Kampf um jedes Prozent: Was die Bayern-Wahl fürs ganze Land bedeutet
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„Super Stimmung! Super Rückenwind!“, ruft Markus Söder in den randvollen Saal des Münchner „Löwenbräukellers“ zum offiziellen Wahlkampfabschluss der CSU am Freitagabend. NIUS ist vor Ort.
Das Wirtshaus geht förmlich unter in Weiß-Blau, schmetternde Blasmusik besiegt jeden Plauderversuch. Es gibt Bier und Brezn und eine zünftige Brotzeit. Das Ganze geht aufs Haus bzw. die CSU. Wenn’s ums große Ganze geht, soll niemand im Portemonnaie nach Kleingeld suchen müssen.
„Super Stimmung! Super Rückenwind!“ – was man so ruft vor johlenden Anhängern, die zwischendrin „Markus! Markus!“ skandieren und die man ohnehin auf seiner Seite hat. Und doch schwingt in der gespielten Euphorie auch immer ein Gutteil Beschwörung mit, denn so ganz ungetrübt ist die Siegesgewissheit der christsozialen Dauerregenten nicht. „Diese Wahl ist noch nicht entschieden, aber sie ist entscheidend“, sagt der eigens zur Unterstützung aus Düsseldorf angereiste NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) am Rednerpult, nimmt einen Schluck irgendwas-statt-Bier aus seinem Tonkrug und triff damit die wahre Stimmung der CSU-Leute auf den Punkt.

Prost Bayern! Söder und Wüst am Freitag in München
Bewahren, was draußen ins Rutschen kommt
Denn dass es für die CSU eng und enger wird, das spürt nicht nur die Basis, das wissen auch die Realisten in der Parteispitze, die sorgenvoll ins restliche Europa schauen, wo die klassisch konservativen Parteien nahezu verschwunden sind und für so genannte „Rechtspopulisten“ Platz machen mussten. „Nur Volksparteien können das Land zusammenhalten“, ruft Söder den Zuhörern zu, die das genauso sehen.
„Ich will, dass Bayern Bayern bleibt, auch wenn die Welt langsam verrückt wird.“ Ein raffinierter Satz, der kraftvoll („ich will“) klingt, in dem bange Ausblicke mitschwingen, und er an den untergründigen Wunsch der Menschen appelliert, festzuhalten, zu bewahren, was da draußen ins Rutschen kommt.
Dutzende, ja hunderte Male hat Söder diese Sätze in die Menge gerufen, ein Programm im Wahlkampf absolviert, das an die physischen Grenzen ging. 110 Bierzelte und 725 weitere Veranstaltungen hat er hinter sich gebracht, weil er und seine Strategen wissen, wie eng es ist. „Ich liebe den Bayerischen Defiliermarsch. Aber langsam kenne ich ihn.“ Es ist dieser frotzelnde Unterton, der seine Kraftanstrengung nicht erschöpft, sondern spaßig rüberbringen soll. Für diese letzte Rede haben sie nichts geändert. Ausdauernde Beobachter können jede einzelne Passage mitsprechen, aber weil es um alles geht, habe man keine Experimente mehr machen wollen. Die Bedrohungslage für die beiden AfD-Vorsitzenden Alice Weidel und Tino Chrupalla findet denn auch keinen Eingang in den Wahlkampfabschluss.

