Linksterroristin jetzt frei: Der Folterengel von Leipzig
- Der Haftbefehl gegen Linksterroristin Lina Engel wurde aufgehoben, sie ist wieder auf freiem Fuß
- Richter und Teile der Öffentlichkeit überbieten sich mit Verständnis für die junge Täterin mit dem Engelsgesicht.
- Dabei war sie die heimtückische Anführerin einer Bande, die besonders brutal vorging - und Opfer regelrecht folterte.
Es ist Mittwochvormittag in einem Gerichtssaal. Das Oberlandesgericht Dresden will endlich urteilen, nach fast hundert Prozesstagen. Die Bundesanwaltschaft fordert hohe Strafen, die Verteidigung den Freispruch. Es ist eine Frage von Schuld und Unschuld. Brutale Selbstjustiz haben die Angeklagten in die Säle der echten Justiz gebracht. Nun stellt sich die Frage: Ist diese junge Frau, mit den großen Augen und dem weichen runden Engelsgesicht die Anführerin einer brutalen linksextremistischen Gruppierung? Ist sie dazu fähig, die Folter von mehreren Menschen zu planen und auszuführen?
Nach den Schlussvorträgen beider Seiten wird den Angeklagten das letzte Wort vor der Urteilsverkündung zugesprochen. Nach der deutschen Prozessordnung steht ihnen das zu, doch die Mitangeklagten schweigen lieber. Doch Lina Engel ergreift das Wort und bedankt sich bei ihren Eltern, ihren Verteidigern und Unterstützern. Eben den Unterstützern, die sie zu einer Ikone gemacht haben. Nicht weil sie glauben, dass sie unschuldig ist, wie ihre Verteidiger behaupteten. Sondern weil sie von ihrer Schuld überzeugt sind - und lieben sie dafür. Lina Engel Scheint sich in der Rolle wohlfühlen. Als sie den Gerichtssaal betrat, jubelten ihre Anhänger - sie reagierte mit Kusshändchen.

Die Hammerbande in Freiheit vereint
Die Justiz befand: Lina Engel war tatsächlich zu all den Gräueltaten fähig, die man ihr vorwarf. Das Gericht sprach sie unteranderem wegen Mitgliedschaft an einer kriminellen Vereinigung und gefährlicher Körperverletzung schuldig und verurteilte sie zu einer Haftstrafe von fünf Jahren und drei Monaten. Zwischen Oktober 2018 und Februar 2020 verübte die Gruppe sechs Angriffe auf vermeintliche und tatsächliche Neonazis und verletzen 13 Menschen zum Teil schwer. Diese junge Frau mit dem Engelsgesicht ist nicht so unschuldig wie sie aussieht. Sie ist eine extrem gefährliche Linksextremistin, die sich gemeinsam mit ihren Kumpanen auf systematische Menschenjagd gemacht hat - für die Sache.
Sie war der Kopf dieser Bande - doch ist sie nun geläutert? Noch am selben Tag, nur Stunden nach der Urteilsverkündung setzte der vorsitzende Richter Hans Schlüter-Staats die Haftstrafe unter Auflagen aus. Bis das Urteil rechtskräftig wird - und das kann dauern, kommt sie auf freien Fuß. Woher dieses Vertrauen? Ist die Frau, die nun festgestellt die Anführerin der Hammerbande war, wirklich keine Gefahr mehr? Bereut Lina Engel, die ihren Anhängern Kusshände zu wirft, ihre Taten wirklich? Auch die Haftstrafen der anderen Angeklagten wurden unter Auflagen ausgesetzt, auch sie sind auf freiem Fuß. Nach dem Urteil in Freiheit wiedervereint.

