Historiker Andreas Rödder über Merz' Führungsanspruch: „Außenpolitische Führung verlangt innenpolitische Opfer“
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Vor dem Hintergrund der „tektonischen Verschiebungen“ in der Weltpolitik müssten kleinliche innenpolitische Debatte etwa über die Rente weniger wichtig genommen werden, sagte Kanzler Friedrich Merz (CDU) unlängst auf dem Münchner CSU-Parteitag. Der Mainzer Historiker Andreas Rödder, selbst CDU-Mitglied und einer der prominentesten Vordenker konservativer Politik, widerspricht im Gespräch bei „Schuler! Fragen, was ist“ deutlich:
Das ganze Interview sehen Sie hier:
„Und da liegt natürlich das Problem, dass nur eine vitale Demokratie außenpolitisch stark sein kann. Das heißt, man kann innen und außen nicht trennen und darf die inneren Belange zugunsten der äußeren nicht vernachlässigen, sondern die eigentliche politische Führungskunst liegt darin, beides miteinander zu vereinbaren. Deutschland hat die außenpolitische Führung, viel zu lange vernachlässigt. Da leistet Merz einen Beitrag. Aber man darf das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Die eigentliche Staatskunst besteht darin, der außenpolitischen Führung jetzt die innenpolitische Reform an die Seite zu stellen. Denn das muss man zusammendenken. Das ist ein Gesamtpaket, das dieses Land dringend notwendig hat.“
Geringschätzigkeit gegenüber innenpolitischen Reformen
Merz hatte in München erklärt: „Wir werden eines Tages nicht danach gefragt, ob wir die Haltelinie in der Deutschen Rentenversicherung für ein Jahr weniger oder ein Jahr länger gehalten haben. Wir werden danach gefragt, ob wir unseren Beitrag geleistet haben, und zwar den maximalen Beitrag, den wir leisten konnten, zum Erhalt von Freiheit und Frieden, einer offenen Gesellschaft, einer marktwirtschaftlichen Ordnung mitten in Europa.“

Friedrich Merz beim CSU Parteitag im Dezember 2025
Rödder versteht den Grundansatz des Kanzlers, hält die Geringschätzigkeit gegenüber innenpolitischen Reformen aber für einen Fehler: „Außenpolitische Führung verlangt auch innenpolitische Opfer. Da hat Friedrich Merz recht. Aber Außenpolitik läuft eben nicht getrennt von Innenpolitik ab. Ich habe immer wieder vor Augen, das lange Telegramm von George F. Kennan aus dem Februar 1946 im Übergang zum Kalten Krieg, als Kennan sagte: Es sind zwei Dinge notwendig, um in diesem System-Konflikt zu bestehen, nämlich Stärke nach außen und Stärke von innen.“
Kein Beiwerk, sondern Grundlage
Innenpolitische Stärke ist nicht die Garnierung auf dem Salat, sondern Grundlage der Außenpolitik
Die innenpolitische Stärke eines Landes sei eben gerade keine zu vernachlässigende Kleinigkeit (lat. Quisquilie), sondern die Grundlage und Voraussetzung für die Handlungsfähigkeit auf internationaler Bühne, so der Historiker in den Gespräch bei „Schuler! Fragen, was ist“.
„Es geht ja hier nicht um Quisquilien! Selbst die Haltelinie von 48 oder 47 Prozent ist keine Quisquilie, wenn sich das zu riesigen Beträgen aufsummiert, die die sozialen Sicherungssysteme nicht mehr finanzierbar machen. Außenpolitische Stärke können sie nur aufgrund innenpolitischer Vitalität entwickeln, deshalb ist diese innenpolitische Stärke nicht so etwas wie Beiwerk oder Garnierung auf dem Salat oder so etwas, sondern es ist die Grundlage, die außenpolitische Stärke trägt.“
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Ralf Schuler
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