Riesen-Zoff um die Impfsicherheit in der Corona-Enquete: Wie im Bundestag zwei Welten aufeinanderprallen
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Felix PerrefortIn der Corona-Enquete-Kommission des Bundestags treffen grundlegend unterschiedliche Bewertungen der Covid-19-Impfstoffe direkt aufeinander – und auch über die zugrunde gelegten Tatsachen ist man sich nicht immer einig. Positionen, die sich zuvor meist in getrennten Öffentlichkeiten bewegten, stehen sich nun im selben Raum gegenüber. Das Thema der jüngsten öffentlichen Anhörung: „Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems, Impfstrategie und Forschung“.
NIUS rekonstruiert die Positionen, die am Donnerstag rund um die Impfstrategie aufeinanderprallten – ganz ohne Framing: weder in die eine noch in die andere Richtung.
Die Position Sterz: fundamentale Kritik an Zulassung und Sicherheit
Dr. Helmut Sterz ist promovierter Pharmakologe und war viele Jahre in der Arzneimittelentwicklung tätig, unter anderem bei dem Pharmaunternehmen Pfizer. Dort arbeitete er im Bereich der präklinischen Forschung und der Bewertung von Wirkstoffsicherheit. Auch nach seinem Ausscheiden aus der Industrie verfolgte er die Entwicklung neuer Arzneimittel und Impfstoffe weiterhin aus fachlicher Perspektive. In der Anhörung tritt er als kritischer Experte auf, der insbesondere die regulatorischen und toxikologischen Grundlagen der Covid-19-Impfstoffe infrage stellt.
Sterz entwickelt seine Argumentation als geschlossenes Gegenbild zur bisherigen Pandemiepolitik. Ausgangspunkt ist ein grundlegender Zweifel an der Sicherheit der Impfstoffe: „Die Sicherheit dieser Vakzine wurde vorgetäuscht“, ist er sich sicher.
Seine Kritik richtet sich vor allem auf das Zulassungsverfahren. Nach seiner Darstellung seien zentrale Prüfungen unzureichend durchgeführt worden: „Die Zulassung erfolgte im Schnelldurchgang. Das bedeutete, dass essenzielle Toxizitätsstudien der Schnelligkeit geopfert worden sind – ohne akzeptable Begründungen.“

Dr. med. Helmut Sterz wurde auf Vorschlag der AfD in den Ausschuss berufen.
Auf Nachfrage konkretisiert er mögliche Risiken. Zum Thema Krebs erklärt er: „Das karzinogene Risiko wurde aus Zeitgründen nicht untersucht. Ich finde es sehr bedenklich und auch bedauerlich, dass keine alternativen Untersuchungen durchgeführt wurden.“ Auch die Studienlage zur Fortpflanzung bewertet er kritisch: „Eine Studie an Ratten wurde mangelhaft durchgeführt. Damit waren keine verlässlichen Abschätzungen zur Wirkung des Impfstoffs auf die Trächtigkeit oder die Entwicklung der Nachkommen möglich.“
Sein Gesamturteil fällt entsprechend grundsätzlich aus: „Ich kenne bei vergleichbarer Indikation keinen Fall, in dem all diese Studien weggelassen wurden.“ Daraus zieht er eine weitreichende Schlussfolgerung: „So führte die Zulassung zu verbotenen Menschenversuchen.“
Nebenwirkungen und Daten: Streit um Zahlen und Interpretation
Ein weiterer Schwerpunkt seiner Argumentation ist die Bewertung der Nebenwirkungsdaten. Sterz verweist auf frühe Post-Marketing-Berichte: „Pfizers Post-Marketing-Bericht sprach von über 1200 Todesverdachtsfällen innerhalb von nur zwei Monaten nach der Zulassung.“ Für Deutschland nennt er Meldungen an das Paul-Ehrlich-Institut: „Das Paul-Ehrlich-Institut erhielt bisher 2133 Meldungen über Todesfälle nach Comirnaty.“ Entscheidend ist für ihn jedoch die Interpretation dieser Zahlen: „Bei diesen Spontanmeldungen gibt es eine hohe Dunkelziffer durch Underreporting. Die wirkliche Zahl liegt viel höher.“
Daraus leitet er eine Hochrechnung ab: „In den USA geht man von einem Underreporting-Faktor von 30 aus. Für Deutschland entspräche das 60.000 Todesfällen durch die Impfung.“ Auch das Nutzen-Risiko-Verhältnis stellt er grundsätzlich infrage: „Comirnaty wurde in der klinischen Entwicklung gar nicht auf die Vermeidung schwerer Erkrankungen oder Todesfälle untersucht.“
Zusätzlich äußert Sterz Kritik an der Herstellung der Impfstoffe. Nach seiner Darstellung habe sich das Produkt zwischen Studienphase und Massenanwendung verändert: „Für die klinische Prüfung vor der Zulassung wurde ein hochreiner Stoff verwendet.“ Die Bevölkerung habe hingegen einen anders hergestellten Impfstoff erhalten, „mit signifikanten Verunreinigungen mit bakterieller DNS“. Daraus schließt er: „Die Folge könnte ein erheblich erhöhtes Krebsrisiko sein.“
Die Gegenposition Lauterbach: Verweis auf globale Datenlage
Karl Lauterbach widerspricht diesen Darstellungen entschieden. Er beginnt mit einer grundsätzlichen Einordnung: „Die Äußerungen meines Vorredners sind bestürzend.“ Zentral ist für ihn die Frage der Datenbasis: „Es kann mitnichten gesagt werden, dass die Impfstoffe unzureichend getestet worden sind.“ Im Gegenteil betont er die außergewöhnliche Breite der Datenlage: „Es gibt überhaupt keinen Impfstoff, den wir jemals auf den Markt gebracht haben, der so intensiv untersucht worden ist wie die SARS-CoV-2-Impfstoffe.“