Doch so viel wie gegen sie gesprochen haben mag, so viel sprach auch für sie - zumindest sah das der Richter so. Strafmildernd kam ihr so einiges zu Gute. Die Rheuma-Erkrankung, die sie sich in Haft zu gezogen hat, die Tatsache, dass die Presse so viel über sie berichtet hat. Der „Heldenstatus“, den sie durch den Prozess erlangt hat, sei ihre „größte Hypothek“. Wenn man wieder an die Küsschen denkt, die sie an ihre jubelnden Anhänger verteilte, fällt dieser Schluss schwer. Weiter hat sie in ihrer Haft eine Tischlerausbildung gemacht. Sie plant ihr Sozialpädagogikstudium fortzuführen. Das einer eine hat mit Hämmern zu tun, das andere mit Kindern. Beides nichts, was man einer nun vorbestraften Frau anvertrauen würde, die ab und zu mal Leute quält. Doch es kommt ihr auf der Anklagebank zugute
„Tretet auf den Kopf, ihr sollt auf den Kopf treten!“
So wurde Enrico B., ein ehemaliger Stadtrat der NPD, 2018 vor seinem Haus in Leipzig von mehreren maskierten Personen angegriffen. Im Prozess erinnert er sich wie folgt: „Das waren keine gewöhnlichen Schläge, die Angreifer müssen Erfahrung im Kampfsport gehabt haben. Das leite ich daraus ab, dass normalerweise auf Kopf und Gesicht gezielt wird. In diesem Fall wurde jedoch zuerst gezielt auf die Kniegelenke eingetreten. Als ich dann am Boden lag, wurde Pfefferspray verwendet. Dann hörte ich jemanden sagen: ,Tretet auf den Kopf, ihr sollt auf den Kopf treten‘. Und das ist dann auch passiert.“ Berichte über andere Angriffe sind ähnlich brutal: Im gleichen Monat wird er Rechtsextremist Cederic S. in Wurzen von Vermummten überfallen. Sie schlagen mit Totschlägern auf ihn ein. Es kommt zu mehreren Brüchen der Wirbelsäule, zeitweilig besteht Lebensgefahr.

Anfang 2019 attackiert die „Hammerbande“ den Kanalarbeiter Tobias N. Er arbeitet gemeinsam mit Kollegen in der Bornaischen Straße in Leipzig Connewitz. Plötzlich schlagen mehrere Vermummte auf ihn ein. N. wird lebensgefährlich verletzt. Unter den Angreifern soll eine Frau sein. Die Schläger brüllen: „Das ist ein Nazi, der hat das verdient.“ Motiv des Überfalls: Tobias N. trägt im Winter eine Mütze des rechten Modelabels „Greifvogel Wear“.
Im Oktober selben Jahres folgt der Überfall auf die Eisenacher Rechte-Szene-Kneipe „Bull`s Eye“. Sie gehört Leon R.. Der Wirt und fünf Gäste werden mit Baseballschlägern angegriffen.
Ihr Freund ist seit über zwei Jahren untergetaucht
Knapp zwei Monate später wird Leon R. von Freunden nach Hause gefahren. Beim Aussteigen attackieren ihn Vermummte. Er wehrt sich. Da schlagen die Angreifer mit Hämmern auf das Auto – und stechen mit Stangen auf die Fahrzeuginsassen ein. Eine Frauenstimme, berichtet R., soll den Rückzug befohlen haben. Die alarmierte Polizei kann zwei Fahrzeuge stoppen: In einem VW Golf sitzen Lina Engel und Lennart A., der Wagen gehört der Mutter von Lina E., die angebrachten Kennzeichen sind gestohlen.
2020 attackierten rund 20 vermummte Linksextremisten sechs Rechtsextremisten auf dem Bahnhof im sächsischen Wurzen. Die sechs kommen aus Dresden von einem Gedenkmarsch an die Luftangriffe 1945. Sie haben eine Reichskriegsflagge dabei. Vier von ihnen werden bei der Attacke lebensgefährlich verletzt: Lina Engel soll die Strippen gezogen haben. Bei der Überprüfung der Videoaufnahmen stellen Ermittler fest, dass eine Frau und ein Mann die Gruppe im Zug observiert hatten und dann telefonierten. Es soll sich um Lina Engel und ihren Verlobten Johann G. handeln. Das Paar selbst beteiligt sich nicht an dem Überfall.
Johann G. ist seit mehr als zwei Jahren abgetaucht. Doch vielleicht gibt es für das Paar nun nach Linas Freiheit ein freudiges Wiedersehen. Ob wir Lina Engel zum Haftantritt wiedersehen werden, bleibt jedenfalls abzuwarten.
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