Nach 110 Bierzelt-Reden im Wahlkampf der Abschluss im Löwenbräukeller
Die letzten Umfragen sehen die CSU bei 37 Prozent. Das wäre eine Wiederholung des Ergebnisses von 2018 (37,2%) und würde für Söder schon als Erfolg gelten. Eine eigene letzte Umfrage der CSU wird indes geheimgehalten. Schwankungen um einige Prozentpunkte sind immer drin und können über Top oder Flop für Söder entscheiden: Übertrifft er sein letztes Ergebnis, ist er der Held, bleibt er etwas drunter, wird es als passabel nach schwerem Kampf in schwerer Zeit gelten und fürs Weitermachen wie bisher mit den Freien Wählern reichen. Sackt die CSU deutlich ab, wird es Diskussionen über Kurs und Personen geben, auch wenn Söder selbst vorerst – mangels Alternativen – unangefochten ist.
„Söder hat Glück, dass er keinen Söder im Nacken hat“, sagt ein enger Vertrauter und spielt auf den Ehrgeiz und die hinterhältige Energie des Franken an.
Freie Wähler legen kräftig zu
Vor allem an die Freien Wähler (FW) von Vizeministerpräsident Hubert Aiwanger haben sie seit der „Flugblatt-Affäre“ verloren, erzählen einem Insider. Gerade auch in Oberbayern, dem stärksten Stimmbezirk und Homeland der CSU. Söder verteidigt sein Festhalten an Aiwanger, weil „ein 35 Jahre altes Flugblatt“ ja nun kein Kündigungsgrund sei, weil diese Formulierung genau die Meinung an Stammtischen und in sozialen Netzwerken trifft.
Dort hatte man die Affäre um die üble antisemitische Suada aus Aiwangers Schulranzen vor allem als Prüfstein gesehen, ob Söder vor den linken Angreifern mit ihrem moralischen Normsetzungsanspruch einknicken und seinen Vize rauswerfen würde. Dass er es nicht tat, dass er gegen Medien und Mitbewerber stand, hat einige versöhnt, konnte aber nicht verhindern, dass Aiwanger („ihr in Berlin habt’s wohl den Arsch offen!“) mit seinen markigen Auftritten in der Popularität kräftig zulegte (aktuell 15%) und auch von der CSU Stimmen abzog, die genau diese alte, traditionelle Derbheit bei der Union vermissen.

Bierzelt-König: Aiwanger beim Wahlkampf-Abschluss der Freien Wähler beim Mainburger „Gallimarkt“
Von Kanzlern und Kreml-Knechten
„Ich habe nichts gegen Grüne – wenn’s nicht zu viel werden“, sagt Söder, macht sich über den uncharismatischen Kanzler lustig und nennt die AfD „Kreml-Knechte von Putin“... Es ist ein besonders liebevoll und lang auszelebrierter Teil am Ende der Wahlkampfauftritte, bei dem er beschreibt, warum es so wichtig ist, gerade keine Experimente mit anderen Parteien zu machen und beide Stimmen der CSU zu geben, der verrät, wie bewusst ihm und seinen Strategen die kippelige Lage ist.
Denn für Söder geht es in diesem Wahlkampf nicht nur um Bayern. Wenige Prozentpunkte ober- oder unterhalb der 35-Prozent-Marke entscheiden auch darüber, ob er noch eine Rolle im Bund, im Rennen um die Kanzlerkandidatur der Union spielen wird, und wenn ja, welche. Fährt er ein schwaches Ergebnis ein, so wird er wohl mit Aiwanger weiterregieren können (damit rechnen alle), aber er wird eigene Machtansprüche kaum noch anmelden können und lediglich noch ein Mitspracherecht haben.
Die Ampel in die Wüste schicken
Dass Söder diesen Machtwillen hat, zeigt die Einladung an NRW-Regierungschef Hendrik Wüst zum Wahlkampfabschluss. Wer politische Zeichen lesen kann, der erkennt darin einen – freilich völlig harmlos und unschuldig – inszenierten Schulterschluss zwischen München und Düsseldorf, gegen den es auch für CDU-Chef Friedrich Merz schwer wäre, seine Kanzlerkandidatur durchzusetzen. Schwer, aber nicht unmöglich, sagen sie in der CSU-Spitze. Und diesmal könnte sich niemand Querschüsse und offene Attacken auf den Kanzlerkandidaten leisten.
Denn: „Wir sind die starke bürgerlich-konservative Kraft und werden die Ampel 2025 in die Wüste schicken“, hämmert Söder fast schon unter dem Johlen der Anhänger in den Saal. Wieder so ein Satz, in dem sich Wunsch und Wille die Waage halten.
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Ralf Schuler
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