Karl Lauterbach wurde auf Vorschlag der SPD eingeladen.
Als Grundlage nennt er die weltweite Anwendung – „Wir müssen davon ausgehen, dass insgesamt über eine Milliarde Impfungen stattgefunden hat“ – sowie die Auswertung von Nebenwirkungsmeldungen: „Allein das Paul-Ehrlich-Institut hat 350.000 Meldungen auf Verdachtsfälle geprüft.“
Zurückweisung konkreter Risiken
Auf die von Sterz angesprochenen Risiken reagiert Lauterbach mit klaren Gegenpositionen. Zur Fruchtbarkeit: „Es gibt keinerlei Hinweise dafür, dass es zum Beispiel eine negative Beeinflussung der Fruchtbarkeit gegeben hätte.“ Zu möglichen Krebsrisiken: „Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass es zusätzliche Krebsfälle gegeben hätte.“ Er verweist zudem auf Studienergebnisse aus der Onkologie: „Bei Patienten in Krebstherapie wurde das mediane Überleben um 75 Prozent erhöht.“
Auch die Zunahme von Autoimmunerkrankungen sieht er nicht bestätigt: „Es hat auch keine erhöhte Anzahl von Multipler Sklerose gegeben, von Autoimmunerkrankungen.“ Nebenwirkungen bestreitet er nicht grundsätzlich, ordnet sie jedoch ein: „Die schweren Nebenwirkungen, die es auch gab, nämlich Myokarditis, Perikarditis und TTS, sind untersucht worden.“
Wo weniger geimpft wurde, sei mehr gestorben worden
Lauterbach begründet die Impfstrategie mit epidemiologischen Entwicklungen. Er verweist auf sinkende Impfbereitschaft im Verlauf der Pandemie: „Wir hatten ab Herbst 2021 einen Rückgang des Interesses an Erstimpfungen.“ Daraus leitet er eine klare Bewertung ab: „Wir hätten im Winter 2021/22 deutlich weniger Todesfälle gehabt, wenn die Impfquote höher gewesen wäre.“ Auch regionale Unterschiede hebt er hervor: „In den Bundesländern, wo die Impfquote niedriger war, sind mehr Menschen gestorben.“

Als einstiger Gesundheitsminister noch immer massiver Kritik ausgesetzt: SPD-Politiker Karl Lauterbach.
Ein zentraler Punkt seiner Argumentation ist der Umgang mit Kritik selbst. Lauterbach sieht in Teilen der Impfdebatte gezielte Desinformation: „Es wurden systematisch Fehlinformationen und Fake News zu den Impfungen gestreut.“ Die Folgen bewertet er als gravierend: „Diese Zweifel, die über die weltweite Studienlage hinweggehen, sind auch tödlich.“ Mit Blick auf zukünftige Krisen warnt er: „Wenn wir eine neue Pandemie bekommen, würden diese Zweifel die Bereitschaft der Bevölkerung, an Impfprogrammen teilzunehmen, deutlich reduzieren.“
Zwei unvereinbare Welten
Die Anhörung macht deutlich, wie grundlegend die Differenzen sind. Die Positionen widersprechen sich nicht nur in der Bewertung, sondern in den zugrunde gelegten Tatsachen. Sterz argumentiert, zentrale Sicherheitsprüfungen hätten gefehlt, Risiken seien nicht ausreichend untersucht und Nebenwirkungen systematisch unterschätzt worden. Lauterbach hingegen betont eine außergewöhnlich breite Datenbasis, sieht keine Hinweise auf die behaupteten Risiken und bewertet die Impfstoffe als umfassend geprüft.
Auch bei der Interpretation von Zahlen stehen sich zwei Ansätze gegenüber: auf der einen Seite die Annahme hoher Dunkelziffern und unvollständiger Daten, auf der anderen Seite der Verweis auf internationale Studien und umfangreiche Auswertungen. Damit wird sichtbar, warum die Debatte so scharf geführt wird: Es geht nicht nur um unterschiedliche Einschätzungen derselben Fakten. Es geht um zwei Welten, die sich gegenseitig ausschließen.
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