Linken-Ikone vor Neugründung: Wer hat Angst vor der Wagenknecht-Partei?
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Wie Kaninchen starren derzeit gar nicht wenige von der Linken, der AfD und der Union auf eine Schlange namens Sahra Wagenknecht.
- Wird die einstige Sprecherin der „Kommunistischen Plattform“ die Linke spalten, sie um den Fraktionsstatus im Bundestag bringen, sie in den Abgrund einer gescheiterten Partei stürzen?
- Wird sie der AfD, die sich derzeit hoffnungsvoll als einzige deutsche Protestpartei gebärdet, so viele Wähler abspenstig machen, dass deren Traum von der Alternativlosigkeit eigener Königsmacherei bald schon endet?
- Beschert sie der Union dann eine dauerhafte Schwächung der AfD – und somit Chancen aufs weitere Durchwursteln ohne Distanzierung von Merkels Fehlern?
- Und warum tut Sahra Wagenknecht, was sie da vielleicht wirklich tun wird?
- Hat sie sich wohl gehäutet beim Weg von einer strammen Kommunistin, die noch 1989 der SED beitrat, zur angeblichen Rechtspopulistin?
- Oder hat sie einfach begriffen, was wirklich zu den unübersehbaren Wählerwanderungen von der Linken zur AfD führte, und geriet bei realistischer Ursachenanalyse eben in linke Tabubereiche?
Vielleicht wirkt sich die – gerade von Elitengruppen befürwortete – selbstermächtigte Zuwanderung nach Deutschland ja tatsächlich zum Nachteil gerade der einfachen Leute aus, die nun mit Migranten um bezahlbaren Wohnraum sowie um bisherige alltagspraktische Selbstverständlichkeiten zu konkurrieren haben.
Oder darf denn die deutsche Unterschicht nicht auch ganz legitime Eigeninteressen haben beim Verteilungskampf um jene Milliarden von Euro, die Deutschlands Sozialstaat auf unabsehbare Zeit jährlich für Migranten ausgeben wird? Allerdings gilt in solchen Zusammenhängen als rechtsradikal, was unter anderen Umständen als links durchginge. Deshalb kann die Linke die erforderlichen Debatten nicht unbeschadet in den eigenen Reihen führen. Also gerät sie in Erklärungsprobleme und verliert Wähler, die ihre Interessen nun von der AfD artikuliert sehen.

Sahra Wagenknecht und die Linke wollen nicht mehr zusammen.
Musste das so kommen? Hier lohnt die Erinnerung an die klassische „Sozialistenspirale“. Die geht so: Je reiner die Lehre, desto kleiner der Kreis ihrer Anhänger. Um so unwahrscheinlicher werden dann auch machtverschaffende Wahlerfolge, was wiederum auf den Weg ins Sektierertum geleitet. Trennt sich Deutschlands Linke um ihrer „rein linken“ Identität willen von ihren „Rechtsabweichlern“ um Frau Wagenknecht, dann trennt sie sich eben auch von politischem Einfluss und der weiteren Rolle als Bundestagspartei. Übernähme die dann aber eine „Wagenknecht-Partei“?
Erfolg von neuen Parteien erfahrungsgemäß gering
Es ist ganz selten, dass eine neu gegründete Partei in Deutschland Erfolg hat. Dafür braucht es nämlich Führungspersönlichkeiten mit sowohl Charisma als auch Stehvermögen, eine auf peinliches Verhalten verzichtende Mitgliedschaft – und vor allem eine Repräsentationslücke, in der die Neugründung gedeihen kann. Die Grünen profitierten einst von einer Repräsentationslücke links der SPD, die AfD-Gründer von einer rechts der Merkel-CDU. Doch den möglichen politischen Ort einer Wagenknecht-Partei besetzt nun eine sozialpolitisch argumentierende AfD. Peinlichkeiten werden allen Wagenknecht-Anhängern gewiss jene Medien zutreffend oder böswillig zuschreiben, deren Lieblinge die Grünen sind.
Und Charisma hat zwar Sahra Wagenknecht. Doch auch andere aus ihrer Führungsriege? Vor allem aber erwies Frau Wagenknecht wenig Stehvermögen, als es um die von ihr selbst gegründete Sammlungsbewegung „Aufstehen“ ging. Vermutlich ist sie besser beim Denken und Argumentieren als beim Anführen und Durchsetzen.

Die Politikerin Sahra Wagenknecht (Die Linke) kommt zur Trauerfeier für den ehemaligen DDR-Ministerpräsidenten Modrow in den Münzenberg-Saal am Franz-Mehring-Platz. Wagenknecht lehnt die Forderung der Parteispitze ab, ihr Bundestagsmandat abzugeben.
Wichtiger fürs Verstehen jener Vorgänge ist es ohnehin, auf Tieferliegendes zu achten. Weil die Linke seit ihrem Aufkommen in der Französischen Revolution ihre Positionen am liebsten theoretisch-ideologisch definiert, ist gerade ihr die Reinheit der jeweiligen Lehre wichtig. Deshalb findet sie regelmäßig Anlass, Abweichler und Revisionisten scharf zu bekämpfen. Parteispaltungen sind die Folge. Obendrein passt linke Theorie selten zum realen Funktionieren der Wirklichkeit. Deshalb treffen linke Bannflüche oft die Falschen. Etwa hat die AfD als jetzige Partei der – zumal ostdeutschen – Arbeiter- und Handwerkerschaft doch wirklich einen traditionell von der Linken anzusprechenden Wählerstamm. Im Übrigen zeigt sich einmal mehr, wie zuverlässig die für Sozialisten übliche Verbindung aus empirisch falscher Theorie und rhetorischer Arroganz die eigene Partei ruiniert.
Ob also Frau Wagenknecht nun eine neue Partei gründet oder nicht: Die Linke, derzeit nicht durch Außendruck zusammengeschweißt wie die AfD, wird in den kommenden Jahren wohl aufs Neue der „Sozialistenspirale“ verfallen.
Und vielleicht wäre das sogar gut für unser Parteiensystem. Ohne eine starke Linke, von der sie sich abgrenzen muss, könnte nämlich die SPD wieder linker werden – und nicht nur immer „woker“ nach dem Vorbild der Grünen. Dann müsste die SPD auch nicht mehr allein in der politischen Mitte mit der Union konkurrieren. Das wiederum erlaubte es dieser, eine Partei auch wieder von Rechten zu werden, diese also nicht länger allein der AfD zu überlassen.
Doch schon Heraklit wusste, dass niemand zweimal in denselben Fluss steigt. Also wird sich auch bei künftiger Bedeutungslosigkeit der – einst von der KPD über die SED zur PDS gewordenen – Linken nicht das einstige, zu unser aller Vorteil recht übersichtliche Parteiensystem Deutschlands wiederherstellen. Und noch können wir nicht wissen, ob das eine ehr gute oder eine eher schlechte Nachricht ist.
Werner Patzelt ist Politikwissenschaftler und war von 1991 bis 2019 Inhaber des Lehrstuhls für Politische Systeme und Systemvergleich an der TU Dresden
Lesen Sie auch den Gastbeitrag von Werner J. Patzelt: Der einzige Weg, die AfD zu bändigen, ist sie einzubinden
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