dann bleiben 2,1 Milliarden übrig, um damit 5,6 Millionen Familien zu versorgen. Da bleiben am Ende 30 Euro pro Monat pro Familie übrig, egal wie viele Kinder da sind und das ist schon ein völliger Unsinn.“

„Der gesellschaftliche Misserfolg ist leider der ‚Erfolg‘ der Arche“
Die Geschichte der Arche ist eigentlich die Geschichte staatlichen Versagens, sagt Siggelkow. Angefangen hat alles ganz klein. „Ich habe damals viele Kinder auf Spielplätzen gesehen und habe mich immer gewundert, dass da keine Eltern dabei sind. Irgendwann bin ich mit dem Ball auf die Straße und habe mit den Kindern Fußball gespielt. Ich habe mir gedacht, irgendjemand wird schon kommen und mich ansprechen. Das passierte aber nicht, im Gegenteil: Die Kinder klingelten mittwochs an meiner Tür und sagten: Bist du Bernd, wir haben gehört, du gehst mittwochs auf die Spielplätze, wir wollen dich abholen.
So entstand das alles. Irgendwann haben die Kinder gesagt, können wir nicht mal zu dir hochkommen? Dann haben meine Familie und ich, meine Kinder mit diesen Kindern gespielt und haben sie beschäftigt. Dann haben wir einen Laden angemietet, ein Jugendclub, später eine ganze Schule und mittlerweile expandieren wir immer mehr, weil der gesellschaftliche Misserfolg leider der ‚Erfolg‘ der Arche ist.“
Auch die Problematik der Migration spricht Siggelkow an und sieht vor allem ein Problem in der Versorgung: „Wir sagen: Kommt in unser Land, wir brauchen euch. Aber wir haben keinen Wohnraum. Wir haben keine Schule. Wir haben keine Kitaplätze. Und wie lange soll das so weitergehen? Unser Sozialstaat ist, wenn man ehrlich ist, bankrott. Wie soll er all die Kosten noch aufbringen?“
Das ganze Gespräch sehen Sie hier:
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Ralf Schuler
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